Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Rüstungsdeal: Türkei provoziert Nato mit Waffenkauf aus China

Von , Istanbul

Waffen an die Türkei: Chinesisches Kriegsgerät am Bosporus? Fotos
AP

"Das ist Verrat!" Nato-Offiziere sind entsetzt, weil die Türkei Flugabwehrraketen aus China bestellen will. Jetzt soll der Bündnispartner überzeugt werden, doch ein amerikanisches System zu kaufen. Aber für die Türken wäre das Modell aus Fernost billiger - und es hätte auch andere Vorteile.

Großer Ärger in der Nato: Hochrangige Offiziere sind erbost über die überraschenden Pläne des Bündnispartners Türkei, ein Flugabwehrsystem aus China zu kaufen. Das türkische Verteidigungsministerium hatte Ende September bekanntgegeben, dass ein chinesischer Anbieter bei einer Ausschreibung das Rennen gemacht habe.

"Wir arbeiten mit Hochdruck daran, dass Ankara die Kaufpläne so nicht umsetzt", sagt ein US-General zu SPIEGEL ONLINE. "Es kann nicht sein, dass ein Nato-Partner eine solch wichtige, sicherheitsrelevante Beschaffung aus China tätigt." Ein anderer Offizier, ein Brite, warnt: Sollte die Türkei die Flugabwehrraketen tatsächlich aus China bestellen, würde man damit "Sicherheitsschleusen öffnen, die nur schwer wieder zu schließen sind". Sein Fazit: "Was die Türkei macht, ist Verrat!"

Die "Hürriyet Daily News" zitiert einen namentlich nicht genannten westlichen Militärattaché, wonach ein chinesisches Luftabwehrsystem ein "Virus" innerhalb des Bündnisses wäre. "Innerhalb dieses kritischen Systems gibt es keinen Platz für China." Ein Botschafter eines Nato-Staates sagte der Zeitung, er habe "keine Ahnung", weshalb die Türken nicht erkennen würden, dass China die größte Sicherheitsherausforderung für die Nato in den kommenden 20 Jahren sei.

US-Außenministerium fordert Ankara zum Umdenken auf

Bereits nach Bekanntwerden der Entscheidung der Türkei hatte das US-Außenministerium "ernste Besorgnis" geäußert und Ankara aufgefordert, die Pläne zu überdenken. Der Zeitung "Today's Zaman" zufolge soll US-Präsident Barack Obama den türkischen Premier Recep Tayyip Erdogan zweimal auf das Thema angesprochen und auf "Kompatibilitätsprobleme" hingewiesen haben.

Auch im Nato-Hauptquartier in Brüssel wird gegenüber türkischen Politikern und Militärs betont, eine Flugabwehr aus chinesischer Produktion sei "nicht kompatibel" mit der Infrastruktur innerhalb der Nato. Es lasse sich nicht in das System der Allianz integrieren.

Die größere Befürchtung dürfte aber sein, dass chinesische Rüstungsexperten Zugang zu Nato-Daten bekommen und das Bündnis ausspionieren könnten. Hochrangige Offiziere berichten, man verstärke den Druck auf Ankara, das Geschäft nicht abzuschließen. "Wir reden uns die Münder fusselig", sagt einer in Ankara.

Es geht um das Flugabwehrsystem HQ-9, eine radargesteuerte Mittel- und Langstreckenrakete zur Bekämpfung von Flugzeugen, Raketen und Drohnen vom Boden aus. Die Türkei ist bei der Luftabwehr auf Nato-Partner angewiesen. So hat die Bundeswehr ihre "Patriot"-Systeme nahe der türkisch-syrischen Grenze stationiert, zum Schutz vor möglichen Angriffen aus dem bürgerkriegszerrütteten Syrien. Ankara will bei der Flugabwehr größere Eigenständigkeit erlangen und strebt deshalb den Kauf eines eigenen Systems an.

Für China wäre der Deal der Durchbruch auf dem Waffenmarkt

Vier Anbieter waren ins Rennen gegangen. Als Favorit galt das "Patriot"-System des US-Konsortiums Raytheon/Lockheed Martin, aber auch der italienisch-französische Hersteller Eurosam und Rosoboronexport aus Russland rechneten sich Chancen aus. Die China Precision Machinery Import and Export Corporation (CPMIEC), ein Unternehmen, das wegen seiner Lieferungen an Iran auf einer schwarzen Liste der USA steht, machte mit 3,44 Milliarden Dollar das günstigste Angebot. Damit blieb es als einziger Anbieter unter der von den Türken gesetzten Grenze von vier Milliarden Dollar.

Für die Chinesen wäre der Deal ein Durchbruch auf dem Waffenmarkt. Deshalb kommen sie auch der Forderung Ankaras entgegen, einen Teil der Produktion in die Türkei zu verlagern. In Istanbul soll ein Technologiepark entstehen, die Türken an der Herstellung beteiligt werden. Den Transfer von Wissen nimmt CPMIEC dabei in Kauf.

