Russischer Präsidentschaftskandidat Abgeführt in Unterhosen

Mehrfach war er gewarnt worden - nun sitzt Alexander Donskoi hinter Gittern: Der umstrittene Bürgermeister der russischen Stadt Archangelsk sieht sich als Opfer einer Verschwörung, weil er Präsident Putins Nachfolge antreten wollte.

Von Simone Schlindwein, Moskau


Moskau - Sie schleifen ihn auf die Straße. Eben haben die schwarz vermummten Polizisten einer Sondereinheit des Innenministeriums die Wohnungstür von Alexander Donskoi aufgebrochen. Nun hängt der so beliebte wie beleibte Bürgermeister der nordrussischen Stadt Archangelsk fast leblos in ihren Armen. Mit Haftbefehl und vor den Augen seiner Nachbarn, diverser Fernsehteams und von Zeitungsreportern führen die muskelbepackten Beamten das Stadtoberhaupt ab.

Verhaftung in Archangelsk: Alexander Donskoi wird abgeführt
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Verhaftung in Archangelsk: Alexander Donskoi wird abgeführt

Das war am Mittwoch. Zwei Tage hat Donskoi anschließend wie ein Schwerverbrecher im Gefängnis gehockt, vor Gericht musste er in einem Käfig aussagen.

"Ich bin so müde. Die werden alles tun, um mich auf ewig wegzusperren", sagte der Mann mit dem chronischen Bluthochdruck SPIEGEL ONLINE. Da durfte er immerhin wieder eine anständige Hose tragen, dazu ein knallgelbes T-Shirt mit der Aufschrift: "Ich liebe Archangelsk!"

Am Abend seiner Verhaftung war Donskoi dagegen nur mit einer weißen Unterhose bekleidet in den Lokalnachrichten zu sehen. Eine Szene, die irgendwie zum Seelen-Striptease passte, den der 37-jährige extravagante Bürgermeister betreibt: Erst kürzlich hat er sich in einem Interview mit der russischen Ausgabe des Männermagazins "FHM" über seine sexuellen Vorlieben ausgelassen: Er stehe darauf, Pornofilme mit seiner Frau zu gucken, und im Striptease-Club sei er "erst gestern" gewesen.

Es sind allerdings nicht solche freizügigen Äußerungen, die die Entourage des russischen Präsidenten Wladimir Putin sonderlich störten. Die Staatsmacht scheint aus anderen Beweggründen mit aller Härte zugeschlagen zu haben. Sein Vergehen, glaubt Donskoi: Bereits im vergangenen Oktober hatte er seine Kandidatur als Putin-Nachfolger für die Präsidentschaftswahl im März 2008 angekündigt. Spätestens seitdem ist Donskoi in Russland auch über seine Heimatstadt hinaus bekannt.

Donskoi nimmt kein Blatt vor den Mund

Donskoi ist umstritten, weil er kein Blatt vor den Mund nimmt und immer wieder für Aufruhr sorgt: Gegen Korruption forderte er "öffentliche Erschießungen auf dem Roten Platz in Moskau". Er gibt zu, in Amsterdam Marihuana geraucht zu haben und empfiehlt den Männern Seitensprünge, wenn ihnen eine andere Frau als die Gattin gefällt.

In Interviews hat er die Regierung mehrfach lautstark kritisiert. Als vor zwei Wochen ganz Russland die Ausrichtung der Olympischen Winterspiele in Sotschi feierte, gab Donskoi den Spielverderber und erklärte das Megaprojekt, ein Herzensanliegen Putins, zur reinen Geldverschwendung. Im regierungs-kritischen Radiosender Echo Moskwj wetterte er: "Wenn eine solch enorme Summe den baufälligen Wohnungen in ganz Russland zur Verfügung stehen würde, dann wären eine Menge Leute dankbar."

Dass er sich mit solchen Tönen im Kreml nicht beliebt machte, war ihm durchaus bewusst. Im selben Interview gab Donskoi zu Protokoll, dass ihn bereits kurz nach seiner Kandidaturankündigung der Putin-Beauftragte für Nordrussland, Ilja Klebanow, telefonisch bedroht habe: Er müsse mit ernsthaften Probleme rechnen, wenn er seine Kandidatur nicht zurückziehe, habe Klebanow ihn gewarnt: "Wir können ein Strafverfahren gegen dich einleiten. Dann verlierst du alles, was du hast", inklusive des Bürgermeisterpostens.

