Terrorserie in Wolgograd Angriff auf Russlands neuen Stolz

Islamistische Terroristen machen ihre Drohung wahr: Nur Wochen vor Beginn der Winterspiele überziehen sie Russlands Süden mit Terror. Sie treffen ein nationales Symbol des Landes, die Stadt Wolgograd, früher Stalingrad. Die Behörden sind machtlos, viele Bürger in Panik.

Von , Moskau


Der Linienbus 15a war in Wolgograds morgendlicher Rushhour unterwegs, als ihn der Sprengsatz zerriss: Mindestens 14 Menschen wurden getötet, mehrere Dutzend Personen schwer verletzt. Unter den Passagieren waren auch Kinder und viele Studenten. Augenzeugen ringen um die richtigen Worte, um das Grauen zu beschreiben. Von dem Fahrzeug ist kaum mehr geblieben als das geschwärzte Stahlgerippe.

Es war der zweite Terroranschlag in Wolgograd innerhalb weniger Stunden. Am Sonntag hatte ein Selbstmordattentäter beim Betreten des Hauptbahnhofs eine Schrapnell-Bombe gezündet, 17 Menschen starben. Und bereits im Oktober hatte es einen Anschlag auf einen Linienbus in Wolgograd gegeben, bei der Attacke einer Attentäterin starben damals sieben Menschen.

Viele Bewohner der Stadt reagieren jetzt panisch. Gerüchte über weitere Explosionen machten die Runde, in den Notrufzentralen stehen die Telefone nicht still. "Die Stadt ist in Panik", sagte Kasbek Farnijew, ein Berater des Gouverneurs.

Bereits am Freitag waren bei einem Bombenanschlag in der südrussischen Stadt Pjatigorsk zwei Polizisten getötet worden. Die Terrorserie wird in Moskau so verstanden, wie sie gemeint ist: Als gezielter Schlag vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi, dem Prestigeprojekt von Präsident Wladimir Putin. Es gehe den Extremisten darum, Ausländer von einem Besuch bei den Spielen abzuschrecken, glaubt Dmitrij Trenin vom Moskauer Carnegie-Center.

Bislang hat keine Terrororganisation die Verantwortung für die Anschläge übernommen. Russische Sicherheitsbehörden haben aber kaum Zweifel, dass die Drahtzieher im Nordkaukasus zu suchen sind. Dort kämpfen bewaffnete Extremisten seit Jahren für die Errichtung eines islamistischen Gottesstaats. Der Nordkaukasus ist laut Einschätzung von Experten der International Crisis Group die "gewalttätigste Region Europas".

In diesem Umfeld will Russland in sechs Wochen die Winterspiele abhalten. Die Olympiastadt Sotschi am Schwarzen Meer liegt am Fuß des Kaukasusgebirges. Anfang Juli hatte der Anführer des "Emirats Kaukasus" Doku Umarow zu gezielten Angriffen auf Sotschi aufgerufen. Seine Leute wollten die Winterspiele "mit allen Mitteln verhindern".

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Terroranschläge: Angst in Wolgograd
Umarow ist Russlands Staatsfeind Nummer eins. Sein Einfluss hat in den vergangenen Jahren allerdings stark gelitten. Er wird hart bedrängt von Russlands Terroristenjägern. Auf Anweisung von Präsident Putin haben sie ihre Operationen im Vorfeld der Olympiade ausgeweitet. Russische Geheimdienste haben sogar DNA-Proben von Frauen aus dem Kaukasus erfasst, die sie für mögliche Selbstmordattentäterinnen halten.

Die Offensive zeigte Resultate: Die Zahl der Todesopfer bei Kämpfen in der Region ist zurückgegangen. 2012 starben dabei 700 Menschen, im ersten Halbjahr 2013 waren es dagegen nur noch 242. Umarows Drohungen gegen Sotschi wurden auch deshalb weniger als klarer Angriffsbefehl gewertet, weil er selbst keine direkte Kontrolle mehr hat über die Kampfgruppen. Es war vielmehr ein Appell an die versprengten Terrorzellen im Nordkaukasus.