Türkische Politiker verweisen auf die niedrigen Kosten und auf die Beteiligung am Bau der Raketen als Grund für die Entscheidung. Eine Anpassung an das Nato-System sei kein Problem. Man werde ein türkisches Unternehmen damit beauftragen, die neue Flugabwehr technologisch in das Bündnis zu integrieren, teilte ein Sprecher des türkischen Verteidigungsministeriums auf Anfrage mit.

Ob es so weit kommt, ist unklar. In einer Erklärung der türkischen Regierung heißt es, man habe die Entscheidung getroffen, Verhandlungen zu führen. Das Geschäft sei ein "Symbol unserer Unabhängigkeit", wie Premier Erdogan erklärte. Der US-General sagt dagegen: "Wir haben Hoffnung, dass die Türken sich anders entscheiden." Sollten die Gespräche mit China scheitern, würde die Türkei Verhandlungen mit dem zweitbesten Anbieter - Eurosam - führen. Auf dem dritten Platz landete der "Patriot"-Hersteller.

Staatspräsident Abdullah Gül, der innerhalb der regierenden AK-Partei als Gegenspieler von Erdogan gilt, deutete an, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen sei. China gelte derzeit als Favorit. Man sehe die ökonomischen und technologischen Aspekte des Deals. Aber man kenne auch die Bündnisverpflichtungen. "Wir werden alles abwägen", erklärte er kürzlich.

Außenminister Ahmet Davutoglu machte deutlich, worum es eigentlich geht: um einen besseren Preis. "Wenn die amerikanischen und europäischen Firmen zu besseren Konditionen anbieten, könnten wir uns für sie entscheiden."

Hasnain Kazim auf Facebook

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 207 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ich weiss nicht was sich
felisconcolor 16.10.2013
hier empört wird. Das war doch immer das Ziel des globalen Handels. Inklusive der unsäglichen Ausschreibungspraxis, welche in Europa sogar vorgeschrieben ist für Regierungen. Tja und dann kommt es halt das auch Firmen von aussen zum Zug kommen. Business as usual
2.
Zaunsfeld 16.10.2013
Zitat von sysopAP"Das ist Verrat!" Nato-Offiziere sind entsetzt, weil die Türkei Flugabwehrraketen aus China bestellen will. Jetzt soll der Bündnispartner überzeugt werden, doch ein amerikanisches System zu kaufen. Aber für die Türken wäre das Modell aus Fernost nicht nur billiger - es hätte auch andere Vorteile. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ruestungsdeal-tuerkei-provoziert-nato-mit-waffenkauf-aus-china-a-928140.html
Nunja. Mag ja sein, dass die Chinesen etwas billiger anbieten, vielleicht sogar etwas unter Produktionspreis, um das Ganze als Werbestrategie zu sehen und einen Fuß in die Tür zu bekommen. Die Frage ist nur, ob einem dieser etwas günstigere Preis im Notfall was nützt, wenn z.B. die Technologie irgendwo eine kleine Hintertür hat, die dafür sorgt, dass die Raketen einfach nicht starten oder nicht treffen wollen, wenn beispielsweise mal ein chinesisches Flugzeug in agressiver Absicht daherkommt ...
3. Poker
truthonly 16.10.2013
Ich halte das für simples Poker von der Türkei da ich mit nicht vorstellen kann das sich die Türkei ein System hinstellt, welches von einem Nicht-Bündnisspartner der NATO letztendlich auch remote controlled, durch China, ausser Betrieb setzen lässt.
4. Würde ich genauso machen.
diorg 16.10.2013
Wieso sollte die Türkei hier nicht wirtschaftlich kalkulieren? Ideologisch sind die Gründe eventuell, nach dem Zieren unserer Gemeinschaft bezgl. des EU-Beitritts ja vielleicht schon nicht mehr so relevant.
5. Schlacht um einen Billionen-Markt
preteatro 16.10.2013
das ehemalige Verteidigungsbündnis NATO, welches sich mangels Bedrohung zum vorwärts verteidigenden Hilfsverein für hegemoniale US Bestrebungen wandelte, ist eine mehr als fragwürdige Vereinigung, welche die Staatskassen Billionen Euro/Dollar unter dem irre führenden Titel "Verteidigung" kostet. Das dieses System zum Geld drucken für wenige Waffenhersteller innerhalb der Mitgliedsstaaten mit allen Mitteln verteidigt wird, ist aus der Sicht der Profiteure nachvollziehbar. Weshalb die Bevölkerungen die weltweit mit Abstand grössten Waffenhändler und -käufer, USA und mit Respektabstand Europa, mit Zustimmung zu diesem Treiben unterstützen sollte, hat noch niemand auch nur annähernd schlüssig erklärt. Löst den hegemonialen Hilfsverein NATO endlich auf, seine Rechtfertigung, der eiserne Vorhang ist seit fast 25 Jahren Geschichte!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fläche: 783.562 km²

Bevölkerung: 77,696 Mio.

Hauptstadt: Ankara

Staatsoberhaupt:
Recep Tayyip Erdogan

Regierungschef: Binali Yildirim

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Türkei-Reiseseite



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: