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Rumsfeld-Rücktritt: Bush feuert seinen stursten Krieger

Von , New York

Mission not accomplished - Donald Rumsfeld, der älteste und umstrittenste Politiker der Bush-Regierung, muss als Sündenbock für das Irak-Desaster herhalten und abtreten. Seine Mission, ein radikaler Umbau der US-Armee, ist gescheitert, seine massiven Fehler werden Bush und Co. weiter verfolgen.

New York - Donald Rumsfeld pflegt gerne die Legenden um sich selbst als harter Krieger. Am Morgen des 11. September 2001, gerade eben war ein Flugzeug ins Pentagon in Washington eingeschlagen, ignorierte der Verteidigungsminister seine aufgeregten Sicherheitsleute. Bis zum Ende solle sein Stab im brennenden Fünfeck tagen, befahl Rumsfeld. Erst als der Rauch so dicht wurde, dass niemand mehr atmen konnte, ordnete er den Abzug an. Der Kommandant, so die Essenz der gerne erzählten Anekdote, geht als letzter von Bord.

Seine Maxime hielt Rumsfeld bis zum Mittwoch durch. Dann, um kurz nach 19 Uhr hiesiger Zeit, war seine Ära abgelaufen. In dürren Worten gab George W. Bush den Abgang seines stursten Kriegers bekannt. Nur drei Sätze war Rumsfeld seinem Präsidenten zunächst in einer Pressekonferenz am Tag nach der Wahl wert. Sein Militärchef sei ein "exzellenter Führer in einer Zeit des Wechsels gewesen", sagte Bush. Nun aber, nach "einer Reihe von tiefsinnigen Gesprächen", sei er sich mit ihm einig, dass "die Zeit für eine neue Führung im Pentagon gekommen sei".

In einer gemeinsamen Presskonferenz mit Rumsfeld und seinem Nachfolger Robert Gates zweieinhalb Stunden später sang Bush dann doch noch ein ausführlicheres Loblied auf den Scheidenden: Die Nation und die Welt seien dank Rumsfeld sicherer geworden. Während seiner Amtszeit seien zwei Diktatoren gestürzt und 50 Millionen Menschen befreit worden, erklärte der Präsident mit Blick auf die Kriege im Irak und in Afghanistan.

Stoisch hatten Rumsfeld und das Weiße Haus in den letzten Monaten jegliche Kritik zurückgewiesen, obwohl jeder wusste, dass er kaum noch haltbar war. Am Anfang, so die Gerüchteküche, sah der Minister aus lauter Selbstgerechtigkeit keinen Grund zum Rücktritt. Dann, mittlerweile war es Sommer 2006, war ein geordneter Rückzug wegen der Wahlen unmöglich. Das 74-jährige Raubein musste bleiben. Sein Rückzug aber war im Fall einer Niederlage beschlossene Sache.

Mit Rumsfeld verlässt ein Mann die Regierung, der wie kein anderer das Image der USA in der Welt geprägt hat. Unvergessen wird seine Art bleiben, Kritik an sich abperlen zu lassen. Es sind Szenen wie 2003, als er die Plünderungen in Basra als logische Folge der neuen Freiheit der Iraker erklärte und laut lachte. Rumsfeld hat stets polarisiert und nie an der Richtigkeit seiner Ziele gezweifelt. Lange Zeit war er für Bush ein Fels in der Brandung, nun wurde er zum Mühlstein am Hals des Präsidenten.

Seit vielen Monaten, vielleicht sogar seit Jahren, gilt Rumsfeld als der Schuldige für das Desaster im Irak. Er hat den Krieg gegen Saddam Hussein immer gewollt. Er hat ihn so geplant, wie er geführt wurde. Da die labile Lage im Irak, die im Oktober allein 103 amerikanische Soldaten das Leben kostete, die Mehrheit der Amerikaner ins Lager der Demokraten trieb, war der Rausschmiss nur zu logisch.

Mit dem Ende seiner Zeit als Minister ist auch Rumsfelds Mission in der Politik endgültig gescheitert. Von Beginn an plädierte er für einen radikalen Umbau der US-Militärmaschine. Statt mit schwerem Gerät und vielen Soldaten wollte Rumsfeld die Armee für spontane, schnelle und erfolgreiche Regime-Umstürze überall auf der Welt fit machen. Statt vieler Panzer sollten Kommandoeinheiten agieren, statt aufwendigem Luftkrieg lieber gezielte Attacken. Der Krieg, so die Maxime des Wirtschaftlers Rumfeld, sollte billiger werden.

Woodwards Abrechnung

Der Feldzug im Irak sollte das Paradebeispiel für diese neue Ära werden. Statt der Empfehlung des US-Zentralkommandos zu folgen und mindestens 450.000 US-Soldaten ins Zweistromland zu schicken, setzte Rumsfeld nur ein Drittel davon in Bewegung. Der schnelle Durchmarsch nach Bagdad, die Erosion des Machtapparats von Saddam Hussein, der nicht existente Widerstand der irakischen Armee - alles schien Rumsfeld Recht zu geben. Das war so bis zum Sommer 2003, den gern als golden days genannten Tagen des Irak-Kriegs.

Dann ging es abwärts im Irak und Rumsfeld traf, so meinen zumindest viele der damals Beteiligten, eine falsche Entscheidung nach der anderen. Der Krieg, er wurde "sein Krieg", wie es US-Starreporter Bob Woodward in seinem Buch "State of Denial" kürzlich schilderte. Es liest sich wie eine Abrechnung mit Rumsfeld, der sich mit seiner arroganten, aggressiven und rücksichtslosen Art so viele Feinde machte, dass Woodward nur noch die Anekdoten von willigen Zeugen protokollieren musste.

Er beschreibt, wie der Minister alle Kompetenzen an sich zog, seine Generäle zu riskanten Kriegsplänen überredete, deren Zweifel nicht an den Präsidenten weiterleitete und jeden Gegner mit brutalem Kalkül ausschaltete. Selbst die damalige Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice, eine der wichtigsten Figuren im Bush-Apparat, bekam seine Art zu spüren. Ihre Anrufe erwiderte Rumsfeld erst wieder, als Bush ihn persönlich dazu aufforderte.

Neben alle den Geschichten, wie Rumsfeld Mitarbeiter zur Schnecke macht oder ausspielt, lasten ihm Experten vor allem taktische Fehler an. Zum einen erkannte der Minister nicht rechtzeitig, dass ein Plan für die Zeit nach dem militärischen Feldzug ein wichtiger Schlüssel zu Stabilität ist. Er konzentrierte sich nur auf den Einmarsch der Truppen, die Planungen für eine künftige Ordnung interessierten ihn nicht. Er traf Entscheidungen, ohne sich mit Fachleuten zu beraten, wie beispielsweise die Auflösung der irakischen Sicherheitskräfte.

Rumsfelds Position war bereits damals umstritten. Zweimal, so schreibt Woodward, legte der damalige Stabschef des Weißen Hauses dem Präsidenten die Ablösung nahe. Selbst die Gattin des Präsidenten soll Bush einmal zugeflüstert haben, Rumsfeld sei nicht mehr haltbar. Doch Rumsfeld hatte Fürsprecher. Vizepräsident Dick Cheney und Chefberater Karl Rove redeten Bush ein, ein Wechsel im Pentagon käme einem Eingeständnis von Fehlern gleich. Die gleichen Berater werden nun gesagt haben, dass Rumsfeld einfach nicht mehr tragbar sei.

Leitartikel läutete das Ende ein

Lange Zeit lang hielten viele der Militärs still, wenn es um den Minister ging. Die Loyalität zu Rumsfeld, vor allem aber die Angst vor der erbitterten Rache des zornigen Politikers, wirkten. Nur hinter verschlossenen Türen ließen sich Generäle und Strategen über ihren Chef aus. Dies hatte spätestens dieses Jahr ein Ende; immer mehr Militärs äußerten in Interviews scharfe Kritik. Kurz vor der Wahl veröffentlichte die "Army Times", eine Soldaten-Gazette, ein Essay. Das Urteil fiel vernichtend aus. "Donald Rumsfeld muss gehen", so der Leitartikel.

Bei den Soldaten hat sich der Pentagon-Chef vor allem durch seine Sparpolitik unbeliebt gemacht. Zynische Kommentare taten den Rest. Als sich beispielsweise im Dezember 2004 ein im Irak stationierter Soldat über die mangelnde Schutzausrüstung beklagte, bekam er eine typische Rumsfeld-Aussage: Man müsse "eben in den Krieg gehen mit der Armee, die man hat, nicht mit der Armee, die man sich wünscht".

Doch als sich die "Army Times" zu dem mutigen Essay entschloss, war der Abgang Rumsfelds vermutlich schon längst besiegelt. Auch wenn Bush sagte, er habe vergangene Woche noch nicht darüber entschieden, ist das nur politische Rhetorik, die niemand glauben wird. Der Rücktritt ist ein Eingeständnis, dass Rumsfelds Taktik im Irak nicht aufgeht und fehlerhaft war. Indirekt hat Bush das sogar am Mittwoch selber bestätigt. Er, Rumsfeld und die US-Bevölkerung wünschten sich schnellere Fortschritte, sagte er.

Insider registrierten kürzlich ein Indiz, dass Rumsfelds Rückzug ankündigte. Als das Pentagon seinen Etat, ein gigantisches Budget von 137 Milliarden US-Dollar für 2008, politisch vor dem Kongress rechtfertigen musste, fehlte Rumsfeld bei den Anhörungen. Statt des Ministers, der solche rhetorischen Kampfsituationen liebt wie kein anderer, saß überraschend sein Stabschef, General Peter Schoomaker, vor den Politikern. In den Fach-Gazetten wurde dies als Signal für Rumsfelds Ende verstanden.

Gleichwohl wird der Rückzug Rumsfelds der Bush-Truppe nur zeitweise Entlastung bringen. Zum einen wird sich der Nachfolger Bob Gates noch Jahre mit den falschen Richtungsentscheidungen abquälen müssen, denn im Irak werden weiter US-Soldaten sterben. Zudem muss er das zerbrochene Geschirr zwischen Pentagon und den Militärs kitten. Die Mission wird nicht einfach.

Vor allem aber die Demokraten werden Bush und Co. mit einem einfachen Rücktritt nicht davonkommen lassen. Schon jetzt ist klar, dass mehrere Ausschüsse den Weg in den Irak und das Handling in der Zeit nach dem Fall von Saddam Hussein untersuchen werden. Wie kein anderer wird Donald Rumsfeld im Zentrum der Kritik stehen. Der Ex-Minister wird die Anhörungen nutzen, um sich und seine Amtszeit zu verteidigen. Auch wenn er seinen Rücktritt akzeptierte, wird er seine Fehler nicht einsehen.

Ein harter Krieger wie er bleibt sich treu - bis zum Ende des Kampfs und mit der Option, immer noch für Überraschungen gut zu sein.

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