Russland Kirche stellt sich gegen den Kreml

Die gefälschten Parlamentswahlen belasten das sonst einträchtige Verhältnis von Kreml und Kirche. Patriarch Kirill ruft die Regierung zum Dialog mit den Demonstranten auf und warnt vor einer Revolution. Bei der Weihnachtsfeier der Orthodoxen versuchte Premier Putin nun, die Wogen zu glätten.

Von Alina Braun, Moskau


Als Patriarch Kirill, das Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK), Freitagnacht die feierliche Weihnachtsmesse in der Christ-Erlöser-Kathedrale unweit des Kreml hielt, war Präsident Dmitrij Medwedew ganz nah bei ihm. Mit seiner Frau Swetlana und einer Gruppe von Kindern der kirchlichen Schule hatte er sich gleich links neben den Altar gestellt.

Auch Premierminister Wladimir Putin demonstrierte Nähe zur Kirche: Er nahm am Weihnachtsgottesdienst in der Verklärungskathedrale seiner Heimatstadt St. Petersburg teil und überraschte die anwesenden Journalisten noch vor der Kirchentür mit einer Anekdote aus seiner geheimnisumwitterten Vergangenheit: Zur Sowjetzeit sei er als Kind in ebenjener Kirche heimlich getauft worden. "Meine Mutter verriet meinem Vater nichts, weil er ein strenges Mitglied der Kommunistischen Partei war."

Solche Auftritte liefern perfekte Bilder für den Präsidentschaftswahlkampf. Sie sollen das bröckelnde Ansehen Putins stabilisieren.

Hinter den Kulissen ist es um die Eintracht von Kreml und Kirche jedoch nicht zum Besten bestellt. Seit der gefälschten Parlamentswahl von Anfang Dezember distanziert sich die sonst so Kreml-treue Russisch-Orthodoxe Kirche von der Regierung. Patriarch Kirill, der als Oberhaupt der ROK auch in den Rankings der wichtigsten politischen Figuren des Landes regelmäßig in den Top Ten platziert ist, forderte in einer Predigt endlich "einen wirklichen Dialog mit den Bürgern, damit das Leben der Nation nicht zerstört wird". Die Regierung solle auf die Gesellschaft hören und ihren Kurs korrigieren.

Scharf kritisierte der Patriarch die allgegenwärtige Korruption im Land. "Die Hauptpunkte, die bei den Menschen Proteststimmung und völlig zu Recht eine ablehnende Haltung hervorrufen, sind Korruption und der Staatsapparat. Der Präsident muss ein konkretes Programm zum Kampf gegen diese Übel vorlegen."

Lehrstunde für Volk und Regierung

Mehrere Vertreter der orthodoxen Kirche schlossen sich den Demonstrationen an. Vor allem im Internetportal www.pravmir.ru, das kirchliche Nachrichten verbreitet, ist eine hitzige Diskussion entbrannt. Dort berichtete der Pope Dmitrij Swerdlow, der als Wahlbeobachter tätig war, detailliert über Fälschungen zugunsten der Putin-Partei Einiges Russland. In einem Wahllokal der Hauptstadt war er Zeuge, wie der Putin-Partei viermal so viele Stimmen zugeschrieben wurden wie der Kommunistischen Partei, obwohl beide Stimmzettelstapel gleich hoch waren. Als der Priester die Manipulation reklamierte, entgegnete ihm ein Polizist: "Da können wir nichts machen."

Der populäre Geistliche und Kommentator Andrej Kurajew pries die friedlichen Demonstrationen gegen Wahlfälschungen als "eine Schule zur Wiederherstellung des Bürgersinns, und zwar eine Schule für Volk und Regierung". Einige Geistliche forderten gar ihre Gemeinde auf, den offensichtlichen Betrug nicht zu tolerieren.

"Eine arrogante Einstellung gegenüber den Bürgern"

Der bekannte Moskauer Priester Andrej Zuewsky kritisierte das politische System in einer Predigt, die er auf seiner Facebook-Seite veröffentlichte. "Eine arrogante Einstellung gegenüber den Bürgern ist zur abnormalen Norm geworden", stellte er fest. Erzpriester Wsewolod Tschaplin, so etwas wie die Nummer drei in der Hierarchie der ROK, sprach sich für eine Neuauszählung der Wahlstimmen aus.

In einem in dieser Woche veröffentlichen Grundsatzartikel kritisierte der Kirchenmann aber auch die Anführer der Protestbewegung wie den ehemaligen Vizepremier Boris Nemzow, den Schriftsteller Boris Akunin und den bekannten Fernsehmoderator Leonid Parfjonow. "Ich habe große Zweifel, dass diese Leute Russland vor Schaden bewahren und es stärker und friedlicher machen können, wenn sie an die Macht kämen."

Tschaplin sprach damit eine breite, großrussisch gesinnte Schicht seiner Kirche an. Sie breitet ihre Gedanken auf der Web-Seite rusimperia.info aus, übersetzt "russisches Imperium". Der Priester Dmitrij Smirnow, der für die Wiedereinführung der Monarchie eintritt, erklärte: "Ich kenne kein einziges Land mit wirklich demokratischen Wahlen. Bei den Wahlen in Amerika hat Barack Obama gesiegt, weil man ihm für seinen Wahlkampf dreimal mehr Geld gegeben hat als seinen Konkurrenten. Das heißt: Nicht das Volk hat entschieden, sondern das Geld."

