Vormarsch der Nationalisten Rumänien auf Rechtskurs

Die Partei des rumänischen Präsidenten Johannis hatte einen Anhänger des Faschismus als Bukarester Bürgermeisterkandidaten nominiert. Beobachter warnen vor einem Erstarken des Nationalismus.

DPA

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Sie waren religiöse Fanatiker und blindwütige Antisemiten. Sie verübten ohne Unterlass terroristische Rachemorde. Bei rituellen Pogromen hängten sie Juden an Schlachterhaken auf.

Die "Legionäre", Rumäniens christlich-orthodoxe Faschisten der Zwischenkriegszeit, galten selbst unter ihresgleichen in Europa als besonders brutal und fanatisch. Sie waren hauptverantwortlich dafür, dass Rumäniens fragile Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg zerrieben wurde und in ein totalitäres Militärregime mündete, in dem Hunderttausende Juden und Zehntausende Roma ermordet wurden.

Ausgerechnet Rumäniens traditionsreiche National-Liberale Partei (PNL), deren politische Väter einst selbst Opfer der Legionäre waren, hatte für die Kommunalwahlen im Juni einen erklärten Anhänger der Legionärsbewegung zum Kandidaten für das Amt des Bukarester Oberbürgermeisters nominiert: Marian Munteanu.

Er war nach dem Sturz des Diktators Nicolae Ceausescu 1989 antikommunistischer Studentenführer und wurde im Juni 1990 von Schergen der damaligen neokommunistischen Machthaber fast zu Tode geprügelt. Schon damals war er ein Apologet der Legionäre. Bis heute gibt es aktive Gruppen, die sich als Nachfolger dieser Faschisten sehen.

Die Personalie Munteanu löste Mitte April einen Sturm der Empörung aus. Nur gut eine Woche nach der Nominierung sahen sich die Nationalliberalen deshalb gezwungen, seine Kandidatur zurückzunehmen. Doch die Affäre ist mehr als ein kurzer Spuk. Prominente Intellektuelle und Publizisten sehen sie vielmehr als Ausdruck einer Renaissance des Nationalismus und Extremismus im Land.

Der Publizist Dan Tapalaga konstatiert eine "akute, immer stärkere Verbreitung von nationalistischen, antiwestliche und ethnozentristischen Botschaften", wie er für das vielgelesene Portal Hotnews.ro schreibt. Der Philosoph Andrei Cornea fragt in der Wochenzeitung "22": "Bleibt Rumänien angesichts der Explosion des Nationalismus und des Populismus in vielen europäischen Ländern etwa eine Oase gemäßigter Politik?" Seine Antwort: "Nicht wirklich."

Bisher gehörte Rumänien nicht zur Gruppe der osteuropäischen Staaten mit illiberalen Regierungen. Doch das könne sich im allgemeinen antiwestlichen Klima bald ändern, warnt der Politologe Cristian Pîrvulescu - ausgerechnet unter dem deutschstämmigen Staatspräsidenten Klaus Johannis , der als ehemaliger PNL-Vorsitzender bis heute Einfluss auf die Nationalliberalen habe. In Rumänien gebe es eine feste nationalistische Wählerschaft von bis zu 40 Prozent, so Pîrvulescu.

Hetze gegen Muslime und die EU

Prominentester nationalistischer Wortführer des Landes ist der ehemalige Staatspräsident Traian Basescu . Regelmäßig sorgt er mit chauvinistischer Hetze gegen Muslime und antieuropäischen Tiraden für Schlagzeilen. Muslime seien unfähig, sich an die europäische Kultur anzupassen, so Basescu. In Westeuropa dürfe man bald keine Weihnachtswünsche mehr aussprechen, um Islamisten nicht zu verärgern, höhnt er. Den kontrovers diskutierten Bau einer großen Moschee in Bukarest bezeichnete Basescu als "antinationales Vorhaben" der Staatsführung.

Auch Rumäniens große Parteien setzen auf nationalistische, antieuropäische Botschaften. Sowohl die Sozialdemokraten der PSD als auch die Nationalliberalen führen Kampagnen und Wahlkämpfe, in denen sie den "Stolz auf das Rumänentum" und den christlich-orthodoxen Glauben betonen oder angebliche Brüsseler Kolonisierungsversuche geißeln.

