Mögliches Mordmotiv Nemzow soll USA bei Sanktionsliste geholfen haben

Laut Kreml hat der Mord an Boris Nemzow angeblich einen islamistischen Hintergrund. Doch es gibt ein anderes mögliches Motiv: Einem Zeitungsbericht zufolge hat der Oppositionelle die USA unterstützt, Sanktionslisten gegen Moskau zu verfassen.

Oppositionsführer Nemzow: Hilfe bei Sanktionslisten?
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Oppositionsführer Nemzow: Hilfe bei Sanktionslisten?


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Moskau - Wurde Boris Nemzow getötet, weil er die Amerikaner unterstützte? Drei Wochen nach dem Mord an dem russischen Oppositionellen wirft die offizielle Tatversion immer mehr Fragen auf. Wie die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" ("FAS") berichtet, gibt es Hinweise, dass auch Nemzows Verbindung zu den USA ein Motiv für den Mord sein könne. Das Blatt beruft sich auf nicht näher benannte Sicherheitskreise.

Nach der Annexion der Krim im vergangenen Jahr habe der prominente Putin-Gegner demnach geholfen, die US-Liste mit Sanktionen gegen führende russische Politiker und Geschäftsleute zu verfassen. Dort sind insbesondere enge Freunde und Weggefährten von Präsident Wladimir Putin aufgeführt, die von Washington mit Einreiseverboten und Vermögenssperren belegt wurden.

Auf der Liste ist auch der Name von Sergej Naryschkin zu finden. Der Vorsitzende des russischen Parlaments soll, so berichtet die Zeitung, laut Sicherheitskreisen in geheimer Mission damals auf die Krim gereist sein, um den künftigen Gouverneur der Halbinsel auszusuchen. Naryschkin bezeichnete die "Wiedervereinigung der Krim mit Russland" später als "eines der wichtigsten historischen Ereignisse des Jahrhunderts".

Geständnis widerrufen

Russische Oppositionelle zweifeln schon länger an der Darstellung der Behörden, dass es einen islamistischen Hintergrund für das Attentat gibt. Ermittler hatten wenige Tage nach dem Mord an Nemzow mehrere Männer verhaftet, die aus Tschetschenien stammen. Allerdings weisen diese die Vorwürfe zurück. Der Hauptverdächtige Zaur D. widerrief sein Geständnis mittlerweile, er gibt an, ein Alibi für die Tatzeit zu haben. Zuvor war bekannt geworden, dass D. offenbar in der Haft gefoltert worden war. Ein Mitglied der Menschenrechtskommission des Kreml, das ihn besuchte, berichtete von "zahlreichen Verletzungen".

Der Oppositionspolitiker Wladimir Milow sagte dem Radiosender Swoboda nach dem Mord, dass Präsident Putin und sein Umfeld aufgrund der Sanktionen größere Probleme bekommen hätten als erwartet. "Sie machten Nemzow schon lange persönlich verantwortlich dafür, dass die Sanktionen in so einer harten Weise verhängt worden sind", sagte Milow. Im Kreml sei man über die Lobbyarbeit Nemzows erbost gewesen.

Zweite Sanktionsliste nach qualvollem Tod eines Anwalts

Nemzow soll nach dem Bericht der "FAS" nicht nur an der Sanktionsliste nach der Krim-Annexion beteiligt gewesen sein, sondern er half den USA auch bei der sogenannten Magnizki-Liste 2012. Sie war nach dem qualvollen Tod des russischen Anwalts Sergej Magnizki in einem Moskauer Gefängnis 2009 erlassen worden. Der Jurist hatte für die US-Firma Firestone Duncan gearbeitet und in Moskau den Investmentfonds Hermitage Capital Management beraten, er war wegen Betrugsvorwürfen festgenommen worden. Russland verbot als Reaktion auf die US-Sanktionen Amerikanern die Adoption russischer Waisenkinder.

Im vergangen Jahr besuchte Nemzow, der vom amerikanischen Investor George Soros finanziell unterstützt worden sein soll, konservative US-Senatoren, darunter John McCain und Ron Johnson. Er übergab ihnen 13 Namen, die zu der Magnizki-Liste zugefügt werden sollten. Darunter sind enge Gefolgsleute Putins. Die US-Regierung will darüber aber erst Ende des Jahres entscheiden - je nach Fortgang der Ermittlung im Nemzow-Fall, wie das Außenministerium mitteilte.

