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Erinnerungen von Ceausescus Pilot: Der letzte Flug des Diktators

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Rumänien: Mit Ceausescu auf Reisen Fotos
AFP

Alexandru Popa flog den rumänischen Diktator Ceausescu zur Bärenjagd und zum Blümchenpflücken. Jetzt hat der Pilot seine Erinnerungen an das grausame Tyrannen-Paar veröffentlicht. Er beschreibt Flucht, Hinrichtung und den Transport der Leichen.

Alexandru Popa ist ein frommer Mann. Die christlich-orthodoxen Feiertage waren ihm stets heilig. Um so tiefer haben sich dem 60-jährigen Rumänen die Stunden eingebrannt, die er 1989 am ersten Weihnachtstag in der Kaserne von Targoviste erlebte.

Aus der häuslichen Festtagsruhe war der damalige Hubschrauberkommandant Popa abberufen worden. Er flog von Boteni, wo er das Helikoptergeschwader befehligte, nach Bukarest und weiter in die 80 Kilometer entfernte Garnisonsstadt Targoviste. Dort wurde der Elitesoldat Zeuge des gewaltsamen Endes eines ihm wohlbekannten Passagiers: Neun Jahre lang hatte Popa Staatschef Nicolae Ceausescu und dessen Frau Elena geflogen - zu Jagdpartien, quer durchs Land oder auch in eine seiner 36 Villen. Nun sah der Offizier, wie die beiden im Hof der Kaserne an eine Wand geführt und von Kugeln durchsiebt wurden.

Popa war es, der die Leichen des Paares zurück nach Bukarest transportieren musste. In Zeltplanen gewickelt, wurden die "Pakete" laut Befehl von General Victor Stanculescu zunächst im Fußballstadion von Bukarest abgeladen. An die Mission und die Tage des blutigen Umsturzes erinnert der Pilot in seinem Buch "Der letzte Flug mit den Ceausescus", das jetzt, 24 Jahre nach deren Tod, erschienen ist ("Ultimul zbor cu sotii Ceausescu", Editura Primus, Oradea 2013, 180 Seiten).

Das Areal in Targoviste steht seit September als "Museum des Kommunismus" Besuchern offen: die kargen Räume der Kaserne, in denen das Tribunal stattfand, die Eisenbetten mit den dünnen Matratzen, auf denen das Paar in der Nacht vor seiner Hinrichtung saß, und auch die Todeswand im Hof.

Spannende und authentisch-sachliche Lektüre

Popa, der gläubige Bauernsohn aus der westsiebenbürgischen Region Bihor, der es zum Starpiloten brachte, erwähnt zwar immer wieder seine Gebete und Ängste inmitten des dramatischen Geschehens. Dennoch ist das Buch spannende und authentisch-sachliche Lektüre, schlicht erzählt, reich an Details aus dem Alltag von Ceausescu und seiner Frau.

Die Jagdleidenschaft des vom Schusterlehrling zum Diktator aufgestiegenen Ceausescu überstieg offenbar die all seiner Ostblockkollegen: "Wildschweine, Hirsche, Rehe, Trappen, Fasane, am liebsten aber Bären nahm er sich zum Ziel", erinnert sich Popa, der Ceausescu allwöchentlich in eines seiner 112 Reviere flog, wo Geheimdienst und Förster das Terrain vorbereitet hatten. Die Bären wurden lange vorher mit Pferdefleisch angefüttert, nach penibel eingehaltenem Zeitplan, so dass sie Ceausescu auf die Minute vor die Flinte liefen. Der ballerte so besinnungslos, dass schließlich "der Finger verletzt war und vom Arzt versorgt werden musste," schreibt der Pilot.

Das erste Mal brachte ihn Popa zu Ostern 1981 ins Revier, nicht ohne vorher noch die für jeden Rumänen wichtige nächtliche Auferstehungsandacht zelebriert zu haben. "Höchst zufrieden" habe der Staatsmann auch seine letzte Jagd im Oktober 1989 absolviert, erinnert sich der Pilot, der dafür schwierige Manöver im Gebirge vollführen musste: "Ceausescu erlegte zehn Gämsen."

Jovial zeigte sich der Diktator, der 1955 ins Politbüro aufgenommen worden war und nach hoffnungsvollem Anfang das brutalste Regime des Ostblocks etablierte, auf seinen Ausflügen im Cockpit: Er ließ den Piloten, die unterwegs nur Mineralwasser tranken, Wein für zu Hause einpacken. Anders als bei den meisten seiner Landsleute, denen am Heiligabend der staatlich verordnete "Frostmann" seine spärlichen Geschenke unter den "Winterbaum" legte, fehlte es den Familien der Flieger an nichts.

"Was für ein schönes Land wir haben", schwärmte Ceausescu einmal beim Blick aus der Kanzel, "ich will, dass wir es noch schöner machen." Für seine Frau pflückte er, unterwegs auf dem Lande, gern Blumen. Die habe er ihr, so Popa, dann - sichtlich zufrieden mit sich selbst - vor Publikum überreicht.

Im Führerkult gefangen

Das Finale hatte sich mit den Aufständen von Timisoara angekündigt, die Ceausescu am 17. Dezember 1989 mit dem Einsatz von Geheimdienst und Ordnungskräften zu unterdrücken versuchte. "Auf eine Reise nach Iran wollte er deswegen nicht verzichten," erzählt Popa, "in der Annahme, die undankbaren Massen ließen sich ohne Probleme niederdrücken."

Ceausescu, in seinem Führerkult gefangen, hatte nicht glauben können, dass sein Volk jemals aufmucken würde. Wer sich, wie die Rumänen, von Maisbrei ernähre, sei dafür zu träge.

Popa: "Erstmals wurde das Präsidentenflugzeug beim Abflug nach Teheran über das ganze Landesgebiet und das rumänische Territorium des Schwarzen Meeres von vier MIG-21 begleitet, ebenso war es beim Rückflug am 20. Dezember." Am 22. Dezember wurde schon das Blut der erschossenen Revolutionäre auf dem Pflaster beim Hotel Intercontinental und nahe des Universitätsplatzes weggewaschen, Tünche verdeckte die aufrührerischen Parolen an den Wänden. Nach vergeblichen Versuchen, die Demonstranten zu beschwichtigen, suchte das Paar schließlich von der Dachterrasse des ZK-Gebäudes aus das Weite.

Die hektische Flucht, von Popa nacherzählt, hat Thrillerelemente: Der Lift, mit dem das Paar von der ersten in die sechste Etage zu den georderten vier Helikoptern gelangen wollte, blieb stecken - zwei Handbreit vor dem Ziel. Elena Ceausescu habe mit dem Fuß gegen die Tür getreten, bis schließlich ein Adjutant das Fenster des Fahrstuhls zertrümmerte und so einen Ausstieg schuf. Gleich nach dem mühseligen Abflug des völlig überladenen Präsidentenhubschraubers nahm General Stanculescu, der Ceausescu zur Flucht auf diesem Wege geraten hatte, das Heft in die Hand: Ab sofort gehe alle Befehlsgewalt vom Innenministerium aus, ließ der Regisseur und Drahtzieher des ganzen Revolutionsdramas verbreiten.

Stanculescu war es auch, der Popa am ersten Weihnachtstag anwies, auf dem Gelände der Kaserne von Targoviste zu landen. "Für wen sind wir gekommen?", erkundigte sich der Pilot dort verwundert. "Wie, für wen? Für die Ceausescus", bekam er zur Antwort. Angesichts all der Panzer, Luftabwehrkanonen, Granatwerfer und Hunderten von Soldaten, die auf den Dächern, in Autos und Schützengräben bereitstanden, packte den damals 35-Jährigen die Angst: Er habe die Fotos von seiner Frau und den beiden Kindern aus der Brustasche genommen, sie geküsst und gebetet. Kurz darauf fuhr ein Militärwagen mit den Ceausescus vor, "die beiden waren sichtlich gealtert und verändert", erinnert sich Popa.

Fallschirmjäger ohne Fallschirm

Dass dieser Flug kein gewöhnlicher war, hatte der Pilot schon beim Start begriffen: An Bord gingen in Bukarest Offiziere und Militärjuristen, die vier zugestiegenen Fallschirmjäger seien "ohne Fallschirm, aber bis an die Zähne bewaffnet" gewesen.

