Mega-Bauwerk auf der Krim Putins Brückenschlag

Es ist ein Milliardenprojekt in stürmischen Gewässern: Nun rollen Autos über die Brücke zwischen Russland und der annektierten Krim. Für Wladimir Putin ist das Mega-Bauwerk ein Triumph - für Kiew ein schwerer Schlag.

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Von , Moskau


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Es gibt sie noch, aber sie sind in der Minderheit auf der Krim: Menschen wie Tatiana. Die 47-Jährige lehnt es bis heute ab, einen russischen Pass anzunehmen. Was für die Ukrainerin faktisch bedeutet, dass sie auf der Schwarzmeer-Halbinsel bleiben muss. Denn ausreisen kann sie zwar auf das ukrainische Festland, aber ob sie dann wieder zurück zu ihrer Familie nach Sewastopol kehren kann, ist eine andere Frage. Ständig muss sie sich Fragen von den nun russischen Behörden gefallen lassen, warum sie einen ukrainischen, aber keinen russischen Pass besitzt. Tatiana spricht von Verhören.

Sie kann in kein öffentliches Krankenhaus, Rente wird sie auch nicht von den örtlichen Behörden bekommen, ihre kranke Mutter hat sich deshalb nicht anders zu helfen gewusst und hat schließlich die russische Staatsbürgerschaft angenommen. Die Uno kritisiert diesen Druck der russischen Behörden "als gravierende Menschenrechtsverletzungen".

Nach und nach erlebt Tatiana im Alltag, wie die Regierung in Moskau ihre Heimat, die Krim, integriert. "Heimholung" nennen sie das auf dem russischen Festland. Seit der Annexion der Krim im März 2014, die die EU und USA als völkerrechtswidrig einstufen, hat Russland nicht nur russische Pässe ausgegeben, sondern auch dafür gesorgt, dass die Halbinsel physisch mit dem russischen Festland verbunden wird.

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Umstrittene Krim-Brücke eröffnet: Putins Premierenfahrt

Seit Mittwoch rollen nun Autos und Busse über die 19 Kilometer lange Krim-Brücke. Damit gelingt Moskau bei der Integration der Halbinsel in die Russische Föderation ein entscheidender Schritt. Denn bisher konnte man nur mit dem Flugzeug oder einer der Fähren, die wegen des Wetters oft aussetzen müssen, anreisen.

Das Staatsfernsehen blendete immer wieder Bilder ein, wie Menschen über das Bauwerk fahren - über die längste Brücke Europas, wie stolz verkündet wird. Dazu wurden Statistiken des Mammutprojekts präsentiert:

  • zwölf Millionen Tonnen Materialien wurden verbaut
  • zwei Brückenbögen mit einer Spannweite von 227 Metern installiert
  • bis zu 10.000 Arbeiter waren im Einsatz
  • 595 Pfeiler tragen die Brücke.

Statistiken sind ein wesentliches Element der russischen Leistungsschau. Und im Fall der Krim sind sie umso wichtiger, beweisen sie doch, dass Russland fähig ist, so ein Großprojekt für umgerechnet fast drei Milliarden Euro trotz der Sanktionen zu stemmen. Und das in einem erdbebengefährdeten Gebiet, in dem es oft heftig stürmt, der Meeresboden aus einer breiten Schicht aus Schlamm und Sand besteht, der Grund deshalb durch 6500 Pfähle stabilisiert werden musste, was immer wieder Fragen zu der Stabilität der Brücke aufwerfen ließ.

Der Oligarch und alte Freund Wladimir Putins, Arkadij Rotenberg, realisiert mit seinem Unternehmen "Strojgasmontasch" das risikoreiche Projekt. Und er sorgte dafür, dass sich der Präsident sechs Monate früher als geplant in einem orangefarbenen Lastwagen die Brücke offiziell eröffnen konnte. Der Lkw-Verkehr soll im Herbst rollen, Züge ab Ende 2019 fahren.