"Ein guter Rumäne"

Die orthodoxe Kirche in Rumänien versucht ihrerseits, mit nationalistischen Kampagnen vom ausschweifenden Lebenswandel ihrer Führung und von ihren Korruptionsaffären abzulenken. So initiierte die Kirche zu Jahresanfang eine landesweite Unterschriftensammlung gegen eine bessere rechtliche Gleichstellung homosexueller Partnerschaften. Teile des orthodoxen Klerus hegen zudem Sympathien für die Legionärsbewegung. Namhafte Priester besuchen Gedenkveranstaltungen zu Ehren der Faschisten.

Rumäniens Staatspräsident Johannis hat zwar schon des Öfteren gegen Extremismus Stellung bezogen, allerdings nur sehr vage. Er werde deshalb nicht konkreter, weil er sich als "guter Rumäne" profilieren wolle, analysieren Kommentatoren.

Folgerichtig ließ Johannis zu Munteanus Aufstellung als Bukarester Bürgermeisterkandidat schriftlich nur knapp mitteilen, er habe Munteanu weder vorgeschlagen, noch unterstützt oder durchgesetzt.

Diese Worte seien ungenügend, kritisiert der Philosoph Andrei Cornea in der Wochenzeitung "22": Wenn Johannis sich seiner Verantwortung nicht bewusst sei, werde er als jener "deutsche Minderheitler in die Geschichte eingehen, der den chauvinistischen Rechtsextremen das Tor wieder geöffnet hat".


Zusammengefasst: In Rumänien nominierte die Partei des deutschstämmigen Staatspräsidenten Klaus Johannis einen Anhänger der faschistischen "Legionäre" als Bukarester Bürgermeisterkandidaten. Die Personalie wurde inzwischen zurückgezogen, Beobachter sehen sie dennoch als Ausdruck einer nationalistischen Renaissance im Land - und kritisieren den Staatspräsidenten für seine mangelnde Reaktion.

Zum Autor
  • privat
    Keno Verseck, Jahrgang 1967, seit 1991 freiberuflicher Journalist mit Schwerpunkt Mittel- und Südosteuropa.

    www.keno-verseck.de
insgesamt 82 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
pelayo1 26.04.2016
1.
Überall in Europa ist ein Erstarken des Nationalismus zu erwarten, wenn die Menschen sehen, dass übernationale Institutionen wie die EU nur im Interesse internationaler Eliten handeln.
jamon 26.04.2016
2.
Zitat von pelayo1Überall in Europa ist ein Erstarken des Nationalismus zu erwarten, wenn die Menschen sehen, dass übernationale Institutionen wie die EU nur im Interesse internationaler Eliten handeln.
und genau da setzt mein post #1 an: wer glaubt denn tatsächlich, dass die politische rechte lösungen hätte? das glauben doch meistens nur menschen, die sowohl von intelligenz wie auch empathie befreit sind.
philipp.hochbaum 26.04.2016
3. portale wie hotnews.ro...
...waren im vergangenen spätsommer wegen heraufziehender "flüchtlingsgefahr" seriös angehauchter wegbereiter des nationalismus, quasi ein bernd lucke der rumänischen medienlandschaft. dieselben neocons mitsamt den zitierten "philosophen" fürchten nun die (noch plattere) konkurrenz von rechtsaußen.
hummel1 26.04.2016
4. Warum gleich nervös werden?
Warum? Ich finde es gut wenn meine Interessen eher vertreten werden als die, von Menschen, die sich bis dato einen Dreck darum scherten wie es mir dabei geht!
südwest-1988 26.04.2016
5.
Also nur zur Klarstellung (auch wenn wieder gleich das große Geheule losgeht). Nicht alles was nationalistisch ist gleich anti-westlich oder anti-EU. In Rumänien gibt es selbst bei den harten Nationalisten nicht wirklich viele die anti-westlich sind. Der Westen besteht nun Mal nicht nur aus Deutschland (wo hinter jeder Ecke eine faschistische Verschwörung gesehen) wird, sondern auch aus anderen Ländern wie Frankreich, Großbritannien, Polen und auch die USA (auch wenn das viele nicht wahrhaben wollen). Man muss eben akzeptieren das Deutschland nicht das Zentrum der Welt ist und auch es auch andere Wertvorstellungen gibt. Das gilt nicht nur für Rumänien sondern auch für andere Länder.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.