Warnung vor Blutvergießen

Patriarch Kirill hingegen lobte die Berichterstattung von Pravmir. Er forderte seine Kirche dazu auf, das Internet noch stärker zu nutzen. Gleichzeitig mahnte er Priester, Mönche und Nonnen, "leichtsinnige und manchmal absichtlich provokante Aussagen zu vermeiden". Kirill warnte besonders eindringlich vor einer Spaltung der Gesellschaft und den Gefahren einer neuen Revolution. "Das Blutvergießen im 20. Jahrhundert gibt uns nicht das Recht dazu", sagte er.

Nach der kommunistischen Revolution von 1917 flüchteten mehr als eine Million orthodoxer Christen ins Exil. Rund 100.000 Geistliche und Kirchenmitarbeiter wurden allein zwischen 1917 und 1940 in Gefängnissen und Arbeitslagern umgebracht. Jede zehnte Kirche wurde zerstört, darunter auch die beiden Klöster im Kreml. Andere Gotteshäuser funktionierten die Kommunisten zu Lagerhallen, Bibliotheken, Verwaltungsgebäuden und Schwimmbädern um.

Patriarch Kirill schwebt offenkundig eine Vermittlerrolle zwischen Kreml und Gesellschaft vor, so ähnlich wie zu Beginn der neunziger Jahre, als sein Amtsvorgänger Alexej II. großen Anteil daran hatte, dass der Konflikt um Russlands neue Verfassung nicht zum Bürgerkrieg geriet.

"Der Patriarch kann die Situation beruhigen, die ansonsten auf eine komplette Spaltung in Volk und Regierung zusteuert, also auf eine tiefgreifende Krise", sagt der Kirchenhistoriker Andrej Zubow: "Die Erklärungen des Patriarchen nehmen mehr und mehr den Ton eines Vermittlers an."

Mit Material von dpa



insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Witalij 07.01.2012
1. Vielleicht
Zitat von sysopDie*gefälschten Parlamentswahlen belasten*das sonst einträchtige Verhältnis von Kreml und Orthodoxer Kirche. Patriarch Kirill ruft die Regierung zum Dialog mit den Demonstranten auf und warnt vor einer Revolution. Bei der*Weihnachtsfeier versuchte Premier Putin nun die Wogen zu glätten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,807520,00.html
lässt man Putin zu Weihnachten (heute ist Weihnachten in Russland) in Ruhe? Es ging doch letzte Tage so spannend mit Präsident Wulff...
tatraholger 07.01.2012
2. Sie sollten....
Zitat von sysopDie*gefälschten Parlamentswahlen belasten*das sonst einträchtige Verhältnis von Kreml und Orthodoxer Kirche. Patriarch Kirill ruft die Regierung zum Dialog mit den Demonstranten auf und warnt vor einer Revolution. Bei der*Weihnachtsfeier versuchte Premier Putin nun die Wogen zu glätten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,807520,00.html
-In einem in dieser Woche veröffentlichen Grundsatzartikel kritisierte der Kirchenmann aber auch die Anführer der Protestbewegung wie den ehemaligen Vizepremier Boris Nemzow, den Schriftsteller Boris Akunin und den bekannten Fernsehmoderator Leonid Parfjonow. "Ich habe große Zweifel, dass diese Leute Russland vor Schaden bewahren und es stärker und friedlicher machen können, wenn sie an die Macht kämen."- auch diese Passage einmal als Schlagzeile und Aufmachung bringen! Aber ich fuerchte, das wird nicht passieren, denn das passt ja nicht in die angeblich so "revolutionaere Stimmung" in Russland! Und noch eins, der Patriarch hat in diesen Interview auch extra darauf hingewiesen, das sich die Kirche weder auf die Seite von Putin, noch auf die Seite der "Demokraten" stellt! Also, wenn -Spon- schon diesen Artikel druckt, dann aber bitte auch bei der Wahrheit bleiben!!!
Stelzi 07.01.2012
3. Nächsten Monat:
Russland: Kreml verbietet Kirche Seltsamere Dinge sind schon passiert...
cassandros 07.01.2012
4. Wer ist der Zar?
Zitat von sysopDie*gefälschten Parlamentswahlen belasten*das sonst einträchtige Verhältnis von Kreml und Orthodoxer Kirche. Patriarch Kirill ruft die Regierung zum Dialog mit den Demonstranten auf und warnt vor einer Revolution. Bei der*Weihnachtsfeier versuchte Premier Putin nun die Wogen zu glätten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,807520,00.html
Man muss die Nöte des armen Mannes verstehen: Da haben die Popen nach 70 Jahren Kommunismus endlich wieder im Kreml den Fuß in der Tür und können dem Zaren was (zu)flüstern. Eine Revolution, die womöglich zu einer neuerlichen Säkularisierung Rußlands und ergo dazu führen könnte, daß er und seine Kumpels in Sibirien Schneemänner missionieren müssten, wäre aber auch zu dumm und käme denkbar ungelegen. Gerade jetzt.
Anton T 07.01.2012
5. mal schau'n
Zitat von sysopDie*gefälschten Parlamentswahlen belasten*das sonst einträchtige Verhältnis von Kreml und Orthodoxer Kirche. Patriarch Kirill ruft die Regierung zum Dialog mit den Demonstranten auf und warnt vor einer Revolution. Bei der*Weihnachtsfeier versuchte Premier Putin nun die Wogen zu glätten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,807520,00.html
Putin kommt ein Mitstreiter nach dem andern abhanden. Nach Kudrin nun die Kirche, die bisher stramm an seiner Seite stand. Die Kirche hat mit großrussischer Propaganda unter den Schäfchen den Putinismus ideologisch stets flankiert("heiliges Russland"). Ein herber Verlust für Putin, wenn nun auch der Patriarch anfängt zu meutern. Der Wind dreht sich im Russenland. Mal schauen, in welche Richtung. Es wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Es muß am Ende nicht unbedingt Demokratie bei rauskommen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.