Verflechtung mit dem Festland

Für Putin ist die Brücke schon jetzt ein Erfolg. In Kiew hatte man immer wieder betont, dass der Bau kaum machbar sei. Es stand nämlich schon einmal eine Brücke über der Straße von Kertsch. Die Nationalsozialisten hatten begonnen, sie zu errichten, haben sie bei ihrem Rückzug aber gesprengt, die Rote Armee baute die Eisenbahnbrücke wieder auf. Doch sie stand nur drei Monate lang. Als der Wind im Winter 1945 schweres Treibeis gegen die Pfeiler der Brücke schob, gaben diese nach. Das Bauwerk musste abgerissen werden.

Nun hat Putin der Welt demonstriert, dass die russischen Ingenieure in der Lage sind, solch ein Projekt zu verwirklichen. Er sprach von einem "Wunder".

Die Brücke, bei deren Bau auch Gasrohre und Stromleitungen am Meeresboden verlegt wurden, dürfte dafür sorgen, dass die Krim immer weiter mit dem russischen Festland verflochten wird. Der Transport der Waren wird unkomplizierter und billiger, Touristen können günstiger auf die Halbinsel gelangen. Die Beziehungen zur Ukraine, auch die zwischenmenschlichen, werden sich damit noch weiter verringern.

Im Video: Putin auf der Brücke

Dabei hilft der russischen Regierung, dass ein großer Teil der Bevölkerung der Halbinsel, darunter die Mehrheit der Russen, eine Verbesserung der Lebensbedingungen sieht. Pensionäre loben die höheren und pünktlichen Renten, Anwohner die neu gepflasterten Straßen wie die Fußgängerzone in Simferopol. Moskau investiert Milliarden Euro auf der Krim: Eine Bundesstraße von Kertsch im Osten der Halbinsel bis nach Simferopol und Sewastopol ist im Bau, dazu zwei Elektrizitätswerke.

Kiew, das vor allem mit dem Krieg im Donbass beschäftigt zu sein scheint, hat dem wenig entgegenzusetzen. Die ukrainische Regierung hat gegen den Bau der Brücke geklagt, ansonsten alle Verbindungen zur Halbinsel abgebrochen: Die Kanäle, die das Land bewässerten, führen kein Wasser mehr; die Stromleitungen sind gekappt; Züge fahren nicht mehr auf die Halbinsel. Es bleiben nur noch der Bus, das Auto oder der Weg zu Fuß über das zu einem Grenzübergang ausgebauten Gebiet. Dafür muss man angesichts der langen Kontrollen und Befragungen der ukrainischen und russischen Grenzer viel Zeit und Geduld mitbringen.

Auffällig ist zudem, dass etwa der Übergang in Tschongar von den Russen zu einem für die Autos überdachten Kontrollpunkt ausgebaut wurde, bei den Ukrainern aber nur umfunktionierte Container und ein altes Marktgelände als Posten genutzt werden. Die Menschen stehen also bei Wind und Wetter buchstäblich im Regen.

Das politische Kiew scheint für viele auf der Krim inzwischen weit weg. Auch für diejenigen, die noch Ukrainisch in der Schule gelernt haben. Für sie wird es immer einfacher, nach Russland zu gehen - zum Arbeiten, zum Studieren. Die Ukraine erscheint dagegen unattraktiver.

Tatiana hat trotzdem nicht die Hoffnung verloren. "Solange es hier Ukrainer wie uns gibt, gibt es die Ukraine", sagt sie. An ihrer Handtasche trägt sie einen Bommel in Blau-Gelb, den ukrainischen Nationalfarben.


Zusammengefasst: Die Brücke zwischen dem russischen Festland und der annektierten Krim ist in Betrieb. Für Wladimir Putin ist das ein entscheidender Schritt bei der Integration der Halbinsel in die Russische Föderation. Kiew scheint für die Menschen inzwischen weit weg zu sein.



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