Jeweils zwei Unteroffiziere, so Popa, brachten nach dem knapp zweistündigen Prozess im Garnisonsgebäude die zu Tode Verurteilten zur Mauer. Aus drei bis fünf Metern Entfernung, "ohne jegliche Order", hätten sie mit rumänischen Nachbauten der russischen Kalaschnikow AK-47 gefeuert, auf Automatik gestellt. "In Würde", schreibt Popa, sei der Diktator gestorben, er hörte ihn noch rufen "Es lebe das sozialistische Rumänien" und "Tod den Verrätern".

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1. Weiteres Blutvergießen verhindert
chefrationalist 25.12.2013
Die Tötung der Ceausescus hat seinerzeit weiteres Blutvergießen verhindert. Der Tod des Diktatorenpaars war ein deutliches Signal, dass die Revolution unumkehrbar ist. Und es war ein Moment der Genugtuung für das rumänische Volk. Dagegen hat es Deutschland nicht geschafft, Honecker für seine Verbrechen zu verurteilen und Stasi-Chef Mielke wurde lediglich für Polizistenmorde in den 1930er Jahren verurteilt und war nach kürzester Zeit wieder auf freiem Fuß. Die "blaue Hexe" Margot Honecker verbreitet heute noch ungestraft ihre Lügen aus dem fernen Chile.
2. Brutal und unmenschlich
lorberost 25.12.2013
... ich habe immer noch die Bilder von deren Ermordung vor Augen und finde es nach wie vor brutal - egal, was denen auch vorgeworfen wurde. Die beiden mußten aber aus dem Weg geräumt werden, damit deren Nachfolger freie Hand hatten beim Aufteilen der Beute. Und das ist bis heute so geblieben. Das rumänische Volk hat bis heute nichts zu fressen und ist gezwungen, im Ausland das Überleben zu verdienen. Ca. ein Drittel der rumänischen Bevölkerung ist inzwischen im Ausland. Zum Teil legal, zum Teil illegal.
3. @chefrationalist: Dummfug
Frank Gerlach #2 25.12.2013
Die DDR wurde nach dem Ende des Russischen Willens zur Besatzung sehr geordnet und zivilisiert abgewickelt. Und wenn Sie die französische oder russische Revolution für was tolles halten, sollten Sie mal einen Arzt aufsuchen. Bei Ihnen haben wohl die Cowboy-Filme zu sehr gewirkt, wo eine Konfliktlösung ala Ghandi niemals vorkommt. Und genau in diesem Sinne wird uns von den Berlinern wieder eingeflöst, dass ein bisschen Krieg ganz was Normales sei. Die Nationale Volksarmee der DDR hat in keinem einzigen Krieg mitgemischt ! Die Welt ist hat komplizierter als die Regierungspropaganda den Michel glauben macht.
4. mein erster Gedanke...
thomas haupenthal 25.12.2013
...damals war: Geschieht Euch recht! Mein zweiter, nach einigem Ueberlegen: Warum so schnell, so summarisch? Eben! Was waere wohl passiert, haette man die Ceausescus vor ein ordentliches Gericht gestellt und sie haetten dort ausgesagt? Haetten Namen genannt, Einzelheiten? Nein, die beiden wussten zuviel, die mussten weg...revolutionaere Gerechtigkeit? Justizmord? Abrechnung unter Bandenmitgliedern? Wahrscheinlich von allem etwas...
5. @Frank Gerlach: Trotteltalk
dünn 25.12.2013
Die NVA war einer der eifrigsten Helfershelfer bei der blutigen Niederschlagung des Prager Frühlings. Die NVA ist alleine an der Berliner Mauer für annähernd 1.000 (in Worten: eintausend) ermordete Menschen verantwortlich. Den Unrechtsstaat DDR als Friedenstaube darzustellen zeugt entweder von der verblendeten Niebelungentreue eines ehemaligen SED-Loyalisten oder der naiven Verklärung eines weiteren gescheiterten sozialistischen Experiments aus reiner Ignoranz.
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