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Medien-Gigant "Russland heute": Putins neue Propagandamaschine gegen den Westen

Von , Moskau

Wladimir Putin geht in die PR-Offensive. Mit dem Medien-Giganten "Russland heute" will er auf allen Kanälen die Sicht des Kreml auf die Welt verbreiten. Chefredakteur wird der Scharfmacher Kisseljow, der vor laufender Kamera über Homosexuelle hetzt - und über Deutschland.

Als sie in Moskau vor ihre Mitarbeiter tritt, ist Swetlana Mironjuk den Tränen nah. Zehn Jahre lang hat sie Ria Nowosti geleitet, Russlands traditionsreiche Nachrichtenagentur. Mironjuk war gerade einmal Mitte 30, als sie 2003 den Posten als Chefredakteurin antrat. Natürlich hat sie gewusst, dass sie wie jeder Chefredakteur einmal den Schreibtisch würde räumen müssen. Dass dieser Tag aber gleich auch das Ende der Agentur nach mehr als 70 Jahren besiegeln würde, konnte sie nicht ahnen.

"Ich entschuldige mich bei allen, die ich nicht habe verteidigen können", sagte Mironjuk in ihrer Abschiedsrede.

Wladimir Putin lässt die Agentur "liquidieren", so steht es in einem Präsidentendekret, das der Kreml am Montag veröffentlichte. Angeblich geht es darum, Mittel zu sparen. Nicht nur Kreml-Gegner halten diesen Grund für vorgeschoben. Der Putin-treue Politologe Sergej Markow glaubt, der Kreml sei mit der Berichterstattung von Ria Nowosti unzufrieden gewesen, weil deren "Kolumnisten ideell abhängig von westlichen Positionen waren".

An Stelle von Ria Nowosti schafft der Kreml einen neuen Mediengiganten. "Russland Heute" soll er heißen und nicht nur das Agenturgeschäft weiterführen, sondern es auch mit dem Kreml-Radio "Stimme Russlands" und der Regierungszeitung "Rossijskaja Gaseta" verzahnen.

Das Zielpublikum sieht der Kreml im Ausland, berichtet werden soll vor allem über "die Politik der Russischen Föderation und ihr gesellschaftliches Leben". Kritiker nennen das Konzept dagegen eine "riesige Propagandamaschine", die auf den Westen ziele.

Chef von "Russland Heute" wird Dmitrij Kisseljow. Der Starmoderator hat schon mal anlässlich Putins Geburtstag vor laufenden Kameras zu einer Lobrede auf Russlands Präsidenten angehoben, die nicht weniger als 12 Minuten und 40 Sekunden dauerte. Unter seinen "Vorgängern im 20. Jahrhundert" sei Putin "nur vergleichbar mit Stalin".

Kisseljow gehört zu den bekanntesten Fernsehgesichtern in Russland. Jeden Sonntag moderiert er beim staatlichen Kanal Rossija 1 zur besten Sendezeit einen Rückblick auf die Nachrichten der Woche. Kisseljow pflegt eine Vorliebe für feine Anzüge. Geht er aber auf Sendung, wird es grob.

Groteske Zerrbilder zur besten Sendezeit

Am vergangenen Sonntag etwa posierte Kisseljow mit einem beschädigten Helm der ukrainischen Polizei im Studio. Das sollte unterstreichen, wie "barbarisch" die Proteste auf Kiews Unabhängigkeitsplatz seien. Dazu zeigte der Sender ausschließlich Aufnahmen vom versuchten Sturm auf die Kanzlei von Präsident Wiktor Janukowitsch. Das Kalkül der Opposition sei klar auf "Blutvergießen" ausgerichtet, wusste Kisseljow.

Auch Guido Westerwelle bekam sein Fett weg. Erst bezeichnete der Moderator den deutschen Außenminister wegen seines Besuchs mit den Klitschko-Brüdern auf dem Maidan in Kiew als "Gaffer". Dann wurde er persönlich und witzelte über Westerwelles Homosexualität: Der Deutsche sei sicher "gut gewärmt worden von den Körpern dieser Schwergewichte, womöglich auch überhitzt".

Kisseljow fordert auch schon einmal in einer Talkshow, die Herzen von homosexuellen Unfallopfern nicht für Transplantationen zu nutzen, sondern "zu verbrennen oder zu vergraben, weil sie zum Leben nicht taugen".

Selbst bei trockenen Wirtschaftsthemen vergreift sich Kisseljow im Ton. So griff der Moderator die Zypern-Rettung der EU an, vor allem die geplante Zwangsabgabe für Kontoinhaber. So rücksichtslos sei zuletzt Adolf Hitler vorgegangen, als er die Juden enteignete. Die Propaganda der Nationalsozialisten habe die Gelder der Juden damals als "schmutzig" bezeichnet - genauso diskutiere Europa auch über russische Vermögen auf Zypern.

Kreml festigt seine Macht in den Medien

Kisseljows Nachrichten lieferten mitunter grotesk anmutende Zerrbilder der Welt ("Schwedens Außenminister ist in Wahrheit ein Agent der CIA"). Ausgerechnet er will sich nun um die "Wiederherstellung eines gerechten Verhältnisses zu Russland" kümmern.

Der Kreml festigt damit seine Rolle in Russlands Medienwelt. Kürzlich hat eine Tochtergesellschaft des staatlichen Energieriesen Gazprom mehrere Fernsehkanäle gekauft. Beobachter werten die Neuordnung der Medien als Niederlage des liberalen Kreml-Flügels um Premierminister Dmitrij Medwedew.

Für Russlands Medien ist Putins Reform ein Schritt zurück. Schon der Name "Russland heute" ist der sowjetischen Propaganda entlehnt. "Sowjetunion heute" hieß in den achtziger Jahren ein Magazin, das die Kommunisten auf Deutsch veröffentlichten und das in der Bundesrepublik Sympathien wecken sollte. Herausgegeben wurde das Heft von der APN, einer staatlichen Presseagentur, stark durchsetzt von Agenten des Geheimdienstes KGB.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ging aus APN die neue Nachrichtenagentur Ria Nowosti hervor. Weil der Staat weiter Eigentümer war, blieb auch die neue Agentur anfällig für Zensur. Die Forderung von Ex-Finanzminister Alexej Kudrin nach "fairen und ehrlichen Wahlen" fiel in Agenturberichten schon mal unter den Tisch.

Chefredakteurin Mironjuk aber formte den angestaubten Sowjetapparat nach und nach zu einer modernen Nachrichtenagentur. Nun muss die konziliante 45-Jährige dem zehn Jahre älteren Scharfmacher Kisseljow weichen.

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Fläche: 17.098.200 km²

Bevölkerung: 143,972 Mio.

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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