Proteste und Festnahmen in Russland "Bleib lieber weg!"

Nach den Massenprotesten greift Russlands Sicherheitsapparat durch: Wieder gibt es Festnahmen. Die Lage ist verworren - auch weil keiner weiß, wer hinter den neuen Protesten in Moskau steckt.

Von , Moskau


"Schaut ihn doch an", sagt ein Mann, kurze braune Haare, dunkle Winterjacke mit Pelzkragen. "Der trägt amerikanische Schuhe und Jeans." Gemeint ist ein junger Mann vor ihm - er erzählt, warum er gegen die Korruption auf die Straße geht. Der andere versucht, ihn schlecht zu machen. Es geht hin und her.

Es ist eine der Szenen im Zentrum von Moskau am Sonntag. Auf den Roten Platz kommt keiner, er ist mit Gittern abgesperrt. In der Nähe parken Dutzende von Bussen mit Sicherheitskräften, auch den Spezialeinsatzkräften Omon. Die Polizei ist überall präsent, auch auf der Twerskaja-Straße. Dunkel gekleidete Männer filmen überall, viele haben Knöpfe im Ohr.

Nur wenige versammeln sich. Nicht immer ist klar, wer sich da gerade äußert - und vor allem in wessen Auftrag, wer wirklich Journalist ist und wer nicht. Es ist eine merkwürdige Stimmung: Junge Frauen, die laut rufen, dass doch nicht alles schlecht sei im Land. An ihrer Seite ein Mann, dunkel gekleidet, er wirkt wie ein Aufpasser. Touristen kommen in Gruppen vorbei, filmen.

Andere, die gekommen sind, halten eine orange-schwarz-gestreifte Fahne hoch, die Farben des Georgsbands, das auch ein Symbol im Kampf gegen die Ukraine geworden ist. Sie warnen vor einem zweiten Maidan und Alexej Nawalny. Man wisse nicht, wer den Oppositionspolitiker finanziere. Das seien doch die USA, sagt einer, ohne weitere Erklärungen.

Nawalnys Sprecherin dementiert

Nawalny hatte zu den Massenprotesten gegen Korruption vor einer Woche aufgerufen, mehr als 60.000 Menschen in 82 russischen Städten versammelten sich. Allein in Moskau waren es nach Angaben der Polizei 8000, nach anderen Angaben mehr als 10.000. Nawalny hatte gegen Premier Dimitrij Medwedew schwere Korruptionsvorwürfe erhoben (Lesen Sie hier bei dekoder auf Deutsch, was genau Medwedew vorgeworfen wird). Der Oppositionspolitiker sitzt für 15 Tage in Haft.

Angeblich soll Nawalny zu den Protesten auch an diesem Sonntag aufgerufen haben, was seine Sprecherin Kira Jarmysch dementiert. "Er weiß darüber absolut nichts", schreibt sie auf Twitter. Es ist eine von vielen Seltsamkeiten in diesen Tagen. Dass Nawalny als ein aus dem Westen bezahlter Politiker versucht wird zu diskreditieren, ist nicht der erste Versuch dieser Art.

Die Angst geht um vor neuen Festnahmen, auch weil Schüler und Studenten, die protestierten, Besuch von den Sicherheitsbehörden bekommen haben und immer wieder neue Nachrichten darüber kursieren. Zudem ist nicht klar, wer hinter den Aufrufen in den sozialen Medien steckt, an diesem Sonntag erneut auf die Straße zu gehen. Die Rede ist von einer nationalistischen Gruppe.

Auf Twitter wollen User Mitglieder der russischen "Befreiungsbewegung" SERB unter denjenigen identifiziert haben, die im Zentrum von Moskau dabei sind. Auch manch eine Festnahme am Sonntag wirkt inszeniert:

Einige der jungen Russen, die letztes Mal protestiert hatten, hatten versucht, mit den angeblichen Organisatoren der neuen Proteste Kontakt aufzunehmen. Es habe keine Antwort gegeben, sagen sie. Und so warnen viele in den Gruppen beim Messengerdienst Telegram, in denen sie sich organisieren, vor einer Teilnahme an der nicht genehmigten Versammlung. Das sei eine konzertierte Aktion der Sicherheitsdienste, die dazu diene, die Teilnehmer festzunehmen, heißt es. "Bleib lieber weg."

Efim, 16 Jahre, und Michael, 15 Jahre, sind trotzdem gekommen. Als sie einem Reporter ein Interview geben, nimmt ein Mann, der sich nicht vorstellt, sie in die Mangel und filmt das Gespräch: Warum sie denn demonstrieren? Wie es denn mit der Korruption in anderen Ländern, im Westen aussehe? "Wir leben in Russland", hält Efim dagegen. "Ich will wissen, wo unser Geld hin ist." Die Antworten, die der Kreml bisher gegeben habe, reichten ihm nicht aus, sagt er.

Angst habe er nicht, sagt Efim, auch wenn viel Polizei auf der Straße sei. Er werde wieder protestieren gehen.

Mindestens 31 Festnahmen in Moskau

Weiter oben an der Twerskaja-Straße versammeln sich nahe einer U-Bahn-Station etwa 150 Menschen. Als sie sich Richtung Roter Platz aufmachen, stellen sich ihnen Polizisten mit Helmen und Schutzwesten in den Weg. Mehrere Menschen werden wegen "Verletzung der öffentlichen Ordnung" festgenommen und in einen der Gefängnistransporter gebracht.

Die Bürgerrechtsgruppe OVD-Info berichtet von mindestens 56 Festnahmen am Sonntag, darunter mindestens vier Minderjährige. Unter den Festgenommenen soll auch der 16-jährige Pawel Djatlow sein. Er war vor einer Woche auf einen Laternenmast geklettert und später festgenommen worden. Das russische Innenministerium spricht von 31 Menschen, die in Gewahrsam genommen wurden.

Video: Warum die jungen Russen protestieren

Auch in anderen Städten wie St. Petersburg, Samara, Astrachan oder Tscheljabinsk in Sibirien gehen Menschen auf die Straße, um gegen Korruption zu demonstrieren. "Ihr könnt nicht alle verhaften", steht auf einem ihrer Schilder.

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