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Streit mit Putin: Russische Behörde lässt Bücher von George Soros verbrennen

Von , Moskau

George Soros: "Wir stehen gegen das Putin-Regime, welches das russische Volk ausbeutet" Zur Großansicht
REUTERS

George Soros: "Wir stehen gegen das Putin-Regime, welches das russische Volk ausbeutet"

Weil sie angeblich die Jugend gefährden, werden in Russland Bücher vernichtet, die mit Unterstützung von George Soros veröffentlicht wurden. Grund ist wohl nicht der Inhalt - sondern der Streit zwischen dem US-Milliardär und Wladimir Putin.

Behörden in der russischen Nordprovinz Komi haben mit der Vernichtung von Büchern begonnen, die mit Unterstützung des US-Milliardärs George Soros veröffentlicht wurden. Das geht aus einer Antwort des regionalen Bildungsministeriums auf eine Anfrage des lokalen Nachrichtenportals "7x7" hervor. Mehrere hundert Publikationen wurden demnach bereits aus Beständen örtlicher Hochschulen in der Stadt Workuta entfernt.

Als Grund heißt es in einer entsprechenden Anordnung, die Bücher würden unter Jugendlichen "der russischen Ideologie fremde Vorstellungen" verbreiten, sie führten auch zu "verzerrter Wahrnehmung der vaterländischen Geschichte".

53 Bücher wurden bereits vernichtet, "mittels Verbrennung", wie es in einem Behördenschreiben heißt.

Betroffen sind Lehrbücher mit unspektakulären Titeln wie "Philosophie von Wissenschaft und Technik" oder "Anthologie des französischen Surrealismus". Bei den meisten Verfassern handelt es sich um russische Wissenschaftler, darunter Professoren der staatlichen Moskauer Lomonossow-Universität und der ebenfalls in der Hauptstadt angesiedelten Higher School of Economics (HSE).

Die betroffenen Autoren können sich keinen Reim auf das drastische Vorgehen der Behörden machen. "Bücher verbrennen ist eine merkwürdige Tat, unabhängig vom Inhalt", sagt Lew Jakobson, Prorektor der HSE und Verfasser des ebenfalls betroffenen Buchs "Ökonomie des öffentlichen Sektors". Nach Angaben des Nachrichtenportals Gaseta.ru war Jakobson noch 2004 von Präsident Wladimir Putin ausgezeichnet worden.

Zorn des Kreml auf Soros

Grund für die Zensur dürfte weniger der Inhalt der Bücher sein, als vielmehr die Person des Milliardärs Soros selbst. Der Finanzmagnat und Mäzen hatte russische Hochschulen und Wissenschaftler bereits seit den späten Achtzigerjahren unterstützt. Gemeinsam mit Raissa Gorbatschowa, der Ehefrau von Sowjetführer Michail Gorbatschow, gründete Soros eine erste Stiftung.

Den Zorn des Kreml allerdings hat er sich zugezogen, weil er auch Demokratiebewegungen in Ländern des ehemaligen Ostblocks finanziert. Der Kreml verdächtigt Soros deshalb, in Russland einen Umsturz zu planen.

Soros' Open Society Foundations wurden in Russland 2015 zu "unerwünschten Organisationen" erklärt. Generalstaatsanwalt Juri Tschaika begründet das mit angeblichen "Gefahren für die Fundamente der verfassungsmäßigen Ordnung, der Wehrkraft des Landes oder der Sicherheit des Staates". Im August wurden im Gebiet Swerdlowsk im Ural bereits Bücher der britischen Militärhistoriker Antony Beevor und Sir John Keegan konfisziert, die angeblich von Soros in Russland verbreitet wurden und "Stereotype des Dritten Reichs propagandieren".

Kampfansage an Putin

Soros macht keinen Hehl daraus, was für ihn die größte Gefahr für Osteuropa darstellt: Putins imperiale Ambitionen. Der US-Milliardär fordert seit Jahren, der Westen solle entschiedener gegenüber dem Kreml auftreten. Soros plädierte schon 2006 für einen Ausschluss Russlands aus der G8, der Gruppe der wichtigsten Industrienationen.

In der ehemaligen Sowjetrepublik Georgien finanzierte Soros 2003 die Organisation Kmara - "genug". Die studentische Protest- und Bürgerrechtsbewegung spielte eine Rolle bei der "Rosenrevolution", die den Reformer Micheil Saakaschwili in Georgien an die Macht brachte. Unter dem neuen Präsidenten Saakaschwili stieg Alexander Lomaja, Leiter der Tifliser Filiale von Soros' Open Society Institute, auf bis zum Chef des Georgischen Sicherheitsrats. Saakaschwili, ein erbitterter Putin-Gegner, ist mit Soros befreundet.

Nach dem Sieg der ukrainischen Maidan-Revolution 2014 griff Soros der neuen Regierung mit der Finanzierung eines Medienzentrums in Kiew unter die Arme. Er wirbt seither im Westen für mehr finanzielle Unterstützung für das Land. Europa und die USA müssten 50 Milliarden Dollar in die Ukraine pumpen. "Der wirtschaftliche Zusammenbruch der Ukraine wäre für Putin der maximale Erfolg, und er kommt diesem Ziel jeden Tag näher", warnte Soros vor einem Jahr im SPIEGEL.

Im November pries Soros in Kiew die "Geburt der neuen Ukraine". An Russland richtete der Milliardär eine Kampfansage: "Ich empfinde keine Feindseligkeit gegenüber dem russischen Volk. Wir stehen aber gegen das Putin-Regime, welches das russische Volk ausbeutet".

Lew Jakobson, der Moskauer Professor, hegt die Hoffnung, dass nicht noch mehr Bücher zum Kollateralschaden der Fehde zwischen Putin und Soros werden. Jakobson vermutet, in der Nordprovinz Komi seien die örtlichen Beamten vielleicht nur über die Stränge geschlagen, um ihren Vorgesetzten zu gefallen. Hoffentlich handele es sich nicht "um einen neuen Trend".

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Fläche: 17.098.200 km²

Bevölkerung: 143,972 Mio.

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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