Russische Medien: "Snowden plant ein neues Leben"

Von Claudia Thaler, Moskau

Russland hat Edward Snowden Asyl gewährt - für zunächst ein Jahr. Doch welche Pläne hat der NSA-Enthüller? Und warum bekam er von Moskau nur befristet Unterschlupf? In russischen Medien wird heftig über die Gründe spekuliert.

Moskau - Edward Snowden lebte mehr als einen Monat in der Transitzone des Moskauer Flughafens Scheremetjewo. Jetzt erhielt der Whistleblower nach Angaben seines Anwalts Anatoli Kutschera vorläufiges Asyl, deshalb durfte der 30-Jährige den Airport der russischen Hauptstadt verlassen - mit unbekanntem Ziel.

Details über das Geschehen am Donnerstag Nachmittag gibt es nur wenige. Der Sender Rossija 24 sendete als erster ein Interview mit dem Anwalt des NSA-Enthüllers. Anatoli Kutscherena gab die brisante Neuigkeit bekannt: "Edward Snowden hat heute die Grenze Russlands passiert und befindet sich nun offiziell auf dem Territorium unseres Landes."

Snowden darf sich jetzt in ganz Russland frei bewegen - von Kaliningrad bis Wladiwostok. Die Nachrichtenagentur RIA Novosti berichtete, der Whistleblower sei schon um 15.30 Moskauer Zeit in der Öffentlichkeit gesichtet worden. Snowden sei "alleine in ein ganz gewöhnliches Taxi" gestiegen, meldete die Tageszeitung Wedomosti. Die Onlinezeitschrift lenta.ru wusste angeblich noch mehr: Die WikiLeaks-Mitarbeiterin Sarah Harrison habe Snowden abgeholt und habe gemeinsam mit ihm das Flughafenareal verlassen.

Snowden hatte mit der Enthüllung geheimer Spähprogramme des US-Geheimdienstes NSA Ende Mai weltweit für Aufsehen gesorgt. In seinem Heimatland, wo er wegen Geheimnisverrats gesucht wird, droht ihm deshalb eine langjährige Haftstrafe. Von Hongkong aus war er am 23. Juni nach Russland gereist. Nachdem die USA seine Reisedokumente für ungültig erklärten, hielt sich Snowden 40 Tage lang in der Transitzone des Moskauer Flughafens auf.

Nach dem Verlassen des Flughafens dankte Snowden Russland für die Gewährung von Asyl. In der Erklärung, die am Donnerstag bei WikiLeaks veröffentlicht wurde, warf er der US-Regierung die Missachtung einheimischen und internationalen Rechts vor. Am Ende jedoch habe das Recht gesiegt.

Snowdens neue russische Reisedokumente veröffentlichte als Erster der Fernsehsender Russia Today auf Twitter. "Ich habe ihm selbst die Dokumente über sein Asyl ausgehändigt", bestätigte Anwalt Kutscherena gegenüber Interfax. "Er darf nun ein Jahr lang in Russland bleiben." Snowden selbst hatte am 16. Juli einen offiziellen Asylantrag bei den russischen Behörden eingereicht.

Wo genau Snowden sich in Russland nun niederlassen wird, wollte Kutscherena gegenüber Rossija 24 nicht verraten. "Es geht um seine Sicherheit. Heute ist er einer der meistgesuchten Menschen der Welt." Snowden halte sich an einem sicheren Ort auf, teilte der Jurist mit.

Snowdens Vater hatte seinem Sohn noch am Mittwoch empfohlen, in Russland zu bleiben. "Ich denke, dass Russland fest entschlossen und in der Lage ist, meinen Sohn zu beschützen", sagte Lon Snowden dem Fernsehsender Rossia 24. "Wenn ich an seiner Stelle wäre, würde ich in Russland bleiben."

