Proteste in Russland Aus dem Schlaf erwacht

Nach fünf Jahren Ruhe sieht Russland wieder Massenproteste in den großen Städten. Es sind die jungen Menschen, die gegen das korrupte System demonstrieren. Sie kennen die Angst noch nicht.

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Am Sonntag ist Russland wie aus tiefem Schlaf erwacht. Fünf Jahre hat dieser Schlaf gedauert - solange liegt die Protestwelle des Winters 2011/2012 zurück. Sie wurde mit Gewalt beendet: Einige Teilnehmer der vorherigen Großkundgebung am 6. Mai 2012 sitzen heute noch in Haft. Seit jenem Tag war es ruhig auf Russlands Straßen. Politik fand nicht mehr statt, es gab sie nur noch in Form von Außenpolitik, als patriotische Erzählung von Russland Selbstbehauptung gegen den feindlichen Westen.

Jetzt ist die Politik zurückgekehrt auf Russlands Straßen. In Dutzenden Großstädten haben Zehntausende Menschen gegen Korruption protestiert. Allein in Moskau, wo die Kundgebung in der Innenstadt nicht genehmigt war, hat die Polizei nach unabhängigen Schätzungen fast 900 Menschen festgenommen. In Sankt Petersburg gingen noch mehr Menschen auf die Straße als in Moskau. Und weil die Polizei lange nicht eingriff, zogen sie einmal quer durch die Stadt - bis vor den Winterpalast, aus dem vor 100 Jahren der Zar vertrieben wurde.

Mit diesem Ausmaß an Protesten hat niemand gerechnet, der Kreml nicht und vermutlich auch nicht ihr Anstifter, Oppositionsführer Alexej Nawalny. Russland hat sich in den vergangenen fünf Jahren stark gewandelt: Mit neuen repressiven Gesetzen, mit weniger Medienfreiheit und stärkerer Ausgrenzung von Andersdenkenden. Auch ärmer ist das Land geworden, insofern gäbe es eigentlich mehr Grund zur Klage. Aber der Missmut über die wirtschaftliche Not ist bisher ohne Richtung geblieben.

Nawalny ist es gelungen, ihm eine Form zu geben. In einer Zeit, da der Staat spart, hat der Aktivist gegen Korruption die Aufmerksamkeit auf den luxuriösen Lebensstil des Premierministers Dmitrij Medwedew gelenkt. Rund 14 Millionen Menschen, das entspricht einem Zehntel von Russlands Bevölkerung, haben auf YouTube und anderen Plattformen Nawalnys Recherchen angeschaut - angelockt vom sarkastisch-witzigen Ton und von den Drohnenaufnahmen mutmaßlicher Residenzen.

Vor allem aber, und das ist die eigentliche Neuheit, hat er eine neue, junge Anhängerschaft mobilisiert. Sie erinnert sich nicht an die Jahre vor Putin oder an die Enttäuschungen der letzten Proteste. Sie weiß noch nicht, was Angst und Enttäuschung sind. Sie hatte keine Zeit, die Reflexe der Älteren zu übernehmen. Ob diese politisierten Schüler und Studenten Russlands Politik beeinflussen können, ist völlig ungewiss. Aber dass es überhaupt wieder eine Politik gibt, einen offen ausgetragenen Streit, den man im besten Fall beeinflussen könnte, das ist immerhin eine Hoffnung.



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insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
danielohondo 27.03.2017
1. Die Proteste
Die Proteste wäre viel erfolgreicher gewesen, wenn der Westen, bzw. hauptsächlich die USA kein Regimechange in der Ukraine durchgeführt hätten. Putin stand schon mit Rücken zur Wand und die Bevölkerung hatte ihn satt. Nun, hat Putin die allergrößte Unterstützung und muss um nichts fürchten.
Kater Bolle 27.03.2017
2. Korruption das Gift dieser Welt.....
ist offensichtlich über die ganze Welt weit verbreitet. Das System Putin lädt dazu ja gerade zu ein. Wenn der Bevölkerung der volle Umfang bekannt wäre, würde es dort anders aussehen. Putin und Erdogan und die anderen Despoten der Welt sind eben "Wesensverwandte". Anstand ist für solche Leute ein Fremdwort. Ihre Macht basiert auf ein System der Unterdrückung.
unzensierbar 27.03.2017
3.
Problem hier ist, dass diese Proteste nicht gegen das System gehen, nur gegen eine Regierung. Neue Regierung oder Regierungspartei und alle sind zufrieden. Das System bleibt bestehen. Das darin das wahre Problem liegt will niemand wahr haben.
laracrofti 27.03.2017
4. Was ist denn schlecht...
...am russischen Regierungssystem? Als deutscher Staatsbürger ist mir ein Putin lieber als das ganze Oligarchen-Chaos vor ihm. Man hätte ihn in Ruhe lassen sollen statt die NATO-Osterweiterung bis vor seiner Tür voranzutreiben, der Putin hätte genug zu tun gehabt in seinem Land und wäre über jede Zusammenarbeit mit der EU und USA froh gewesen. Stattdessen spielen wir auf Wunsch der USA "Kalter Krieg" mit ihm.
palma 27.03.2017
5. Die Provokateure aus dem Schlaf erwacht.
Ich meine, dass in Russland und in Weissrussland die Polizei ebenso wirksam erfüllt seine Arbeit, wie in den USA und in Europa. Die Ordnung vor allem. Niemand braucht die Ukrainische oder die Arabische "Revolution", die nur das Blut bringt.
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