Tatsächlich wird in Putins Russland auch die kleinste Pflanze der Opposition im Keim erstickt. Wie schon bei der Niederschlagung der Demonstration des Bündnisses "Anderes Russland" gezeigt - organisiert vom ehemaligen Schachweltmeister Garri Kasparow.

Es blieb nicht bei Drohungen

Dass es nicht bei Drohungen bleibt, hatte der Bürgermeister schon im November 2006 feststellen müssen. Damals wurde das erste Strafverfahren gegen ihn eröffnet, weil er angeblich sein Hochschulzeugnis gefälscht hatte. Dann folgte ein Verfahren wegen "unerlaubter Unternehmensgeschäfte" und Veruntreuung von Haushaltsmitteln. Er soll umgerechnet 115.000 Euro aus dem Etat der Stadt abgezweigt und damit unter anderem einen Leibwächter für seinen Sohn bezahlt haben.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihm deshalb Amtsmissbrauch vor. Das könnte Donskoi sieben Jahre hinter Gittern bringen - dann wäre er seinen Posten als Bürgermeister tatsächlich los.

Donskoi war 2005 zum Oberbürgermeister der 365.000-Einwohner-Stadt Archangelsk gewählt worden. Seitdem hat er dort einiges erreicht. Derzeit wird ein neues Stadion errichtet. Er machte sich auch besonders für den Wohnungsbau stark. Das brachte Donskoi hohe Umfragewerte bei der Bevölkerung ein. Bis auf 76 Prozent sind seine Beliebtheitswerte gestiegen.

Zuvor war Donskoi Generaldirektor einer Lebensmittelkette in Archangelsk - damit hatte er es zu Wohlstand gebracht. Im Interview mit dem Magazin "FHM" wurde Donskoi gefragt, ob er reich sei. "Im Vergleich zur Mehrheit der russischen Bevölkerung bin ich reich. Doch im Vergleich zum Oligarchen Roman Abramowitsch besitze ich nur wenig", antwortete er.

Donskoi beschuldigte den Gouverneur von Archangelsk

Vor Gericht behauptete Donskoi gestern, hinter der Verhaftung stehe der Gouverneur des Gebiets Archangelsk, Nikolai Kiseljow. Dieser wolle sich bei ihm rächen, weil er Kiseljow beschuldigt habe, Schmiergeld angenommen zu haben. So als sei Donskoi ein jungendlicher Sponti oder ein Klatschreporter hatte der Bürgermeister auf seiner Webseite in der vergangenen Woche ein dubioses Video veröffentlicht, auf dem jemand einem Mann, der dem Gouverneur ähnlich sieht, ein Bündel Geld übergibt. Die Generalstaatsanwaltschaft musste Ermittlungen wegen Korruption einleiten.

Umgekehrt wird zur Belustigung der Bürger auch die Verhaftung Donskois auf der offiziellen Webseite der Stadt als Fotoessay dokumentiert. "Was für ein absurdes Theater", sagt selbst Witalij Leleko, ein Journalist des städtischen Fernsehsenders. Keiner wisse, wie die Geschichte ausgehe. Die ganze Stadt stehe Kopf, findet Leleko.

Dass der Bürgermeister seine Stadt in Atem hält, überrascht niemanden mehr. Im vergangenen Winter hatte er rings um das Lenin-Denkmal 300 Schneemänner aufstellen lassen, um Archangelsk in die Medien zu bringen. Donskois Lieblingsmotiv ist allerdings seine Nashornsammlung, mit der er sich auf Pressefotos ablichten lässt. Jetzt muss er sich eine dicke Nashorn-Haut zulegen, um den Prozess und eine mögliche lange Haftzeit zu überstehen. Wenigstens haben ihm die Richter über das Wochenende Ausgang gewährt.

Das Ziel, Archangelsk in die Schlagzeilen zu bekommen, hat Alexander Donskoi jedenfalls ein weiteres Mal erreicht. Nicht durch Schneemänner oder Nashörner, sondern aufgrund seiner weißen Unterhose.



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