Russische Rochade Gasprom wird Präsident

Die Entscheidung ist gefallen: Der Gasprom-Manager Dmitrij Medwedew soll neuer russischer Präsident werden. Wechselt Putin im Gegenzug an die Spitze des Energiekonzerns?

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Berlin – Er sieht smart aus, gilt als wirtschaftsfreundlich – und ist erst 42 Jahre alt: Dmitrij Medwedew, der Aufsichtsratschef des Energiegiganten Gasprom. Am 2. März 2008 werden ihn die Russen aller Voraussicht nach zum neuen Präsidenten wählen. Das ist zumindest der Plan des amtierenden Staatschefs Wladimir Putin, und selten läuft in Russland etwas gegen seinen Willen.

Präsident Putin (links), Wunsch-Nachfolger Medwedew: Gemeinsame Zeit in Leningrad
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Präsident Putin (links), Wunsch-Nachfolger Medwedew: Gemeinsame Zeit in Leningrad

Für Kreml-Kenner ist Dmitrij Anatolewitsch Medwedew kein Unbekannter: Jahrelang hat er die Präsidialverwaltung unter Putin geleitet, seit November 2005 ist er Vize-Premierminister. Öffentlich ist er trotzdem nur selten in Erscheinung getreten.

Medwedew ist kein Politiker westlichen Stils, keiner, der große Wahlkampfreden hält. Im Gegenteil: Er gilt - trotz seines einnehmenden Lächelns - als Technokrat. Ein ruhiger Beamter ohne übermäßigen Ehrgeiz: Vielleicht ist genau das der Grund, warum ihn Putin zu seinem Nachfolger auserwählt hat.

Die beiden kennen sich von der Universität in Leningrad, das heute wieder St. Petersburg heißt. Als Putin in den neunziger Jahren Mitarbeiter des dortigen Bürgermeisters wurde, holte er Medwedew in die Stadtverwaltung. Nach seiner eigenen Wahl zum Präsidenten nahm er ihn mit nach Moskau. Medwedew ist damit ein klassischer Vertreter der St.-Petersburg-Connection – ein kleiner Kreis engster Putin-Vertrauter, die sich noch aus Sowjetzeiten kennen.

Allerdings: Ein Geheimdienstler vom alten Schlag ist Medwedew nicht. Immer wieder hat er sich für marktwirtschaftliche Reformen eingesetzt – eine Haltung, die bei russischen Politikern nicht weit verbreitet ist. Nach außen ein starker Staat, im Inneren eine freie Wirtschaft: In gewisser Weise ist das die Linie, die auch Putin verfolgt. Ein Grund mehr, der für Medwedew gesprochen haben mag.

In den vergangenen Wochen und Monaten war der Name Medwedew immer wieder gefallen, wenn es um die Nachfolge Putins ging. Allerdings war er nur ein Kandidat von vielen. Mindestens ebenso viele Chancen wurden Sergej Iwanow zugesprochen, dem anderen Vize-Premierminister.

Warum schlussendlich Medwedew den Zuschlag erhielt, bleibt wohl Putins Geheimnis. Nur eines scheint sicher: Das russische Volk wird dem Kandidaten seiner Wahl folgen. In Umfragen hat die Mehrheit bekundet, für den Präsidentschaftsbewerber zu stimmen, den Putin vorschlägt. Nach dem überwältigenden Sieg der Putin-Partei Einiges Russland bei der Parlamentswahl am vorvergangenen Sonntag ist dies sicherer denn je.

Nicht unbedeutend dürfte bei Putins Entscheidung Medwedews Rolle beim Energiekonzern Gasprom gewesen sein: Seit dem Jahr 2000 ist er Vorsitzender des Direktorenrats, was in etwa der Funktion eines deutschen Aufsichtsrats entspricht. Als Vertreter des Kreml war es seine Aufgabe, die Politik der Regierung in dem Megakonzern durchzusetzen. Der russische Staat kontrolliert immerhin 51 Prozent der Anteile an dem Unternehmen.