Zusammengefasst: Drei Wochen nach dem Mord an dem russischen Oppositionellen Boris Nemzow wirft die offizielle Tatversion Fragen auf. Nun gibt es Hinweise auf ein anderes Motiv: Nemzow half den USA einem Zeitungsbericht zufolge nach der Krim-Annexion 2014 und dem qualvollen Tod des russischen Anwalts Sergej Magnizki 2009 beim Erstellen von Sanktionslisten gegen Russland.

heb

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insgesamt 119 Beiträge
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Seite 1
ornitologe 22.03.2015
1. Egal,
Nemzow war sicherlich kein Freund des real existierenden Russland. Welche Motive zu seiner Ermordung führten, wird wohl bald im Nebel der Geschichte verblasst sein. Auch die nachträgliche Konstruktion div. Motive macht diesen Mann nicht wieder lebendig. Es wird aber auch keinen weiteren Einfluss auf den Gang der Dinge in Moskau und Europa haben.
Zaunsfeld 22.03.2015
2.
Zitat von ornitologeNemzow war sicherlich kein Freund des real existierenden Russland. Welche Motive zu seiner Ermordung führten, wird wohl bald im Nebel der Geschichte verblasst sein. Auch die nachträgliche Konstruktion div. Motive macht diesen Mann nicht wieder lebendig. Es wird aber auch keinen weiteren Einfluss auf den Gang der Dinge in Moskau und Europa haben.
Da haben Sie recht. Dass der Mordauftrag aus Putins Dunstkreis kam, wenn nicht sogar von Putin selbst, ist mehr als eindeutig. Gut, dass Sie das mittlerweile auch so sehen. Den Märchen und Ablenkungsmanövern des Kremls glaubt doch sowieso keiner mehr. Putin und seine gesamte Regierung bestehen aus nichts anderem als Lügen ... genau wie seine Anhänger und Verteidiger in diversen Online-Foren.
dunnhaupt 22.03.2015
3. Ablenkung vom Kontraktmord
Der russischen Polizei war es sofort eindeutig klar, dass es sich hier nur um einen wohlorganisierten professionellen Kontraktmord handeln kann. Dies jedoch hätte in eine politisch unerwünschte Richtung geführt. Deshalb sucht man nun nach immer abwegigeren und immer weniger überzeugenden Motiven, weshalb womöglich auch ein Einzelkiller die Tat aus privaten Gründen verübt haben könnte.
ornitologe 22.03.2015
4. Wissen Sie,
Zitat von ZaunsfeldDa haben Sie recht. Dass der Mordauftrag aus Putins Dunstkreis kam, wenn nicht sogar von Putin selbst, ist mehr als eindeutig. Gut, dass Sie das mittlerweile auch so sehen. Den Märchen und Ablenkungsmanövern des Kremls glaubt doch sowieso keiner mehr. Putin und seine gesamte Regierung bestehen aus nichts anderem als Lügen ... genau wie seine Anhänger und Verteidiger in diversen Online-Foren.
ob Putinfreund oder Putinfeind - wenn es richtig zur Sache geht, interessiert das in Europa niemanden mehr. Wenn es knallt, weil irgendwer die Notbremsse nicht gefunden hat, ist die ganze Gesinnung wertlos. Und Europa wird im Fall des Falles das Schlachtfeld sein, dass ist schon mal sicher.
yossariania 22.03.2015
5. Die Geschichte
Zitat von ZaunsfeldDa haben Sie recht. Dass der Mordauftrag aus Putins Dunstkreis kam, wenn nicht sogar von Putin selbst, ist mehr als eindeutig. Gut, dass Sie das mittlerweile auch so sehen. Den Märchen und Ablenkungsmanövern des Kremls glaubt doch sowieso keiner mehr. Putin und seine gesamte Regierung bestehen aus nichts anderem als Lügen ... genau wie seine Anhänger und Verteidiger in diversen Online-Foren.
spielt dem Kremel so sehr in die Hände, das sie glatt von ihm hätte erfunden sein können. Nemzow hat an der Sanktionsliste mitgewirkt? Das wir die radikaldemokratischen Fundamentaloppossitionellen freuen - aber die machen halt nur 0,5% der russischen Bevölkerung aus. Für die große Masse der Russen dürfte das, was man Nemzow unterstellt, aber Landesverrat sein, die Russen sind nun mal, bei allen verschiedenartigen politischen Gesinnungen, ein sehr patriotisches Völkchen. Mag man mögen oder nicht, kann man aber nicht ändern. Indem man Nemzow zum Erfüllungsgehilfen der USA macht, rückt man ihn in die Nähe des Landesverrates und diskreditiert damit die gesamte Opposition.
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