Rüstung "Atomwaffen schrecken Dschihadisten ab"

McCain und Obama denken über eine atomwaffenfreie Welt nach: Ein äußerst unwahrscheinliches Szenario, urteilt Historiker Herfried Münkler. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt er, wieso Iran keinesfalls die Bombe bekommen darf - und die USA ihr Arsenal nie ganz aufgeben werden.


SPIEGEL ONLINE: Herr Münkler, was halten sie von der Idee einer weltweiten atomwaffenfreien Zone, wie sie von den früheren US-Ministern Henry Kissinger oder George Shultz protegiert und nun von Barack Obama und John McCain im US-Wahlkampf aufgenommen wird?

Nuklearmacht Indien: "Der letzte, der die Atombombe besitzt, ist der Herr der Welt"
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Nuklearmacht Indien: "Der letzte, der die Atombombe besitzt, ist der Herr der Welt"

Münkler: Realpolitisch ist das ganz unwahrscheinlich. Denn die Angst ist viel zu groß, dass eine der acht Nuklearmächte die Abrüstung insgeheim nicht mitmacht. Der letzte, der die Atombombe noch besäße, wäre der Herr der Welt. Obendrein: Selbst wenn jedes Land atomar abgerüstet wäre, hätten etliche Nationen die Fähigkeit, heimlich wieder eine Bombe zu bauen.

SPIEGEL ONLINE: Würde die Abschaffung aller atomaren Waffen den USA nicht einen enormen Vorteil bringen, sind sie doch der Konkurrenz bei der konventionellen Rüstung meilenweit voraus?

Münkler: Völlig richtig. Das heißt, zurzeit wären es vor allem die Russen, die sich gegen eine totale nukleare Abrüstung sperren würden. Sie wären die Verlierer, vermutlich auch die Chinesen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die USA Vorteile durch eine Abrüstung nuklearer Waffen hätten, warum entsprechen sie dann nicht dem Atomwaffensperrvertrag, in dem sich die Nuklearmächte verpflichtet haben, atomar abzurüsten?

Münkler: Weil sie den anderen nicht trauen. Und es gibt hier keinen Verlass, der zu Vertrauen nötigt.

SPIEGEL ONLINE: Insgesamt sind die Abrüstungsbemühungen ins Stocken geraten. Die Russen haben den KSE-Vertrag über konventionelle Waffen ausgesetzt, die Amerikaner den ABM-Vertrag zur Begrenzung der Raketenabwehrsysteme. Warum ist das so?

Münkler: Eine Zeit lang waren Abrüstungsverträge für die Russen attraktiv, weil sie ohnehin kein Geld für Waffen hatten. Gleichzeitig hatten sie aber das Gefühl, schlecht wegzukommen. Inzwischen stehen sie wirtschaftlich gut da, können wieder in Rüstung investieren und davon träumen, sich auf Augenhöhe mit dem Westen zu befinden. Die Amerikaner rüsten ungern ab angesichts ihrer globalen Verpflichtungen. Um ihre Interessen weltweit durchzusetzen, halten sie sich alle Optionen offen.

SPIEGEL ONLINE: Wegen angeblicher Sicherheitsmängel im Atomwaffenlager Büchel in der Pfalz verlangt nun die Opposition, dass die Amerikaner ihre atomaren Sprengköpfe aus Deutschland abziehen. Die Koalition verteidigt deren Präsenz. Brauchen wir in Deutschland noch Atomwaffen?

Münkler: Aus politischen Gründen: ja. Aus operativen Gründen: nein. Sollten wir nicht mehr bereit sein, diese Waffen in Deutschland zu lagern, werden wir auch nicht mehr den Finger mit am Abzug haben können. Das ist vielleicht nicht schlimm. Entscheidend aber ist, dass wir dann keinen Finger mehr am Sicherungshebel haben, also auch keinen Einfluss mehr hätten, einen atomaren Angriff zu verhindern. Deshalb sollten die Waffen bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Steht es um die Sicherheit der in Deutschland gelagerten Atomsprengköpfe wirklich so schlecht wie ein Mängelbericht des Pentagon vorgibt?

Münkler: Diese Informationen werden auch lanciert. Die Amerikaner haben ein großes Interesse daran, Investitionen für die Unterbringung ihrer Nuklearwaffen auf die Verbündeten abzuwälzen.

SPIEGEL ONLINE: Sind die aus der Zeit des Kalten Krieges stammenden Atomwaffenarsenale noch zeitgemäß, können sie heute noch politischen oder militärischen Zwecken dienen?

Münkler: Sicher nicht mehr im Sinne einer gegenseitigen Abschreckung von Ost und West. Doch der Gebrauch taktischer Atomwaffen, die sich tief in die Erde bohren und dort zünden, ist zum Beispiel für die Amerikaner eine ernstzunehmende Option für einen Präventivschlag gegen Iran.

SPIEGEL ONLINE: Iran baut angeblich an der Bombe. Welche Folgen hätte es, wenn das Land Atommacht wäre?

Münkler: Iran hätte dann die Vormachtstellung innerhalb des Nahen und Mittleren Ostens inne. Selbst wenn Präsident Ahmadinedschad Israel nicht mit der Vernichtung gedroht hätte, würde eine Nuklearmacht Iran die weltpolitische Konstellation verändern: Der Zugriff des Westens auf die Erdölreserven in der Region wäre in Gefahr. Außerdem: Sollte Iran die Atombombe haben, wollen sie bald auch die Saudis. Und wenn Saudi-Arabien sie hat, wollen sie auch die Ägypter. Wir hätten in der kritischsten Zone der Weltpolitik ein unkontrollierbares nukleares Wettrüsten.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von der These, die Expansionspolitik der USA etwa in Afghanistan oder im Irak habe das Streben nach der Atombombe befördert nach dem Motto: Atommächte wie Nordkorea werden nicht angegriffen, Staaten wie Irak, die sie nicht haben, hingegen schon?

