Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Merkel in Moskau: Verbindliche Gesten, klare Worte

Von

Merkel in Moskau: Verbindliche Gesten, klare Worte Fotos
AP

Angela Merkels Besuch in Moskau war nicht leicht, die Ukraine-Krise überschattete das gemeinsame Gedenken an die Weltkriegsopfer. Die Kanzlerin und Gastgeber Putin bemühten sich um Harmonie - und Abgrenzung.

War es vernünftig, dass Angela Merkel erst am 10. Mai und nicht bereits zuvor, am russischen Siegestag, nach Moskau gekommen ist? Lange wurde über die Entscheidung der Kanzlerin debattiert. Aber wer diese Tage in Moskau miterlebt hat, der hat gespürt: Es war ein angemessener Schritt. Die große Waffenschau auf dem Roten Platz war vorbei, der Auflauf der Staatsgäste auch. So konnte der Sonntag ganz im Zeichen jener deutschen Geste stehen, die mittags im Alexandergarten am Kreml stattfand: Die Kanzlerin der Deutschen verneigte sich am Grab des Unbekannten Soldaten - vor den Millionen Opfern, die das Land in einem Krieg zu erbringen hatte, den die Deutschen angezettelt hatten, wie sie später sagte. "Die Sowjetunion hatte die höchste Zahl an Opfern zu beklagen."

Dass die Atmosphäre zwischen Deutschen und Russen derzeit schwer belastet ist, war schon bei der Kranzniederlegung zu spüren. Zuerst fuhr Russlands Präsident Wladimir Putin vor, dann die Kanzlerin. Die Gesichter der beiden waren unbewegt, versteinert fast. Man absolvierte das Standardprogramm: Kränze niederlegen, Nationalhymnen, Vorbeimarsch der Ehrengarde. Auch Putin war anzumerken, dass dies für ihn kein leichter Staatstermin war. Ihm fehlt bei den Begegnungen mit Merkel stets die Lockerheit. Eine so hartnäckige Partnerin wie die deutsche Regierungschefin ist er nicht gewohnt.

Video: Eine vorsichtige Annäherung

REUTERS
Aber dann wirkte es kurzzeitig so, als wolle er frühere, fast romantische Saiten der deutsch-russischen Beziehungen anklingen lassen. Er spazierte mit Merkel an den Gedenksteinen für die sowjetischen Heldenstädte entlang, die beiden waren allein, es schien, als versuche Putin, die Atmosphäre etwas aufzulockern. In diesem Moment spielte die Militärkapelle keine Kriegsmärsche mehr, sondern das beliebte Lied vom "Blauen Tüchlein", das die Russin Klawdia Schulschenko während des Krieges sang: eine Romanze über den Abschied eines MG-Schützen von seiner Frau, der ihr beteuert, dass alles gut wird, dass es "ein Wiedersehen geben wird..."

"Verbrecherische Verletzung der Nachkriegsordnung"

Aber da war es mit der Romantik auch schon vorbei, von Harmonie war fortan nicht viel zu spüren. Auch nicht, als die beiden nach ihren Gesprächen im Haus 1 des Kreml in den Wappensaal zu den Journalisten traten. Putin gab zu, zwischen Russland und Deutschland herrschten derzeit "wegen der Vorgänge in der Ukraine nicht die besten Beziehungen". Auch Merkel sprach von einer "nicht einfachen Phase". Und obwohl beide beteuerten, man werde alles daran setzen, die Probleme friedlich zu lösen, war eines doch unübersehbar: Es gab keine Annäherung.

Merkel wählte klare Worte. Mit Blick auf die Annexion der Krim sprach sie von einer "verbrecherischen Verletzung der Nachkriegsordnung", was Putin mit verbissenem Gesicht quittierte. So stark hatte sie das noch nie formuliert. Souveränität und territoriale Integrität der Ukraine müssten wiederhergestellt werden, so die Kanzlerin. Schon die Schlacht um Debalzewe im Februar sei ein Bruch des in Minsk vereinbarten Waffenstillstandes gewesen, nach wie vor werde er nicht eingehalten, es gebe viele Verstöße auch von Seiten der Separatisten. Sie glaube schon, dass der russische Präsident Einfluss auf die Führer der Donezker und Luhansker Volksrepubliken habe.

Putin hielt dagegen, dass es nach wie vor nicht mal gemeinsame Kriterien zur Einschätzung der Lage in der Ukraine gebe, und dass der "direkte Dialog zwischen Kiew und Donezk sowie Luhansk" eine Schlüsselbedingung für den Frieden sei. Ansonsten versuchte er, die Lage schön zu reden: Es habe schon schlimmere Hindernisse in den deutsch-russischen Beziehungen gegeben, und zudem wisse er doch, dass die Deutschen Pragmatiker seien.