Gasprom ist der Staat

Doch die Abhängigkeit besteht auch in anderer Richtung: Gasprom ist die wichtigste Einnahmequelle des Kreml, der Konzern erwirtschaftet 25 Prozent des russischen Staatshaushalts. Dank der hohen Energiepreise hat das Unternehmen seinen Nettogewinn im vergangenen Jahr auf 18,3 Milliarden Euro verdoppelt. Der Staat ist Gasprom, und Gasprom ist der Staat: An dieser Mischung soll sich nichts ändern – das ist die Botschaft der Personalie Medwedew.

Dabei hat sich der Manager auch bei Gasprom mit öffentlichen Auftritten zurückgehalten. Expansionspläne in den USA, mögliche Übernahmen in Europa, der Gas-Streit mit der Ukraine – nach außen hat er alle wichtigen Äußerungen anderen überlassen, nicht zuletzt seinem Namensvetter Alexander Medwedew, dem Vize-Chef des Konzerns. Trotzdem war immer klar, wer hinter den offiziellen Bekundungen steckte: der Kreml und damit Dmitrij Medwedew. Dies galt umso mehr, nachdem sich der eigentliche Gasprom-Chef Alexej Miller in diesem Sommer wegen eines Nierenleidens aus dem aktiven Geschäft mehr oder weniger verabschiedet hatte.

Was wird also auf Russland zukommen? Vermutlich ein Präsident, der die Politik des alten weitgehend fortsetzt. Russland wird seine wiedererlangte Stärke unverblümt zeigen, auch Drohungen in Richtung Westen sind nicht ausgeschlossen, zumal sich der Kreml seiner Energiemacht voll bewusst ist. Im Inneren hingegen, so weit lässt sich Medwedew einschätzen, setzt er auf die Kräfte des freien Marktes, ausländische Unternehmen werden wohl weiterhin angelockt. Allerdings: Dass der wirtschaftlichen Freiheit mehr politische Freiheiten folgen, ist fraglich.

Vorbild Gerhard Schröder

Und Putin? Wie sieht seine Zukunft aus? Vor der Parlamentswahl waren sich Beobachter einig, dass er auch nach dem offiziellen Ende seiner Amtszeit im kommenden Jahr die Nummer eins im Land bleiben wird. "Putin ist für einen Politiker sehr jung und energisch", sagte Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow. "Es ist offensichtlich, dass er weiter Einfluss ausüben wird - wir wissen nur noch nicht, in welcher Form."

Möglich wäre deshalb, dass Putin inoffiziell an der Macht bleibt, sozusagen als Strippenzieher im Hintergrund. Mit seinem Vertrauten Medwedew an der Spitze des Staates wäre dies denkbar. Oppositionspolitiker Wladimir Ryschkow nennt dafür ein Beispiel aus der russischen Geschichte: "Auch Stalin hat die Sowjetunion ohne jedes Staatsamt beherrscht. Er war nur Parteichef." Zu diesem Szenario würde passen, dass kremltreue Organisationen wie die Jugendbewegung Naschi Putin schon zum "nationalen Führer" ausgerufen haben.

Andererseits stellt sich die Frage, was Putin selbst davon hätte, nur im Hintergrund zu agieren. Experten halten es deshalb für möglich, dass er gar nicht mehr politisch aktiv sein will. Mehr Geld könnte er jedenfalls in der Wirtschaft verdienen - zum Beispiel bei Gasprom. "Es ist wahrscheinlich, dass Putin zu einem Oligarchen werden möchte", sagt Georgi Satarow, der Chef des Moskauer Forschungsinstituts Indem. "Schon jetzt liegen 90 Prozent seiner Aktivitäten auf dem Gebiet von Gasprom." Faktisch würde es auf einen Job-Tausch hinauslaufen: Medwedew wechselt von Gasprom in den Kreml – und Putin geht seinerseits zu Gasprom.

Ein Vorbild für dieses Szenario, sagt Experte Satarow, gibt es schon: Altkanzler Gerhard Schröder, der den Aufsichtsrat einer Gasprom-Tochter leitet.



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