Russisches Agenten-Pärchen Moskau lästert über deutsche "Zirkusvorstellung"

Russlands Medien wettern gegen die Festnahme eines mutmaßlichen Agentenpaars in Deutschland. Es sei völlig unklar, welche Verbindung zwischen den Verdächtigen und Moskau bestehe. Doch eine Verwicklung des Auslandsgeheimdienstes SWR in den Fall ist wahrscheinlich.

Hauptquartier des russischen Auslandsgeheimdienstes: "Gezielte Desinformation"
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Hauptquartier des russischen Auslandsgeheimdienstes: "Gezielte Desinformation"

Von , Moskau


Der Zugriff erinnert an einen Agenten-Thriller: Schwer bewaffnete deutsche Polizisten in Sturmhauben stürmten in der vergangenen Woche in Marburg ein Einfamilienhaus, die Beamten überraschten nach SPIEGEL-Informationen die Bewohnerin, als diese gerade verschlüsselte Funkbotschaften empfing, vermutlich aus Moskau.

Die 51-jährige Heidrun A. gilt deutschen Ermittlern, ebenso wie ihr in Süddeutschland gefasster Mann Andreas A., 45, als mutmaßliche Agentin des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR. Es wäre das erste Mal seit der Wiedervereinigung, dass Undercover-Agenten des Kremls in Deutschland auffliegen. Russische Medien allerdings werfen den deutschen Behörden vor, eine "Zirkusvorstellung für das gelangweilte Publikum" inszeniert zu haben.

Die Affäre könnte die offiziell guten, zuletzt allerdings leicht ramponierten deutsch-russischen Beziehungen belasten. Anfang Oktober etwa hatte der russische Grenzschutz dem deutschen Russland-Experten Hans-Henning Schröder die Einreise verweigert, ohne Gründe zu nennen. Zudem hatte Berlin sehr zurückhaltend auf die jüngste Ankündigung von Premierminister Wladimir Putin reagiert, im kommenden Jahr wieder als Präsident in den Kreml zurückkehren zu wollen.

Der Auslandsgeheimdienst SWR kommentiert die Festnahme der beiden mutmaßlichen russischen Agenten nicht. Russische Medien dagegen suchen den Eindruck zu zerstreuen, die Auslandsaufklärung könnte nach der Enttarnung des russischen Spionagerings in den USA 2009 einen weiteren empfindlichen Schlag erlitten haben.

So schreibt die regierungsnahe Zeitung "Iswestija", das Ehepaar sei in Wahrheit längst in Rente gewesen. Der zum Gazprom-Konzern gehörende Fernsehsender NTW frotzelt angesichts des filmreifen Zugriffs des deutschen Kommandos, die Affäre sei zwar schon jetzt "wert, auf die Kinoleinwände gebracht zu werden". Allerdings müsse sich noch erweisen, ob es sich um einen Dokumentarfilm handeln werde, oder um eine frei erfundene Räuberpistole. Auch sei völlig "unklar, in welcher Verbindung die Verdächtigen zu Russland stehen", schreibt die Moskauer Boulevardzeitung "Moskowski Komsomolez". Ähnlich ungläubig hatten russische Medien 2009 zunächst auch reagiert, als der Spionagering um Anna Chapman - genannt "Agentin 00Sex" - aufgeflogen war.

"Das passt zur Handschrift des SWR"

Andreas A., der in Österreich aufgewachsen, aber in Argentinien geboren sein soll, war nach SPIEGEL-Informationen 1988 nach Deutschland eingereist. Der Geburtsort von Ehefrau Heidrun soll angeblich in Peru liegen. "Die Verbindung zu Lateinamerika, das passt zur Handschrift des SWR", sagt der Moskauer Geheimdienstexperte Andrej Soldatow.

Auch Under-Cover-Agenten der Chapman-Gruppe operierten in den USA mit einer südamerikanischen Scheinidentität. Sie waren enttarnt worden, nachdem ein hochrangiger russischer Offizier des SWR zu den Amerikanern übergelaufen war. "Mary, bitte nimm meine Entscheidung ruhig auf. Ich fahre weg, nicht auf Dienstreise, sondern für immer", schrieb Oberst Alexander Potejew, Leiter der Nordamerika-Abteilung des SWR, in einer Abschieds-SMS an seine Frau. Ein Moskauer Gericht verurteilte ihn in Abwesenheit zu 25 Jahre Haft.

