Beirut/Moskau - Die russische Regierung hat "sehr besorgt" auf Informationen über einen israelischen Luftangriff in Syrien reagiert. Wenn sich die Berichte über Attacken der Kampfjets bestätigten, "haben wir es mit nicht-provozierten Angriffen auf Ziele in einem souveränen Staat zu tun", erklärte das Außenministerium in Moskau. Dies wäre eine Verstoß gegen die Uno-Charta und "nicht akzeptabel".
Auch die Arabische Liga verurteile den Angriff mit scharfen Worten. Generalsekretär Nabil al-Arabi erklärte, mit diesem "brutalen Akt auf syrischem Territorium" missachte Israel erneut die Souveränität eines arabischen Staates. Dies sei ein klarer Verstoß gegen internationales Recht.
Israels Luftwaffe hatte in der Nacht auf Mittwoch Attacken geflogen - die Regierung will den Vorfall nicht kommentieren. Widersprüchliche Berichte gibt es über das Ziel der Angriffe. Laut israelischer Zeitung "Haaretz" könnten sogar beide beschriebenen Ziele getroffen worden sein.
Zum einen melden "New York Times" und die Nachrichtenagentur Reuters, die Flugzeuge hätten einen Lastwagenkonvoi bombardiert, der mit hochmodernen Flugabwehrwaffen auf dem Weg zur Hisbollah-Miliz im Libanon gewesen sei. Der Angriff habe auf syrischem Gebiet unweit der Grenze zum Libanon stattgefunden. Die Zeitung beruft sich auf US-Regierungsbeamte, die von Israel informiert worden waren.
Die Meldung deckt sich mit den Angaben örtlicher Sicherheitskräfte, die von der Nachrichtenagentur AP zitiert werden: Ihnen zufolge hatte Israel in den Tagen vor dem Luftangriff geplant, eine für die Hisbollah bestimmte Waffenlieferung ins Visier zu nehmen. Zur Ladung hätten aus russischer Produktion stammende Flugabwehrraketen vom Typ SA-17 gehört.
Zum anderen berichten syrische Staatsmedien, die Angriffe hätten nicht einem Konvoi sondern einem militärischen Forschungszentrum in der Provinz Damaskus gegolten. Der Komplex sei zerstört, zwei Arbeiter seien getötet worden. Das Zentrum habe dem Zweck gedient, die "militärischen Fähigkeiten der Streitkräfte voranzutreiben", berichtete der staatliche Sender.
Die radikale Hisbollah erklärte ebenfalls, Israel habe das Forschungszentrum getroffen - und verkündete ihre "volle Solidarität mit der Syriens Führung, Armee und Volk". Die radikalislamische Organisation forderte die internationale Gemeinschaft und die arabischen Länder auf, Israel zu verurteilen.
Die "Jerusalem Post" meldet, die Beschreibung der Einrichtung deute darauf hin, dass es sich dabei um jenes Forschungszentrum handelt, das für die Entwicklung biologischer und chemischer Waffen zuständig sei.
Israel ist sehr besorgt, dass Chemiewaffen und hochmoderne Waffensysteme aus dem umkämpften Syrien an die schiitischen Hisbollah-Milizen fallen könnten. Sollten die radikalen Islamisten wie befürchtet in den Besitz von SA-17-Flugabwehrraketen gelangen, würde dies das Machtgefüge in der Region aus Sicht von Experten dramatisch verschieben. Der israelische Minister für Regionale Entwicklung, Silvan Schalom, hatte erst am Sonntag betont, Israel werde Maßnahmen ergreifen, um das zu verhindern.
Der Libanon dementierte den Angriff der Israelis. "Die Meldungen über einen israelischen Angriff an der syrisch-libanesischen Grenze entbehren jeder Grundlage", meldete die staatliche Nachrichtenagentur NNA. Allerdings teilten die libanesischen Streitkräfte mit, israelische Flugzeuge seien in der Nacht zum Mittwoch in den südlibanesischen Luftraum eingedrungen. Die Uno-Truppen im Libanon betonten, sie hätten keine Informationen über einen möglichen Angriff.
Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle sagte lediglich, Berlin habe zu dem Thema "keine gesicherten Erkenntnisse" und wolle sich daher vorläufig nicht äußern.
Russland hat aber "dringliche Maßnahmen" eingeleitet, um die Vorgänge vom Mittwoch aufzuklären, erklärte Moskau. Die russische Regierung fordere erneut ein Ende der Gewalt in Syrien und verurteile "jede Art von Intervention aus dem Ausland". Die Vorfälle könnten eine neue diplomatische Krise im Nahen Osten auslösen. Iran hat bereits gedroht, dass Teheran jeglichen israelischen Angriff auf Syrien als Angriff auf sich selbst betrachtet. Iran und Russland gehören zu den wenigen verbliebenen Verbündeten der syrischen Führung von Staatschef Baschar al-Assad, Moskau distanziert sich aber langsam von ihm.
Assad kämpft seit knapp zwei Jahren gegen die Opposition. In dem Bürgerkriegsind nach Uno-Schätzungen mehr als 60.000 Menschen ums Leben gekommen. Auf Seite der Rebellen kämpfen auch Islamisten, die wie die palästinensische Hamas das Existenzrecht Israels in Frage stellen. Die syrische Hauptstadt Damaskus ist nur 50 Kilometer von den Golanhöhen entfernt, die Israel annektiert hat.
kgp/Reuters
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