Russischer Bürgerrechtler Kasparow "Wir werden marschieren!"

Eine russische Anti-Terror-Einheit hat die Büros der oppositionellen Bürgerfront durchsucht. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE kritisiert deren Gründer, Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow, die Einschüchterungsversuche - und seine Ausladung aus der Talkshow "Christiansen".


SPIEGEL ONLINE: Das Büro Ihrer Bürgerfront wurde vorgestern von der Polizei durchsucht. Wie kam das?

Kasparow: Ich war auf dem nationalen Kongress unseres Bündnisses "Ein anderes Russland", als zehn oder elf Beamte der Terrorbekämpfungseinheit der Moskauer Polizei in das Büro kamen. Sie zeigten einen Durchsuchungsbefehl, den unser Anwalt später als falsch erkannte, sperrten unsere Mitarbeiter ein und zwangen sie, ihre Handys abzuschalten. Sie werfen uns "extremistische Aktivitäten" vor. Es ist das erste Mal, dass sie diesen Vorwurf gegen eine große Oppositionsgruppe richten.

Garri Kasparow: Putin-Kritiker und Gründer der russischen Oppositionsgruppe Bürgerfront
AP

Garri Kasparow: Putin-Kritiker und Gründer der russischen Oppositionsgruppe Bürgerfront

SPIEGEL ONLINE: Worin bestehen diese "extremistischen Aktivitäten"?

Kasparow: Wissen Sie, Extremismus ist ein sehr weit gefasster Begriff in der Vorstellung der russischen Regierung. Unser Büro wird von dem Organisationskomitee genutzt, das den "Marsch der Dissidenten" am Samstag vorbereitet. Wir erwarten 3000 Teilnehmer. Es ist eine breite Koalition, die für Pressefreiheit, soziale und politische Rechte eintritt. In dem Büro verwahren wir Flyer, Infomaterial und Zeitungen. Die Polizei hat Material beschlagnahmt, um es auf "extremistische Inhalte" zu prüfen - und das am Tag der russischen Verfassung.

SPIEGEL ONLINE: Die Behörden haben Ihren Marsch verboten, mit dem Argument, er störe den Verkehr. Stattdessen sollen Sie nur eine Mahnwache abhalten dürfen.

Kasparow: Wir werden marschieren. Laut Gesetz dürfen die Behörden nur die Route ändern, aber nicht das Format. Wir bringen heute unsere Papiere zum Gericht. Das Verkehrsargument ist eine durchsichtige Ausrede. Am Sonntag wird für die kremltreue Jugendorganisation Naschi fast der gesamte Garden Ring, eine von Moskaus Hauptverkehrsstraßen, gesperrt.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn die Polizei Sie nicht marschieren lässt?

Kasparow: Wir erwarten, dass den Moskauer Behörden die schwerwiegenden Konsequenzen bewusst sind, sollten sie unsere Demonstration zu behindern versuchen.

SPIEGEL ONLINE: Am vergangenen Sonntag sollten Sie per Videoschalte in der ARD-Talkshow "Sabine Christiansen" zum Thema "Die Russen kommen" auftreten. Zwei Tage vorher wurden Sie wieder ausgeladen. Die Produktionsfirma sagt, der Grund seien technische Probleme gewesen. Warum glauben Sie das nicht?

Kasparow: Ich kann nicht ausschließen, dass es technische Probleme gab. Aber ich glaube einfach nicht, dass ein großer deutscher Sender so etwas nicht innerhalb von 48 Stunden beheben kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie vermuten, der ebenfalls eingeladene russische Botschafter in Deutschland, Wladimir Kotenew, habe Druck auf die "Christiansen"-Redaktion ausgeübt. Wie kommen Sie darauf?

Kasparow: Fragen Sie die Leute im Moskauer ARD-Studio.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen den früheren Moskau-Korrespondenten der ARD, Klaus Bednarz. Der hat der FAZ gesagt: "Der russische Botschafter hat sich in einem Vorgespräch geweigert, gemeinsam mit Kasparow vor die Kamera zu treten". Das habe ihm ein Mitarbeiter von "Christiansen" erzählt.

Kasparow: Ich weiß nicht, wie die Gäste in der Sendung ausgewählt werden. Aber es fällt auf, dass keine Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin dabei waren. Das ärgert mich, weil solche Sendungen die einzige Chance für uns sind, die Vertreter der russischen Regierung zu konfrontieren.

SPIEGEL ONLINE: Die "Christiansen"-Redaktion sagt, Sie seien immer ein willkommener Gast. Im März sind Sie wieder eingeladen, wenn Sie auf Buch-Tour in Deutschland sind. Werden Sie kommen?

Kasparow: Das höre ich zum ersten Mal. Ich würde gern kommen. Aber ich will erstmal die Einladung sehen.

Die Fragen stellte Benjamin Becker



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