Russischer Oligarch Chodorkowski Zwölf Tage Einzelhaft für ein Interview

Seit fünf Jahren sitzt der ehemalige Ölmilliardär und Jukos-Chef Michail Chodorkowski in Russland in Haft, jetzt wurde er zur Strafe in den Einzelkerker verlegt. Zwölf Tage muss er in Isolation ausharren - weil er der russischen Ausgabe des Magazins "Esquire" ein Interview gegeben hat.


Moskau - Das folgenreiche Interview erschien schon Anfang vergangener Woche: Der russisch-georgische Bestseller-Autor Boris Akunin befragte den prominenten Gefangenen darin auf zwölf Seiten ausführlich zu seiner Sicht auf sein Gerichtsverfahren, die Politik, die Zukunft Russlands.

Ex-Ölmilliardär Chodorkowski: "Ich habe keine Angst mehr"
REUTERS

Ex-Ölmilliardär Chodorkowski: "Ich habe keine Angst mehr"

Dabei äußerte sich Chodorkowski weit weniger provokant als in früheren Interviews. Liberale und Demokraten sollten es nicht ablehnen, mit der Macht zusammenzuarbeiten, so Chodorkowski, denn das sei der Weg der Schwachen. "Hunde gibt es noch genug, aber auch echte Bürger gibt es immer mehr, und es vollzieht sich ein Prozess, in dem sich eine Masse in eine Gemeinschaft von Bürgern verwandelt." Wladimir Putins Fehler sei gewesen, dass er diesen Prozess gebremst habe.

Seit Mittwochabend nun sitzt der ehemalige Ölmilliardär im Karzer des Gefängnisses in Tschita, unweit der chinesischen Grenze. Die offizielle Begründung für die Strafe: Chodorkowski habe gesetzeswidrig Briefverkehr geführt. Wadim Kljuwgant, einer von Chodorkowskis Anwälten, protestiert: "Die Gefängnisverwaltung müsste Beweise vorlegen. Briefe, Zettel, was auch immer. Aber es gab keinen Briefverkehr!"

Das "Interview" mit Akunin hätten er und die anderen Anwälte im Laufe eines halben Jahres während Besuchen bei ihrem Mandanten geführt, sagte er SPIEGEL ONLINE. Was dort besprochen werde, unterliege aber dem Anwaltsgeheimnis, und mit Einwilligung des Mandanten könne das Besprochene auch an Dritte weitergegeben werden. Die Anwälte haben inzwischen Beschwerde eingelegt.

"Darauf spucke ich. Ich habe keine Angst mehr"

Chodorkowskis Verhaftung im Oktober 2003 wird im Westen als Strafe für seine politischen Aktivitäten gewertet. Als Vorstandsvorsitzender des Öl-Unternehmens Jukos war er einer der reichsten Menschen Russlands. Chodorkowski unterstützte in dieser Zeit die russische Opposition und kritisierte den damaligen Präsidenten Putin. Das Unternehmen wurde vom russischen Staat zerschlagen, 2005 verurteilte das Moskauer Stadtgericht Chodorkowski zu neun Jahren Haft wegen Steuerhinterziehung und planmäßigen Betrugs. Im Februar 2007 erhob die Staatsanwaltschaft erneut Anklage – wegen Geldwäsche.

Immer wieder hatte sich Chodorkowski aus der Haft an die Öffentlichkeit gewandt, in offenen Briefen oder Interviews, und darin auch immer wieder Putin und die russische Regierung kritisiert. Zuletzt erschien im Februar ein langes Interview mit der "Financial Times" – ohne Folgen. Warum also diesmal die drastische Strafe?

"Die Tatsache, dass das Interview unter derart verschärften Haftbedingungen überhaupt entstehen konnte", so Kljuwgant, "hat die Gefängnisverwaltung verärgert." Er vermutet, dass dazu besonders eine Antwort Chodorkowskis beigetragen hat. Auf die Frage nach den Folgen früherer Interviews sagt er da freimütig: "Als ich im Lager war, haben sie mich nach jedem Artikel in die Strafzelle geschickt. Aber darauf spucke ich. Ich habe keine Angst mehr."

Allerdings könnte die Disziplinarmaßnahme doch schwerwiegendere Folgen für Chodorkowski haben. "Sie versuchen, noch einen Grund dafür zu finden, dass er ein schlechter Gefangener ist – um dann am 15. Oktober unser Gesuch abzulehnen." Erst im August hatte ein Gericht den Antrag seiner Anwälte auf vorzeitige Haftentlassung abgelehnt. Über den Berufungsantrag sollte das Gericht in einer Woche entscheiden.

Strenge Isolation, weniger Bewegung

Was bedeutet die Einweisung in einen russischen Kerker? "Eine noch strengere Isolation, weniger Bewegung, Einschränkung der Möglichkeiten, Bücher zu lesen", sagt Kljuwgant. Zudem sei er nun in einer Einzelzelle, vorher habe er zumindest noch Zellengenossen gehabt. Trotz der Belastungen durch fünf Jahre Haft verfügt Chodorkowski nach den Worten seines Anwalts allerdings weiterhin über eine starke Gesundheit und hohe Moral.

Der Interviewer Boris Akunin, der bisher kaum politisch in Erscheinung getreten ist, äußerte sich empört über die Folgen seines Interviews. Er wisse nicht, wie es zu dieser Entscheidung kommen konnte, "aber wenn das ein Befehl aus Moskau war, dann stehen die Dinge in unserem Land sehr schlecht", sagte er am Donnerstag in Moskau. Gemeinsam mit dem Anwalt wundert er sich, dass die Strafe erst eine Woche nach Veröffentlichung des Interviews ausgesprochen wurde. "Die einzige Erklärung ist, dass seine Eltern heute Goldene Hochzeit feiern – und der Arrest ihm das Fest verderben soll."



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.