Russisch-polnische Beziehungen Moskau stellt Akten zu Katyn-Massaker ins Internet

Die Anordnung kam vom Präsidenten persönlich: Erstmals hat Russland Akten über das Massaker von Katyn im Internet veröffentlicht. Dmitrij Medwedew sprach von einer Pflicht seines Landes und kündigte die Freigabe weiterer Dokumente an.

Auszug aus einer veröffentlichten Katyn-Akte: "Das ist unsere Pflicht"

Auszug aus einer veröffentlichten Katyn-Akte: "Das ist unsere Pflicht"


Moskau - Jahrzehnte blieben die Akten unter Verschluss, nun setzt die russische Regierung im Umgang mit dem Massaker von Katyn auf Offenheit. Erstmals hat Moskau Dokumente über die Erschießung von Tausenden polnischen Offizieren während des Zweiten Weltkriegs ins Internet gestellt. Der russische Präsident Dmitrij Medwedew ordnete die Freigabe am Mittwoch an. Die Akten wurden auf der Internetseite von Russlands Archivdienst veröffentlicht.

"Wir müssen unsere Lektionen aus der Geschichte lernen", sagte Medwedew. Zugleich versprach der Kremlchef, der polnischen Seite weitere bisher noch unter Verschluss gehaltene Dokumente zugänglich zu machen. "Das ist unsere Pflicht", sagte Medwedew.

Polen fordert seit langem von Russland, alle Akten zum Massaker von Katyn öffentlich zu machen. Das Einlenken Moskaus kommt wenige Wochen nach dem Flugzeugabsturz des polnischen Präsidenten Lech Kaczynskis in Smolensk. Er war am 10. April zusammen mit 95 weiteren Insassen auf dem Weg zu einer Gedenkfeier in Katyn verunglückt.

Die Anteilnahme Russlands nach dem Absturz hat Hoffnungen auf eine Entspannung in den schwierigen Beziehungen zwischen den beiden Ländern geweckt. Die Veröffentlichung der Akten gilt als weiterer Schritt zur Aussöhnung.

Zu den sieben am Mittwoch ins Netz gestellten Dokumenten gehört ein Memorandum vom März 1940 des damaligen Chefs der sowjetischen Geheimpolizei NKWD, Lawrentij Berija. In dem als streng geheim eingestuften Text schlug Berija dem Sowjet-Diktator Josef Stalin vor, bei den Tausenden polnischen Gefangenen schnell zu den "stärksten Mitteln der Bestrafung - Tod durch Erschießen" zu greifen.

Nun könne jeder sehen, "wer die Befehle zur Ermordung der polnischen Offiziere gab", erklärte Medwedew nach der Aktenveröffentlichung.

Die sowjetische Geheimpolizei ermordete im April und Mai 1940 auf Befehl Stalins bei Katyn, in anderen Regionen Russlands sowie in der Ukraine und in Weißrussland rund 22.000 Polen, meist Offiziere, Polizisten und Intellektuelle. Die Leichen wurden in den Wäldern in der Nähe des westrussischen Katyn verscharrt.

Jahrzehntelang machte die Sowjetunion die Nationalsozialisten für das Massaker verantwortlich. Erst 1990 gab der damalige Staatschef Michail Gorbatschow zu, dass es auf das Konto Moskaus ging. Unterschriften bewiesen, dass alle Nachfolger Stalins im Kreml die Dokumente studiert hätten, sagte der Leiter von Russlands Archivdienst, Andrej Artisow. "Sie nahmen das Verbrechen zur Kenntnis, dann wurden die Akten wieder versiegelt."

Die nun veröffentlichten Dokumente wurden bereits 1992 von Gorbatschows Nachfolger Boris Jelzin freigegeben und waren in Polen bekannt. Doch konnten sie bisher nur ausgewählte Wissenschaftler im Moskauer Staatsarchiv einsehen. Der Chef des Rates für Kriegsgedenkstätten in Warschau, Andrzej Krzysztof Kunert, nannte die Veröffentlichung im Internet deshalb einen "Durchbruch".

Ansturm legte Internetseite lahm

Archivdienst-Chef Artisow erklärte, kurz nach der Freigabe habe die Internetseite bereits zwei Millionen Besucher verzeichnet. Zeitweise sei der Server der Behörde wegen des Ansturms zusammengebrochen.

Polnische Politiker und russische Historiker begrüßten die Freigabe der Akten und forderten nun auch eine volle Rehabilitierung der Opfer. Es seien noch immer nicht die Namen aller Ermordeten bekannt, kritisierte der Vorsitzende der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial, Arseni Roginski. Auch die Identität der Mörder müsse endlich gelüftet werden.

Im vergangenen Jahr hatte ein Moskauer Gericht eine Rehabilitierung der Opfer mit der Begründung abgelehnt, die sterblichen Überreste seien nicht hinreichend identifiziert worden. Das Oberste Gericht Russlands kippte jedoch das Urteil und ordnete eine weitere juristische Aufarbeitung des Massakers an.

mmq/dpa/AFP



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
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ludwig10 28.04.2010
1. Zufall
Kann es eventuell vorkommen, dass gerade ein erneuter unglücklicher Fall zur Aussöhnung solcher Länder Beitrag leistet, die jahrhundertlang in riesigem Kampf miteinander gestanden hatten??? So, diese Flugzeug-Katastrofe, an der polische Menschen haben sterben müssen, kann ein neuer Wendepunkt in den Beziehungen beider Länder bedeuten. Es ist ganz scheußlich, dass es ausgerechnet am Jahrestag der Massakres in Katyn passieren musste, vielleicht kann es mal zu Verbesserungen der Landesbeziehungen kommen...
lichtschalter 28.04.2010
2. Stalin und Berija
kamen beide aus Georgien. Damit "man weiß wer die Befehle gab". Das hat also noch einen ganz anderen aktuellen Bezug als den Absturz der polnischen Regierungsmaschine.
Andro 28.04.2010
3. Medwedews Selbstanzeige soll folgen
Ob dem Presidenten Medwedew auch das Gedanke durch sein Gedächtnis kommen kann, dass mit einer Veröffentlichung er die russische KGB Regime nicht abputzen kann und logischer Weise soll nun eine unedliche Reihe von weiteren Veröffentlichungen veranlassen und anschließend eine Selbstanzeige wegen der Zugehörigkeit an Putins KGB Gebaren erstatten. Diese monstreos-idiotische Gesten des Kremels sind recht komisch. Das bereuen können sie nicht.Das sind nur die Versuche die modermesierte russischee KGB Regime in der Welt zu legitimieren.
Klausgraf 29.04.2010
4. Qualitätsjournalismus?
Wann werden es sogenannte Qualitätsjournalisten lernen, bei Berichten über Websites diese auch mit der Adresse zu didentifizieren? http://archiv.twoday.net/stories/6313197/
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