Russisch-polnische Annäherung: Putin wagt den Kniefall vor Stalins Opfern

Aus Katyn berichtet

Historische Geste über Massengräbern: Russlands Regierungschef Putin verneigt sich vor den polnischen Opfern des sowjetischen Terrorregimes - und läutet damit eine Annäherung mit Polen ein, von der auch Europa profitieren könnte.

dpa

Noch ist der Schnee nicht gänzlich getaut unter den Fichten von Katyn. Die russische Militärkapelle hat jetzt aufgehört zu spielen in dem Wäldchen, 20 Kilometer von der westrussischen Stadt Smolensk entfernt. Es wird ganz still in Katyn, der bemooste Waldboden verschluckt jeden Laut.

Russlands Regierungschef neigt sein Haupt. Wladimir Putin erweist Tausenden ermordeten polnischen Offizieren in Katyn die Ehre. Dann sinkt er zu Boden: Für einen Augenblick kniet Putin über den Gräbern der Toten, die Stalins Schergen im April und Mai 1940 hinrichteten, mit gezielten Schüssen in das Genick. 4000 polnische Offiziere, Geistliche, Beamte und andere "konterrevolutionäre Elemente" wurden von den Sowjets allein in dem Wäldchen von Katyn ermordet, weitere in Twer, in Charkow und anderswo in der Sowjetunion, insgesamt mehr als 20.000 Polen.

Den Erschießungsbefehl von Geheimdienstchef Lawrenti Beria hatte Diktator Josef Stalin unterzeichnet, das Kommando bei den Massakern führte die sowjetische Geheimpolizei NKWD. Putin hat einst beim Geheimdienst KGB Karriere gemacht, der Nachfolgeorganisation des NKWD. Ende der neunziger Jahre leitete er den russischen Inlandsgeheimdienst FSB, hervorgegangen nach dem Zerfall der Sowjetunion aus dem KGB. Nicht nur deshalb ist Putins Kniefall eine historische Geste, die ein neues Kapitel in den russisch-polnischen Beziehungen aufschlagen könnte.

"Zum ersten Mal", sagt die russische Historikerin Natalia Lebedewa zu SPIEGEL ONLINE, "gedenkt ein russischer Regierungschef den Opfern in Katyn." Lebedewa hat ihr ganzes Lebenswerk dem Kampf für die Anerkennung der sowjetischen Gräueltaten an den Polen gewidmet. Sie ist jetzt 71.

Russlands Premierminister, der Katyn am Mittwoch gemeinsam mit seinem polnischen Amtskollegen Donald Tusk besuchte, hat es vermieden, sich im Namen seines Landes für das Polen verübte Unrecht zu entschuldigen. Er hat es auch nicht versäumt, zu betonen, dass neben Polen in Katyn auch "sowjetische Bürger" verscharrt wurden, die Stalins Säuberungsaktion zum Opfer fielen, und "Rotarmisten", ermordet von Hitlers Truppen.

Putin geißelt die "zynischen Lügen"

"Putin hat dennoch gezeigt", sagt Lebedewa, "dass die russische Führung dem Thema Katyn eine ganz neue Bedeutung beimisst".

Putin, oft für frühere Aussagen kritisiert, der Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der neunziger Jahre sei "die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts", hat in Katyn den "unmenschlichen Totalitarismus" verurteilt und "durch nichts zu rechtfertigende Verbrechen". Stalins Märchen, die vermissten Offiziere seien "in die Mandschurei" geflohen, geißelte er als das, was sie waren: "zynische Lügen".

Putin vollführt eine Kurskorrektur im Verhältnis zu Polen und der gemeinsamen Geschichte. Bereits im September 2009 verurteilte er in einem offenen "Brief an die Polen" den Hitler-Stalin-Pakt, der 1939 zur Aufteilung Polens geführt hatte.

In der vergangenen Woche zeigte das russische Staatsfernsehen dann das Drama "Katyn" des polnischen Regisseurs Andrzej Wajda, dessen Vater selbst 1940 von den Sowjets ermordet wurde. Nikolaj Swanidse, Historiker und Biograf des russischen Präsidenten Dmitrij Medwedew pries den "unglaublich starken Film" und polnische Zeitungen feierten die Ausstrahlung gar als "Zeichen einer polnisch-russischen Wende".

Tatsächlich lief der Film lediglich auf dem Spartenkanal "Kultura", vergleichbar etwa mit dem deutschen 3sat - und konkurrierte mit dem jüngst mehrfach oscarprämierten Blockbuster "Hurt Locker".

Dennoch bemüht sich Russland deutlich, das angespannte Verhältnis zum slawischen Nachbarn zu entkrampfen. In den vergangenen Jahren kam es immer wieder zu Spannungen zwischen Warschau und Moskau.

Die Bereitschaft Polens, Teile eines US-Raketenabwehrsystems auf eigenem Territorium zu stationieren, bewertete Russland als feindlichen Akt - und warnte vor militärischen Gegenmaßnahmen. Die Spannungen gipfelten in der ironischen Bitte von Außenminister Radoslaw Sikorski, Russland möge doch seine Drohungen mit einem Nuklearschlag auf eine im Quartal beschränken.

Allen Anschein nach hat Putin mit Donald Tusk seit dessen Amtsantritt im November 2007 eine gemeinsame Sprache gefunden - ganz anders als mit Vorgänger Jaroslaw Kaczynski. Über den Gräbern von Katyn reichten sich Tusk und Putin die Hand - und könnten damit auch Europa einen Dienst erweisen. Denn in der Vergangenheit belasteten die polnisch-russischen Spannungen immer wieder die Beziehungen der EU zu Russland, etwa bei den Verhandlungen eines neuen Partnerschaftsabkommens, die Polen immer wieder torpedierte.

Es seien auch die Toten von Katyn, sagte Tusk am Ort des Gedenkens, die darauf vertrauten, dass die Führungen der beiden Länder einen Weg zur Versöhnung finden. Viele Angehörige der polnischen Opfer, die mit Tusks Delegation nach Katyn gereist waren, hätten sich eine klare Entschuldigung von Putin gewünscht. Der aber muss auch Rücksicht auf russische Befindlichkeiten nehmen: Eine Mehrheit der Russen lehnt eine Entschuldigung ab. 54 Prozent der Befragten gaben zudem an, sie wüssten nichts von dem Massaker an Polen.

"Wir haben nicht all das gehört, was wir uns von Putin gewünscht hätten", sagt Arsenij Roginskij, Chef der russischen Organisation Memorial, die sich für die Aufarbeitung des Stalin-Terrors einsetzt, zu SPIEGEL ONLINE. "Aber was er gesagt hat, ist ein Schritt voran. Das macht Mut."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Wladimir Putin
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite