Verbotene Filmsatire in Russland "Man muss über Stalin lachen dürfen"

In der Komödie "Der Tod Stalins" stirbt der Diktator im eigenen Urin. Zu viel für den Kulturminister - die Satire ist verboten. Doch ein Menschenrechtler aus Komi, weit in Russlands Norden, will das nicht hinnehmen.

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Aus Syktywkar, Komi, berichtet


Als stur gelten die Menschen in Komi, einer Republik im Nordwesten Russlands. Als eigen und dickköpfig. So gesehen ist Ernest Mezak, dem sein Vater den Vornamen des Guerillero Che Guevaras gab, ein Vorzeige-Komi.

Mezak, 41 Jahre alt, ist ein kleiner Mann, braune Haare, schwarze Brille. Er sieht aus wie einer, der vor allem mit seinen Büchern beschäftigt ist. In Wahrheit streitet sich Mezak gern. So hat er zum Beispiel durchgesetzt, dass in russischen Gefängniswaggons, in denen noch heute Häftlinge transportiert werden, nur 13 statt 16 Gefangene in ein fensterloses Abteil gesperrt werden dürfen. Ein kleiner Erfolg, aber immerhin. Jahrelang hat er dafür geklagt.

Ernest Mezak
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Jetzt legt sich Mezak mit der Regierung im 1000 Kilometer entfernten Moskau an. Der Rechtsexperte und Mitglied der Menschenrechtskommission von Memorial will durchsetzen, dass die Filmsatire "Der Tod Stalins" (auf Russisch "Smert Stalina") in den Kino Russlands gezeigt wird.

Mezak hat Klage beim Stadtgericht in Syktywkar, der Hauptstadt von Komi, gegen das Verbot des Films eingereicht. Am Donnerstag beginnt der Prozess. "Natürlich muss man über Stalin lachen dürfen. Man muss über jeden Politiker lachen dürfen", sagt Mezak.

"Das ist Zensur"

In der Komödie des schottischen Regisseurs Armando Iannucci geht es vor allem darum, wie sich der Machtapparat nach dem Tod Josef Stalins in Stellung bringt. Geheimdienstchef Berija, Marschall Schukow, die Mitglieder des Präsidiums des Zentralkomitees Malenkow und Chruschtschow spinnen Intrigen, getrieben von Machtgier, die Iannucci gnadenlos inszeniert. Auch das Hinscheiden Stalins wird wenig zimperlich gezeigt: Ihn trifft der Schlag, er macht sich in die Hose und fällt zu Boden. Das war's.

Ein toter Stalin, der in seinem Urin liegt? Das passt nicht zur der Erzählung, die sie in Moskau, insbesondere in nationalistischen Kreisen, gern pflegen. Es ist die Erzählung über die ruhmreichen Erfolge Russlands, die das Land auch Diktator Stalin zu verdanken hat: der Sieg im Zweiten Weltkrieg über Hitler-Deutschland, die Umwandlung eines Bauernstaates in eine Atommacht. Die Millionen Menschen, die dabei zugrunde gingen, werden allenfalls am Rande erwähnt. Kulturminister Wladimir Medinskij entzog dem Film die bereits erteilte Lizenz.

Man könnte sich den Film im benachbarten Weißrussland anschauen, denn dort ist er erlaubt, oder ihn im Internet anschauen. Das ist nicht legal, aber irgendein Weg findet sich in Russland bekanntlich immer. Mezak jedoch geht es um das Prinzip, auch gerade weil in Komi so viele unter Stalin leiden mussten. "Das ist Zensur", sagt er. Und die verstößt gegen Russlands Verfassung.

"Bei uns gibt es keine Zensur", behauptet dagegen Minister Medinskij, "aber es gibt moralische Grenzen zwischen einer kritischen Analyse der Geschichte und ihrer Verhöhnung". Beleidigt sieht er durch den Film "die sowjetische Vergangenheit, das Land, die Besieger des Faschismus, die sowjetischen Armee und die einfachen Leute - und was besonders abstoßend ist, sogar die Opfer des Stalinismus".

Graben in den Archiven

In Komi schütteln sie nur den Kopf darüber. "Und wo ist bitte der Respekt für die Opfer, wenn bei uns Denkmäler für Stalin errichtet werden?" fragt der Historiker Michail Rogatschew. Er meint damit zum Beispiel das in Lipezk, 2015 aufgestellt. Damals protestierten dort Memorial-Mitglieder aus Syktywkar, ein Teil der Organisation ist inzwischen als "ausländischer Agent" eingestuft worden. Sie lasen Biografien von Opfern des Stalin-Terrors vor.

Michail Rogatschew
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Michail Rogatschew

Zwölf schwarze Bände sind es inzwischen, die Rogatschew mit seinen Mitarbeitern gefüllt hat. Um die 140.000 Namen. Auf dem Tisch vor dem 65-Jährigen stapeln sich die Papiere. Eine Enkelin bittet in einem Brief um Hilfe, sie recherchiert das Schicksal ihres Großvaters, der in einem Gulag starb.

Rogatschew leitet die Stiftung "Sühne", die mit finanzieller Unterstützung der regionalen Regierung den Terroropfern einen Namen gibt. Eine Million sind es allein in Komi wohl mindestens, fast jede Familie ist betroffen. Hunderttausende wurden in den Nordwesten deportiert. In der Republik gab es 22 Arbeits- und Straflager, die Menschen mussten Schwerstarbeit leisten, wurden zugrunde gerichtet, erschossen. Stalin ließ Hunderttausende Gefangene Kohle und Öl aus dem Boden holen, Wälder abholzen.

Nicht jedem gefällt das Graben in den Archiven, wo Rogatschew natürlich auch auf Täter stößt. Die aber, vor allem die zweite und dritte Reihe, die Wächter, die Spione, die Polizisten, sind bis heute überwiegend namenlos geblieben. Die "Maschinerie des Terrors", wie Rogatschew sie nennt.

"Sie wollen es nicht begreifen"

Die Figur Stalin scheint davon abgekoppelt zu sein. In einer Umfrage wurde der Diktator im vergangenen Jahr zur "bedeutendsten Person aller Zeiten" erklärt, noch vor Präsident Wladimir Putin. Diese Verklärung macht Rogatschew wütend, für ihn ist Stalin ein Tyrann. "Sie wollen es nicht begreifen. Nicht dass sie es nicht können, sie wollen es einfach nicht, das ist viel schlimmer."

Zentraler Platz von Syktywkar
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Zentraler Platz von Syktywkar

Fragt man die Menschen im Zentrum von Syktywkar nach Stalin, schauen viele ungläubig, sagen: "Ich weiß es nicht" oder "Es gibt Wichtigeres", um sich schnell zu verabschieden. Seinen Namen will niemand nennen. Über den Film hat kaum einer etwas gehört.

Eine 84-Jährige nennt Stalin gar eine "große Persönlichkeit". Dass ihrem Vater, einem Bauer das Land genommen wurde, kommentiert sie mit den Worten: "Das war damals halt so." Eine 20-Jährige sagt: "Ich kann mich gut in ihn hereinversetzen, er wollte dem Land zur Größe verhelfen, es nach vorne bringen, leider war der Weg zu blutig." Ob jemand unter dem Terror leiden musste in ihrer Familie? "Ich weiß es nicht, wir haben nie drüber geredet." Es klingt gleichgültig.

Zwei Mal fast gestorben

Anatolij Smilingis versucht, dagegen anzukämpfen. Zu dem heute 90-Jährigen fährt man von Sytkywkar aus über eine Landstraße durch schneebedeckte Wälder.

Anatolij Smilingis
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Anatolij Smilingis

Smilingis musste unter Stalin in einem Sägewerk schuften. Er wurde als Jugendlicher aus Riga nach Komi deportiert. Zwei Mal sei er fast gestorben, an Kälte, an Erschöpfung, sagt Smilingis.

Trotz seines hohen Alters arbeitet er noch immer, Montag bis Freitag geht der Mann mit dem grauen Schnauzer und buschigen Augenbrauen in sein Büro in Kortkeors. In der regionalen Bildungseinrichtung war er früher der Leiter.

Den Film über Stalin will er nicht sehen, sagt er. Smilingis hebt die Hand an den Hals, was bedeuten soll, dass er genug vom Diktator hat, unter dem er so litt. Das Verbot der Komödie findet er trotzdem falsch: "Die finden immer irgendeinen Grund, etwas zu untersagen. Jeder kann doch selbst entscheiden"

Smilingis sucht immer noch die Orte in den Wäldern, wo Terroropfer verscharrt wurden, und stellt dort Kreuze auf. 18 gibt es schon. Er erzählt den Jugendlichen davon. Er geht gar zu Stalins Geburtstag ins örtliche Museum. "Die anderen reden dann über die großartige Industrialisierung unter Stalin, sein Weltraumprogramm. Und ich über die Enteignung der Bauern, die Unterdrückungen." Ob ihn das nicht traurig mache? Smilingis lacht kurz auf: "Wir müssen einander ertragen."

Mitarbeit: Tatiana Sutkovaja, Katharina Lindt

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