Geheimdienst-Kenner Soldatow hält es allerdings für unwahrscheinlich, dass Überläufer Potejew, den die Amerikaner laut russischen Medienberichten für seinen Verrat angeblich mit 55 Millionen Dollar belohnt haben, auch die Agenten in Deutschland verraten habe. "Potejew leitete eine ganz andere Abteilung", so Soldatow.

Berichte, die beiden Spione aus Deutschland seien regelmäßig mit Anna Chapman in Verbindung getreten, mag Soldatow nicht glauben. Die angebliche Meisterspionin fällt in Moskau derzeit vor allem als Moderatorin von halbseidenen Mystery-Serien im Fernsehen auf oder als VIP-Gast auf Partys. Dass ausgerechnet die mitunter leicht unbedarft wirkende "Agentin 00Sex" im Zentrum eines weltweiten Spionage-Netzes gestanden habe, hält Soldatow für "Schwachsinn und gezielte Desinformation".



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linkslibero 24.10.2011
1. autsch!
Autsch! Schon wieder zwei Spione weniger in Putins Gurkentruppe. Bald kann Putin wieder patriotische Liedchen trällern, wenn die beiden nach Moskau überstellt werden und gegen ein paar der hunderten politischen Gefangenen ausgetauscht werden, die in russischen Kerkern sitzen.
Teile1977 24.10.2011
2. Beruhigend
Zitat von sysopRusslands Medien*wettern gegen*die Festnahme eines mutmaßlichen Agentenpaares in Deutschland. Es sei völlig unklar, welche Verbindung zwischen den Verdächtigen und Moskau bestehe. Doch eine Verwicklung des Auslandsgeheimdienstes SWR in den Fall ist wahrscheinlich. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,793674,00.html
Irgendwie beruhigt es mich ja, das der Geheimdienst der Russen genauso unfähig ist wie unserer. Da haben wir ja nichts mehr zu befürchten. ;-)
gernot999 24.10.2011
3. was für Geheimnisse könnts in diesem Joopi Heesters-Heim
namens BRD denn für die Russen überhaupt zu entdecken geben?! Dass der Juchtenkäfer schon längst den Adler im Staatswappen abgelöst hat? Und um zu erkennen, dass Deutschland über kurz oder lang eine chinesische Kolonie sein wird, brauchts auch keine Spione; dazu reichts, wenn man die Zeitungsartikel mit den kleineren Buchstaben liest. Folglich schliessen wir aus dieser Meldung, dass der BND mal wieder eine seiner üblichen PR-Nummern abgeliefert hat, damit der Rechnungshofbericht auch dieses Jahr nicht allzu ungnädig ausfällt.
sever 24.10.2011
4. ...
Mir ist unklar- zu welchen deutschen Supergeheimnissen hatte das Pärchen zugang? Bei der deutschen Regierung oder dem BND waren es nicht angestellt und in der Rüstungsindustrie war es auch nicht beschäftigt.... Wer braucht schon solche Spione? Oder hat das Pärchen versucht die deutschen HartzIV-Empfänger auf öffentlichen Straßen zusammen zu zählen? Die Geschichte ähnelt der aus den USA in der um die iranische Vorbereitung des Mordanschlags auf einen saudischen Botschafter geht und zwar mit der Hilfe und dem Personal der südamerikanischen Drogenmafia....
PeteLustig, 24.10.2011
5. .
Zitat von severMir ist unklar- zu welchen deutschen Supergeheimnissen hatte das Pärchen zugang? Bei der deutschen Regierung oder dem BND waren es nicht angestellt und in der Rüstungsindustrie war es auch nicht beschäftigt.... Wer braucht schon solche Spione? Oder hat das Pärchen versucht die deutschen HartzIV-Empfänger auf öffentlichen Straßen zusammen zu zählen? Die Geschichte ähnelt der aus den USA in der um die iranische Vorbereitung des Mordanschlags auf einen saudischen Botschafter geht und zwar mit der Hilfe und dem Personal der südamerikanischen Drogenmafia....
Schande aber auch, dass die Ermittlungsergebnisse von BKA, BND und Verfassungsschutz nicht unverzüglich und am Besten noch vor Ausstellung der Haftbefehle zu Ihnen zur rechtlichen Würdigung gemailt worden sind.
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