Münkler: Die Bush-Administration hat ganz klar das Signal gesetzt: Hast du die Atomwaffe, bist du unangreifbar. Der Irakkrieg liefert starke Anreize für Iran, sich mittels der Bombe unverletzlich zu machen. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt können die Amerikaner noch militärisch zuschlagen. Ökonomisch würde es zweifellos ein Desaster werden, weil bei einem Angriff der Ölpreis explodieren würde.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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schnitte 25.06.2008
1. Soldaten vs. Indianer
wie lustig! Ein gewendeter Jungsozialist sinniert abstrakt über die Kriegslogik. Man muss schon ganz genau hinsehen um überhaupt eine Stelle zu finden an der die tatsächlichen Hintergründe von Militarisierung (selbstverständlich völlig unkritisch) angesprochen werden: "Der Zugriff des Westens auf die Erdölreserven in der Region wäre in Gefahr". In vorauseilendem Gehorsam wird vom Spiegel noch schnell "der islamistische Terrorist" verortet, dem man natürlich im Falle eines Atomschlages jedes soziale Gewissen aberkennt, und fertig ist Papas neorealistischer Kriegsspielrhetorikdualismus. Da man Herfried Münkler nicht gerade Naivität oder mangelnde Bildung unterstellen kann, muss man davon ausgehen, dass hier wieder mal ideologisch der Weg geebnet werden soll für eine breite Akzeptanz von noch viel mehr Militarisierung.
darkwingduck, 25.06.2008
2. Gott wie naiv
Zitat: Entscheidend aber ist, dass wir dann keinen Finger mehr am Sicherungshebel haben, also auch keinen Einfluss mehr hätten, einen atomaren Angriff zu verhindern. Deshalb sollten die Waffen bleiben. BLÖDSINN! Glaubt jemand, dass sich die Amerikaner bei der Entscheidung über den Einsatz von Atomwaffen von uns hereinreden lassen?
sysiphus, 25.06.2008
3. Quatsch
Die wichtigste Aussage von Herrn Münkler zuerst: "Kluge Leute glauben nicht unbedingt das, was sie erzählen." Das trifft auf ihn selbst hoffentlich auch zu. Sonst müsste ich tatsächlich glauben, an der Humboldt-Universität wird gelehrt, dass die widernatürlich hohen Rüstungsausgaben der USA mit Postheroismus, demografischer Struktur und mangelnder religiöser Inbrunst (in den USA??) vorrangig begründbar wären. Warum erwähnt der Mann nicht, dass damit in erster Linie eine unvorstellbare Menge GELD verdient wird? Ebenso hanebüchen ist seine Einlassung zu den US-Atomwaffen auf deutschem Boden. Nicht nur ihre pure Existenz ist ein skandalöser Anachronismus, nun sind sie offenbar auch noch unsicher gelagert. Dazu fällt der Bundesregierung natürlich nichts ein. Wahrscheinlich glaubt sie den gleichen Unsinn wie Herr Münkler - dass irgendjemand in Deutschland um Erlaubnis gefragt wird, wenn die Airforce ihre Bomben aus Büchel verwenden will. Natürlich darf das angebliche iranische Atomwaffenprogramm nicht fehlen. Herr Münkler vertritt hier die oft gedruckte Meinung, dass eine iranische Atombombe unweigerlich eine saudische und eine ägyptische Atombombe nach sich zöge. Kann mir mal jemand erklären, wie das gehen soll? Saudi Arabien hat zwar eine Menge Geld, aber kein qualifiziertes Personal und keine Infrastruktur für eine solche Aufgabe. Die könnten höchsten Bomben kaufen - aber wenn das ginge, könnte der Iran das auch... In Ägypten wäre die Sache noch aussichtsloser. Ägypten hat weder genügend Geld noch genügend Ingenieure und Wissenschaftler. Ebenso mau ist die Lage an Universitäten und Forschungseinrichtungen. Kein einziges arabisches Land wäre mittelfristig intellektuell in der Lage, ein Nuklearwaffenprogramm zu betreiben.
ONI 25.06.2008
4. Armutszeugnis....
"SPIEGEL ONLINE: … und Suizidbomber fürchten keine negativen Folgen für sich, da sie ohnehin bereit sind, in den Tod zu gehen ... Münkler: … und doch kann Abschreckung in solchen Fällen funktionieren - wenn ein Angreifer damit rechnen muss, dass der Angegriffene nuklear zurückschlägt und nicht nur ihn, sondern Tausende Unschuldige töten wird." Dieser Münkler hat ein perverses Weltbild! Der will doch glatt tausende Unschuldiger als Geiseln nehmen, um jemanden abzuschrecken, dem eigentlich insbesondere die eigenen "Glaubensbrüder" oder Landsleute egal sind (Die Terroristen erwischen doch mehrheitlich unschuldige "Glaubensbrüder" bzw. Landsleute). Unglaublich, soetwas von einem Vertreter einer renomierten deutschen Universität zu hören - ein echtes Armutszeugnis.
schnitte 25.06.2008
5. überrascht?
so mancher kritische Student bemerkt im Rahmen seines Studiums die eine oder andere sonderbar peinliche Veröffentlichung seiner Lehrkräfte. Die traurige Tatsache: Die sind immer noch absolut in der Überzahl an deutschen Universitäten. Deshalb: Widerspruch, immer und immer wieder!!
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