Zum Tod von Rumäniens Ex-Monarch Michael Macht- und mittelloser König

König Michael war während des Zweiten Weltkriegs Rumäniens Staatschef - und damit einer der letzten Regenten aus dieser Zeit. Viele Landsleute verehrten ihn. Für die Rolle des Nationalhelden taugt er dennoch nicht.

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Einst riss er das Schicksal seines Landes mit einer mutigen Geste herum. Später lebte er jahrzehntelang kaum beachtet im Exil. Bis ihn die Zeitenwende von 1989 unerwartet noch einmal auf die Bühne der Geschichte brachte - als Ex-Monarch, dem Millionen zujubelten: König Michael I. von Rumänien. Er war einer der letzten lebenden Staatschefs aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Am 5. Dezember starb er in seiner Residenz im schweizerischen Aubonne im Alter von 96 Jahren nach einer langen Krebserkrankung.

Vielen Rumänen galt König Michael als ein Symbol des kultivierten, würdevollen Benehmens in einer politischen Landschaft voller Korruptionsaffären, Intrigen und permanenter verbaler Gehässigkeiten. Tatsächlich war er eine beeindruckende Persönlichkeit. Er trat zeitlebens mit großer Würde und Zurückhaltung auf und konnte Menschen durch seine natürliche Art für sich einnehmen. Dennoch taugt er wenig zu jenem nationalen Heldenmodell, das Rumänien bis heute sucht. Denn er hinterlässt auch eine widersprüchliche Lebensbilanz.

Geboren 1921, hatte Michael eine tragische Kindheit und Jugend. Sein Vater, König Karl II., war ein ebenso verantwortungsloser wie autoritärer Abenteurer, der Rumänien ins politische Chaos stürzte und die eigene Familie tyrannisierte. Erstmals zum König ernannt wurde Michael im Alter von sechs Jahren, bis sein Vater 1930 den Thron übernahm. Nach zehnjähriger Unterbrechung kehrte Michael 1940 in das Amt des Staatsoberhaupts zurück. Sein Vater hatte abgedankt und die Macht an General Ion Antonescu übergeben, der in Rumänien anschließend eine profaschistische Militärdiktatur errichtete.

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Rumäniens Ex-König Michael: Monarch ohne Macht

Formal blieb die Institution der Monarchie bestehen, doch praktisch war König Michael machtlos. Obwohl er Antonescus Politik - die Allianz mit Hitler, den Krieg gegen die Sowjetunion und die Deportationen von Juden und Roma - zutiefst missbilligte, schwieg er zunächst lange, öffentlich wie auch bei Treffen mit Antonescu. Rückblickend sagte Michael dazu in gelegentlichen Interviews, er habe als machtloser König ohnehin nichts beeinflussen können.

Putsch gegen Antonescu 1944

Eine realistische Chance, Antonescu zu stürzen, bot sich 1944, als die militärische Niederlage des Landes bereits absehbar war. Zusammen mit den Führern mehrerer verbotener politischer Parteien organisierte Michael einen Putsch gegen den "Führer" Rumäniens - der auch sein großer historischer Verdienst werden sollte: Am 23. August 1944 ließ er Antonescu nach einer Audienz verhaften. Rumänien wechselte damit auf die Seite der Alliierten.

Stalin dekorierte Michael später für seinen Mut. Vor der Absetzung durch die Kommunisten bewahrte den König das nicht: Am 30. Dezember 1947 musste er seine Abdankungsurkunde unterzeichnen und das Land verlassen. Vier Jahrzehnte verbrachte König Michael daraufhin im Exil, weitgehend abseits der Öffentlichkeit. Zusammen mit seiner Frau Anne von Bourbon-Parma und seinen fünf Töchtern lebte er größtenteils in der Schweiz und arbeitete unter anderem als Geflügelzüchter, Börsenmakler und Elektrotechnik-Händler.

Ins Rampenlicht rückte Michael wieder nach dem Sturz von Nicolae Ceausescu. Am 25. Dezember 1990 reiste er nach Rumänien, wurde jedoch nach wenigen Stunden gezwungen, das Land wieder zu verlassen. Die damaligen Machthaber um den Wendekommunisten Ion Iliescu fürchteten ihn, Iliescu selbst sagte später den berüchtigten Satz: "Der Mummelgreis soll sich um seine Rente kümmern und uns in Ruhe lassen."

Das wendekommunistische Regime baute Michael zum Gespenst auf - es hieß, als Monarch würde er sich das Land unter den Nagel reißen und das Volk versklaven. Ein Teil der Öffentlichkeit glaubte es, zugleich erhielt die monarchistische Bewegung so erst recht Auftrieb. Michael selbst erklärte weder einen expliziten Thronanspruch noch -verzicht. Er sagte lediglich, er stehe bereit, wenn die rumänische Nation sich für die Wiedereinführung der Monarchie entscheide. Mehrheitsfähig war die jedoch nicht - auch wenn es manchmal den Anschein hatte. So wie Ostern 1992, als Michael drei Tage ins Land einreisen durfte und sich in Bukarest eine Million Menschen zu seiner Begrüßung versammelten.

Umstrittene Versöhnung mit Iliescu

Knapp zehn Jahre später, im Frühjahr 2001, akzeptierte der Ex-Monarch eine umstrittene Versöhnung mit dem damals erneut als Staatspräsident amtierenden Iliescu - jener Mann, der ihn einst beschimpft und aus dem Land geworfen hatte. Die Königsfamilie erhielt einen Teil ihrer früheren Schlösser zurück, während Michael indirekt seinen Thronverzicht erklärte. Es war ein Deal, den viele Monarchisten Michael nicht verzeihen konnten.

Vom politischen Geschehen hielt sich der König seitdem fern. Im Jahr 2011 geriet er noch einmal in die Schlagzeilen, weil der damalige Staatspräsident Traian Basescu ihn in skandalöser Weise beschuldigte, ein "Russenknecht" gewesen zu sein und Rumänien nach 1944 der Sowjetunion ausgeliefert zu haben. Außerdem warf er ihm eine Mitschuld am Holocaust in Rumänien vor.

Zwar sind sich Historiker einig, dass von einer Mitverantwortung Michaels an der Ermordung von rund 300.000 rumänischen Juden keinerlei Rede sein kann. Allerdings war seine Mutter Elena der Gegenpol seiner zögerlichen Haltung: Sie protestierte beim "Führer" Antonescu regelmäßig energisch gegen die von ihm angeordneten Deportationen von Juden und Roma und konnte so viele Menschen vor dem Tod retten. In Israel wird sie deshalb als "Gerechte der Völker" geehrt.

Bereits anlässlich der Debatte von 2011 schrieb der Philosoph Andrei Cornea quasi einen Nachruf auf Michael, der heute auch als Kommentar zu Rumäniens Suche nach einem Heldenmodell verstanden werden kann: "Der König war kein Verräter und kein Knecht, aber auch nicht der Held, als den ihn manche porträtieren. In seinem persönlichen Verhalten in verschiedenen Umständen zeigte sich zu einem gewissen Maß jene Flexibilität, die unseren nationalen Habitus kennzeichnet. Allerdings - es ist auch keine Schuld, kein Held zu sein."


Korrektur: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, König Michael sei am 25. Dezember 1989 nach Rumänien gereist. Tatsächlich machte er die Reise im 1990.



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