Davon gibt es viele. Sie nennen sich Jamaate und agieren autonom voneinander. In manchen Provinzen wie Tschetschenien und Inguschetien haben sie an Einfluss verloren. Über erhebliche Schlagkraft verfügt dagegen noch das Schariat Jamaat in der Unruheprovinz Dagestan.

Wie stark sind die Terroristen wirklich?

Die Anschläge von Wolgograd erlauben Rückschlüsse auf die Kampfkraft der Terroristen im Nordkaukasus: Einerseits sind sie zu schwach, um die von Zehntausenden Polizisten und Geheimdienstmitarbeitern gesicherte Olympiastadt Sotschi oder die weit entfernte Hauptstadt Moskau anzugreifen. Für eine Kommandoaktion mit Dutzenden Kämpfern wie 2002 beim Angriff auf ein Musical-Theater in Moskau fehlte ihnen heute wohl die Kraft. Andererseits sind die Terroristen noch immer stark genug, um Busse und Bahnhöfe zu treffen und Angst und Schrecken zu verbreiten.

Der Kreml ist in einer misslichen Lage. Der Anschlag vom Sonntag wurde offenbar nicht wie bislang vermutet von einer "Schwarzen Witwe" verübt, sondern von einem Mann. Er soll auch nicht aus dem muslimisch geprägten Kaukasus stammen und erst vor kurzem zum Islam übergetreten sein.

Auch bei dem ersten Bombenattentat in Wolgograd im Oktober hatte ein Konvertit eine entscheidende Rolle gespielt: Ein ethnischer Russe hatte offenbar die Bombe gebaut, mit der sich dann seine Frau in die Luft sprengte.

Die Attacke auf Wolgograd gleicht einer Kriegserklärung. Die Stadt liegt Hunderte Kilometer nördlich des Kaukasus. Und sie ist ein nationales Symbol. Bis 1961 trug sie den Namen Stalingrad. Im Zweiten Weltkrieg wendete sich hier das Schicksal zugunsten der Roten Armee. "Die Terroristen haben Wolgograd gewählt, um Russlands Stolz zu treffen", sagt Experte Trenin vom Carnegie-Center

Nach dem Anschlag vom Sonntag auf den Bahnhof hatte Moskau noch die eigenen Sicherheitsmaßnahmen gepriesen. Der Angreifer hatte die Bombe gezündet, als er an einer Sicherheitsschleuse aufgehalten worden war. "Die Zahl der Opfer hätte sonst sehr viel höher sein können", so der Sprecher des Ermittlungskomitees, Wladimir Markin. Dann aber schlugen die Terroristen am Montag ein zweites Mal zu - gleichsam unter den Augen der Ermittler.

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kilroy-was-here 30.12.2013
1. wir wissen es längst
dass der Islamismus nicht nur eine Religion ist... Nun macht Russland eine leidvolle Erfahrung. Und was nützt dabei die NSA und was verhindert sie??? Die Schlappmänner der NSA sprechen mit Sicherheit nicht Russisch...
tolokno 30.12.2013
2. ernst
Bei zweien der letzten drei Attentate in Wolgograd waren ethnische Russen beteilgt bzw. ausführend. Keine Kaukasier, sondern russische Konvertiten. Sollte das paradigmatisch für die Zukunft werden, dann hat Putin ein ernstes Problem.
ellenlasirene 30.12.2013
3. leider gibt es kein mittel
sich gegen diese hinterhältige art des mordens zu wehren. nirgendwo...menschliches "material" das sich freudig opfert und den versprechen der feigen aufhetzer glaubt, gibt es im überfluss.
erasmus89 30.12.2013
4. Nana,
der letzte Anschlag wurde nicht "unter den Augen" der Ermittler verübt. Russland ist das größte Land der Erde mit verhältnismäßig wenig Menschen. Außerdem kann der russische Geheimdienst nicht wie die NSA alle Leute aushorchen, weil bis zu vielen Russen noch keine Glasfaserkabel gelegt wurden, insofern, seien wir gewarnt.
chronos-kronos 30.12.2013
5. Wer sagt das?
Zitat von toloknoBei zweien der letzten drei Attentate in Wolgograd waren ethnische Russen beteilgt bzw. ausführend. Keine Kaukasier, sondern russische Konvertiten. Sollte das paradigmatisch für die Zukunft werden, dann hat Putin ein ernstes Problem.
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