Russische Journalisten beschäftigte aber auch stark die Frage, warum Snowden nur ein vorübergehendes Asyl bekam. Ein Experte für Einwanderungspolitik in Russland erklärte der Tageszeitung "Moskowski Komsomolets": "Es dürfte sich wohl um politische Gründe handeln. Um politisches Asyl zu erhalten bedarf es eines Dekrets, und Präsident Putin will sich wahrscheinlich keine weiteren Probleme mit dem Weißen Haus einhandeln."

Kritische Stimmen über das Asyl für Snowden veröffentlichten die russischen Medien nicht. Sogar die Menschenrechtlerin Ljudmila Alexejewa, eine große Putin-Kritikerin, erklärte gegenüber Interfax: "Ich bin froh, dass es geklappt hat und Snowden Asyl in unserem Land gewährt wurde." Eine angebliche Weiterreise in wärmere Gefilde wie etwa nach Venezuela, Nicaragua oder Bolivien sei für Snowden zurzeit kein Thema.

Sein Anwalt Kutscherena glaubt, dass Snowden sich nun auf einen längeren Aufenthalt in Russland vorbereite: "Er plant hier ein neues Leben einzurichten und will auch hier arbeiten", wird er von der Zeitung "Wedomosti" zitiert. Die erste Jobofferte hat Snowden bereits vorliegen: Der Gründer des ins Russland beliebten sozialen Netzwerks Vkontakte, Pawel Durow, hat dem 30-Jährigen Arbeit als Beauftragter für Datenschutz in seinem Unternehmen angeboten. "Wir laden Edward nach St. Petersburg ein und würden uns freuen, wenn er sich dem Dream-Team der VKontakte-Programmierer anschließen würde", schreibt Durow.

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NSA-Enthüllungen: Chronologie der Snowden-Affäre
Lesen Sie hier die Chronologie der gesamten NSA-Affäre.

mit Material von dpa/Reuters/AFP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. mach's gut!
möhrli 01.08.2013
Zitat von sysopRussland hat Edward Snowden Asyl gewährt -
Alles Gute, Eddie! Das Land ist groß, die Winter sind lang, das politische Klima ist rauh, und gut lebt sich's auf der Datscha in froher Dissidenten-Runde. Stänkern is' aber nich'. Sonst geht's ab in den Bau zu den Mädels von Pussy Riot, die auch schon den Aufstand geprobt haben. Mag Dein neuer Gastgeber gar nich'. Also bleib' auf der Hut, alter Schwede.
2. ja
spon_novp 01.08.2013
da wird einem der putin ja sympatisch. weiter so ihr 'snowdens' dieser welt. wir sind das volk.
3. Nur ein dummer Junge.
Argentiniengläubiger 01.08.2013
Die USA würden ihn bestimmt nicht sehr hart bestrafen. Er könnte ruhig heimkehren.
4. Das...
berdyansk_karl! 01.08.2013
Hr. Snowden nur fuer 1 Jahr Asyl in Russland bekommen hat, ist ein ganz normaler Vorgang! Jeder der in Russland um Asyl oder Daueraufenthalt anfragt, bekommt erst einmal Asyl oder Aufenthaltsrecht FUER 1 Jahr! 3 Monate vor Ablauf des Jahres muss man dann bei der Auslaenderbehoerde in Russland einen Neuen Antrag stellen, wenn man weiterhin in Russland bleiben moechte! Ingesamt kann man auf diese Weise fuer 3 Jahre Asyl oder Daueraufenthalt in Russland bekommen! Nach den 3 Jahren muss man sich dann entscheiden! Entweder man beantragt die Russische Staatsbuergerschaft oder man heiratet einen Russen/in! Dann bekommt man das Daueraufenthaltsrecht und im Falle von Snowden wuerde das bedeuten, das er ENTGUELTIG in Sicherheit waere! Denn Russland liefert KEINE EIGNEN Staatsbuerger aus, AN NIEMANDEN und in KEINEN FALL!!!
5. Auch die Krim ist schön im Sommer :-)
herrdainersinne 01.08.2013
Ich wünsche Herrn Snowden viel Glück. Wir schulden ihm unseren Dank.
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