Ost-West-Umfrage Die Russen lieben die Deutschen - nicht mehr

Ordnung, Fleiß, Effizienz: Lange haben die Russen die Deutschen dafür bewundert. Sie träumten von einem Bündnis. Nun hadern sie mit Berlins Rolle in der Ukrainekrise - und wenden sich China zu. Einblicke in eine enttäuschte Liebe.

Deutsch-russische Beziehungen: Viel schlechter wird es nicht mehr
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Deutsch-russische Beziehungen: Viel schlechter wird es nicht mehr

Von , Moskau


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Es gibt nicht viele Menschen, die das deutsch-russische Verhältnis treffender beschreiben als Wladimir Sorokin. Der Bestsellerautor ist Russe, hat aber auch eine Wohnung in Berlin, im Stadtteil Charlottenburg, wegen seiner zahlreichen russischsprachigen Bewohner mitunter auch "Charlottengrad" genannt.

Mit beiden Ländern verhalte es sich "wie mit einem alten Liebespaar. Mal umarmen sie sich und geben sich der Liebe hin, mal schlagen sie aufeinander ein und beginnen blutige Kriege".

Wer russische Medien verfolgt, spürt: Die Zeit für Umarmungen ist vorbei. So stellte der zum Gazprom-Imperium gehörende Sender NTW jüngst mit versteckter Kamera einem hochrangigen Mitarbeiter der deutschen Botschaft nach und suggerierte danach, der Diplomat stachele die Opposition zum Widerstand gegen den Kreml an. Das Boulevardblatt "Komsomolskaja Prawda" präsentierte groß eine "Chronik von Deutschlands Untergang" - einen Abgesang auf die vermeintlich unwiederbringlich von Moslems überrannte Bundesrepublik.

Die Schärfe der Angriffe ist auch Symptom enttäuschter Liebe. Keinem Land außerhalb des postsowjetischen Raumes brachten die Russen so viel Vertrauen und Sympathie entgegen wie Deutschland. Im Jahr 2015 sehen nur noch zwei Prozent der Russen in Deutschland ein befreundetes Land, das geht aus einer Umfrage des angesehenen Lewada-Zentrums hervor. Noch im Jahr 2011 war das ganz anders: Da rangierte Deutschland auf Platz drei der wichtigsten Partnerländer, hinter Weißrussland und Kasachstan, den traditionell wichtigsten Verbündeten.

Inzwischen nimmt China in Meinungsumfragen den Platz des globalen Lieblingspartners ein. Seit 2013 hat lediglich die Ukraine noch mehr Sympathie in den Augen der Russen eingebüßt. "Wir haben die Deutschen für die Nation gehalten, die uns am nächsten stehe", erklärt der Soziologe Walerij Fjordorow, Chef des staatlichen Meinungsforschungsinstituts WZIOM. Die Erwartung der Russen sei gewesen, dass Deutschland in der Ukrainekrise stärker als "Anwalt Russlands" auftreten würde und sich gegen Sanktionen aussprechen würde. Deshalb ist die Enttäuschung besonders groß.

Die öffentliche Mehrheitsmeinung hat für den Zwist mit Deutschland zwei Schuldige ausgemacht: Angela Merkel und die Vereinigten Staaten. Das bei Hardlinern in Moskau beliebte Polit-Magazin "Odnako" bildete die Kanzlerin schon mal mit einem blutigen Beil auf der Titelseite ab. Merkel wird bei vielen als Handlangerin der Angelsachsen gesehen.

In der Bevölkerung hat sich - befeuert auch durch die staatlichen Medien - die Überzeugung festgesetzt, Deutschland würde gern auf Russlands Position einschwenken, eigentlich. Berlin sei in der Außenpolitik aber nicht souverän.

Zwei Drittel der Russen sind der Meinung, dass die deutsche Regierung nach Anweisungen der USA agiert. Seit dem Ausbruch der Ukrainekrise ist der Anteil derer sprunghaft gewachsen, die der Meinung sind, dass Amerika eine Annäherung zwischen Deutschen und Russen torpediere (2015 sind 33 Prozent der Russen dieser Meinung, 2013 waren es nur 5 Prozent).

Daraus spricht auch die Hoffnung vieler Russen, Deutschland werde sich eines Besseren besinnen - und Amerika den Rücken kehren.

Das grundsätzlich ausgesprochen positive Deutschlandbild der Russen ist ein verblüffendes Phänomen. Einerseits ist das Andenken an den Zweiten Weltkrieg und die Opfer der deutschen Wehrmacht allgegenwärtig. Daraus entspringt aber nur selten Groll. "Wir haben in den Deutschen immer ein großes Volk gesehen, dass Lehren aus der Geschichte gezogen hat", sagt der Soziologe Fjordorow.

Diese Zuneigung hat historische Wurzeln. Seit Zeiten von Zar Peter dem Großen war der Austausch Russlands mit keiner anderen Nation so intensiv. Deutsche Romanfiguren spielen Schlüsselrollen in Werken Dostojewskis und Tolstois.

"Der deutsche Charakter wird von den Russen als komplementär gesehen, als perfektes Gegenstück des eigenen", sagt Fjordorow. Viele Russen bewundern Eigenschaften, die in Russland als "typisch deutsch" gelten: Pünktlichkeit, Fleiß, Effizienz und Ordnungsliebe. "Die Rettung für Deutschland kommt aus Russland, so wie sie für Russland aus Deutschland kommt", hat diese Vorstellung einmal Fedor Stepun zusammengefasst, ein 1884 geborener russlanddeutscher Philosoph.

Vieles davon entspringt eher einem verklärten "kulturellen Mythos" denn echter Landeskenntnis. Nur sieben von 100 Russen geben an, schon einmal in Deutschland gewesen zu sein. Nur jeder fünfte hat deutsche Bekannte oder Freunde.

Immerhin: Es gibt auch Umfragen, die Hoffnung machen können für das deutsch-russische Verhältnis. So ist der Anteil der Russen stark angestiegen, die eine Verbesserung der deutsch-russischen Beziehungen erwarten.

Viel schlechter können sie ja auch tatsächlich nicht mehr werden.


Zusammengefasst: Seit die EU wegen der Annexion der Krim Sanktionen gegen Moskau verkündet hat, ist das Ansehen der Deutschen in Russland drastisch gesunken. Laut einer Umfrage des angesehenen Lewada-Zentrums sehen nur noch zwei Prozent der Russen in Deutschland ein befreundetes Land. Die Schärfe der Angriffe, so ein Meinungsforscher, ist auch Symptom enttäuschter Liebe. Keinem Land außerhalb des postsowjetischen Raumes brachten die Russen lange so viel Vertrauen und Sympathie entgegen wie Deutschland.

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