Druck der "Washingtoner Parteiführung"

Moskau setze "große Hoffnungen" auf Merkels Besuch, hatte Russlands Außenminister Sergej Lawrow vorher verlauten lassen. Das war eine unrealistische Erwartung, Lawrow weiß genau, dass ein Durchbruch derzeit kaum möglich ist. Solche Äußerungen geben dem Kreml aber die Möglichkeit, die Schuld an der Eiszeit immer wieder der anderen Seite zuzuschieben.

Dass die Kanzlerin nicht zum Siegestag kam, war in der russischen Öffentlichkeit auf Unverständnis gestoßen. "Ich kann Merkels Position nicht akzeptieren, aber ich akzeptiere ihre Haltung", sagte Ex-Präsident Michail Gorbatschow. Um dann hinzuzufügen: "Ich bin überzeugt, dass das mit dem starken Druck der US-Regierung zusammenhängt."

Dass die Wirklichkeit komplizierter ist und viele Europäer aus eigenem Antrieb auf Distanz zu Moskau gegangen sind, ist nie ins öffentliche Bewusstsein Russlands gedrungen, das hat schon die offizielle Propaganda verhindert. So fiel es dem Kreml leichter, die vielen Absagen eingeladener Politiker zu begründen. "Die habe ihnen die Reise nach Moskau verboten, erklärte Wladimir Putin seinem Volk: "Und das, obwohl viele gerne gekommen wären."

Von 68 eingeladenen Spitzenpolitikern kamen 27

Dies stimmt, wie vieles, was Putin in letzter Zeit sagt, mit der Wahrheit nicht überein. 68 Spitzenpolitiker waren zur Moskauer Siegesparade am 9. Mai eingeladen, 27 kamen. Aus der EU war einzig und allein der zyprische Präsident beim Militäraufmarsch dabei. Tschechiens Präsident Zeman zog sich während der Parade gemeinsam mit dem slowakischen Ministerpräsidenten zurück. Die Premierminister Ungarns und Griechenlands, die in den letzten Monaten die Nähe zu Putin gesucht hatten, sagten zum Schluss doch noch ihre Moskau-Reise ab.

Mit Druck aus Washington ließ sich auch nicht begründen, warum letztendlich selbst die brasilianische Staatschefin und der nordkoreanische Führer Kim Jong Un ausblieben. Noch härter traf Russland die plötzliche Absage des türkischen Staatspräsidenten Erdogan, den Putin vor Kurzem noch einen "lieben Freund" genannt hatte.

Der große Jubel um den 9. Mai ist vorbei, in Russland zieht kommende Woche wieder der Alltag ein. Dem Volk waren die politischen Querelen dieser Tage ohnehin einerlei, sie machten den Siegestag zu einem rauschenden Fest. Nach dem Siegessalut am Abend des 9. Mai fuhren sie laut hupend in ihren Autos durch die Stadt, als hätte Russland an diesem Tag die Fußball-WM und die Eishockeyweltmeisterschaft zugleich gewonnen.

Die Krieg im Nachbarland scheint ihnen weit weg. "Die Ukraine? Warum wollt ihr immer wieder darüber reden?", fragte ein russischer Fernsehmann deutsche Kollegen im Kreml, "das ist doch fast vorbei." Es klang so wie: "War da überhaupt was?"

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 49 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Verbrecher Putin
demokratie-troll 10.05.2015
Merkel: Verbrecherische und völkerrechtswidrige Annexion der Krim Interessante Formulierung - wenn auch im ersten Wort stockend vom Zettel abgelesen, so als wäre Merkel selbst überrascht von ihrer Aussage. Im Grunde ein Eklat, da ohne jegliche diplomatische Verklausulierung. Vergleichbares habe ich bei einem Staatsbesuch noch nicht gehört.
2.
sagichned 10.05.2015
"Noch härter traf Russland die plötzliche Absage des türkischen Staatspräsidenten Erdogan..." Und direkt unter dem Artikel ist der Artikel über Erdogan in Karlsruhe...
3. Merkel
egal 10.05.2015
Ist eine 1a Staatsmännin ( cooles genderunkorrektes Wort ), die ein absoluter Gluecksfall für Deutschland ist. Danke!
4. Sie machen Witze...
auf_dem_Holzweg? 10.05.2015
Merkel und "klare Worte"? Ist das hier Vorsicht Kamera?
5. Wieviel
stand.40 10.05.2015
unberechtigte Arroganz im vorgelesen Bericht in ihrer jetzigen Situation.Es gibt nichts Peinlicheres.Was bilden sich Deutschland und die als deligierende Kanzlerin sich ein wer sind wir wer ist sie ?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Anzeige
  • Alexander Osang (Hrsg.):
    Angela Merkel

    Porträts und Interviews aus dem SPIEGEL.

    SPIEGEL E-Book; 2,99 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.

Interaktive Grafik


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: