Russischer Präsident: "Medwedew ist die beste Alternative"

Wladimir Putin, Garant für Wachstum und Stabilität - so sehen es viele Russen. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Michael McFaul demontiert diesen Mythos im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE - und prophezeit, dass Dmitrij Medwedew mehr Demokratie wagen wird.

SPIEGEL ONLINE: Im vergangenen Jahr ist die russische Wirtschaft um mehr als acht Prozent gewachsen. Niemals zuvor konnten sich so viele Russen ein eigenes Auto leisten oder verreisen. Putin scheint alles richtig gemacht zu haben.

McFaul: Die Russen sind reicher als sie es vielleicht jemals in der Geschichte waren. Aber die Zahl der Pkw pro Einwohner hat sich bereits in den neunziger Jahren vervierfacht. Das ist trotz der schweren Wirtschaftskrisen passiert. Warum aber sind die Russen heute wohlhabender? Sie sind es wegen der gestiegenen Aktivität der russischen Ökonomie, nicht unbedingt aufgrund der Politik des Kremls. Auch in Amerika sind es Bürger und Unternehmer, die die Wirtschaft wachsen lassen - nicht die Leute in Washington.

SPIEGEL ONLINE: Putin gilt aber vielen als Garant der Stabilität.

McFaul: Man muss differenziert betrachten, was sich wirklich verändert hat und was nicht. Wenn es um die Renten geht, gibt es keinen Zweifel, dass die russische Regierung sie heute rechtzeitig zahlt und auch die Gehälter. Wenn man sich aber Verbrechensstatistiken ansieht, zum Beispiel die Häufigkeit von Morden oder Diebstählen, dann sieht man, dass diese Zahlen heute sogar höher sind als in der Jelzin-Zeit. Die Menschen fühlen sich vielleicht sicherer, aber die tatsächlichen Statistiken der russischen Regierung sagen etwas anderes. Blickt man auf diese Statistiken und etwa die Anzahl der Terroranschläge unter Putin, dann sehen die Dinge nicht mehr so stabil aus, wie sie scheinen. Putin hat sich schlicht eine Geschichte zurechtgelegt, dass die Demokratie in den neunziger Jahren schlecht für das Land war und sein Regime besser.

SPIEGEL ONLINE: Wenn aber nicht der schwache Staat unter Jelzin an den chaotischen Zuständen schuld war, was dann?

McFaul: Der Zusammenbruch des Staates. Ich sehe das als einen strukturellen Faktor des Übergangs, nicht aber als etwas, das mit Putin oder Jelzin zu tun hat. Wäre Putin 1992 Präsident gewesen, hätte Russland den gleichen wirtschaftlichen Niedergang erlebt. Das ist in der gesamten postsowjetischen Welt passiert, ganz gleich, ob es sich um Demokratien handelte oder um Diktaturen. Russland erlebte einen größeren wirtschaftlichen Niedergang als etwa Polen oder Estland, aber beide führten radikalere Marktreformen durch und durchliefen eine tiefer gehende Transformation zur Demokratie.

Man kann Russland gut mit der Ukraine vergleichen. Beide Länder ähneln sich wirtschaftlich, historisch und kulturell. Die Ukraine ist heute eine Demokratie und hat es mitunter geschafft, das russische Wachstum zu überflügeln. Russlands Nachbar ist also ein demokratischer Staat, der sich ähnlich gut entwickelt. Es muss also andere Faktoren geben, die das russische Wachstum erklären.

SPIEGEL ONLINE: Die Reformen von Putin?

McFaul: Russland hatte die ökonomische Wende bereits geschafft, als Putin Präsident wurde. Der eigentliche Held der russischen Wirtschaftstransformierung ist - ironischer Weise - Premierminister Jewgeni Primakow, den viele im Westen für einen Kommunisten hielten. Als er 1998 Regierungschef wurde, hat er einige äußerst wichtige Reformen umgesetzt, die Russland auf den Pfad des Wachstums führten. Als Putin kam hatten diese Reformen bereits stattgefunden.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite

Fotostrecke
Russland-Wahl 2008: "Die Leute sollen gute Laune haben"