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Propaganda für den Kreml: Putins deutsche Gehilfen

Von und , Moskau

"Deutscher Professor" Haag: In Russland populär, in Deutschland ein Phantom Zur Großansicht

"Deutscher Professor" Haag: In Russland populär, in Deutschland ein Phantom

Selbst ernannte deutsche Experten sind schwer beliebt bei Russlands Staatsmedien. Verschwörungstheoretiker und Antisemiten gaukeln den Russen vor, Berlin habe sich auf die Seite des Kreml geschlagen.

Kennen Sie Lorenz Haag? Den Professor, den Chef des bekannten Instituts "Agentur für globale Kommunikation"? Den Universalgelehrten, der sich mühelos zu Außenpolitik, Wirtschaft, Raumfahrt und Krim-Krise äußert?

Sagt Ihnen nichts? Dann lesen Sie vermutlich keine russischen Zeitungen. Denn dort macht Haag regelmäßig Schlagzeilen. Besonders oft zitiert die staatliche Nachrichtenagentur Tass den "deutschen Professor". Haag sagt dann, was die Russen gern von der Bundesrepublik hören wollen. "In Deutschland wird die Position der Krim und Russlands verstanden", lautet eine der Titelzeilen. Dem Radiosender Golos Rossii ("Stimme Russlands") sagte Haag: "Die Ukraine hat ihre Verhandlungen mit Russland über die Gaslieferungen selbst zum Stillstand gebracht."

In Deutschland ist der Mann ein Phantom. In den letzten 25 Jahren hat keine deutsche Zeitung einen Lorenz Haag auch nur einmal erwähnt. An welchem Institut der "Professor" lehrt, dazu findet sich auch in den russischen Medien kein Hinweis.

Und Haag ist nicht der Einzige. Deutsche "Experten" mit zweifelhaftem Hintergrund sind bei russischen Medien schwer beliebt. So wie Christoph Hörstel, ein Mann, der extreme Thesen verbreitet. Kanzlerin Angela Merkel wirft er in Interviews schon mal eine "Politik des Hochverrats" vor. Die russische Nachrichtenagentur Ria Nowosti zitiert ihn aber gern als "Berater der deutschen Regierung". Ria Nowosti gehört zu einer Medienholding des Kreml.

Der Auslandssender Russia Today wiederum präsentiert auf seiner Webseite einen "ehemaligen Mitarbeiter der führenden deutschen Fernsehkanäle" als Kronzeugen für angebliche antirussische Tendenzen. ARD und ZDF hetzten die Deutschen gegen Russland auf, sagt dort der angebliche Top-Journalist Ken Jebsen. Er hat mal beim RBB als Radiomoderator gearbeitet. Dass Jebsen den Job kurze Zeit, nachdem er wegen einer antisemitischen Äußerung in die Kritik geraten war, wegen wiederholter Verstöße gegen journalistische Standards verlor, erwähnte Russia Today nicht.

"Falschmeldung über ein angebliches "deutsches Geheimpapier"

Viele Russen schauen heute mit Sympathie nach Deutschland. Mit den Auftritten der Rechtsextremen, Verschwörungstheoretiker und Phantom-Experten versuchen die Kreml-Medien ihren Zuschauern und Lesern vorzugaukeln, Berlin habe sich auf die Seite des Kreml geschlagen.

So schreibt bei dem russischen Propaganda-Portal "Ukraina.ru" ein "deutscher Politologe" mit dem rätselhaften Namen Kert Maier, "in Deutschland wird das Putin-Verstehen verboten". In deutschen Archiven findet sich kein Politologe dieses Namens. Eine Anfrage mit der Bitte um einen Kontakt zu Maier ließ die Redaktion von "Ukraina.ru" unbeantwortet.

Maiers Name steht auch über einem anderen Artikel, der in Russland große Aufmerksamkeit fand. Darin geht es um angebliche Erkenntnisse der deutschen Regierung zum Abschuss des Fluges MH17 über der Ostukraine. Berlin könne beweisen, dass die Maschine "nicht vom Raketensystem Buk abgeschossen" wurde. Die deutsche Luftüberwachung verfüge stattdessen über Daten, wonach eine ukrainische SA-3-Batterie auf die Boeing gezielt habe.

In Wahrheit heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken lediglich, man verfüge über "keine gesicherten Erkenntnisse auf etwaige Einsätze von Flugabwehrkörpern". "Awacs"-Aufklärungsflugzeuge hätten am Tag des Abschusses ein nicht identifizierbares Radarsignal empfangen. Daneben seien auch Signale einer SA-3-Batterie eingegangen, ein "in der gesamten Region routinemäßig erfasstes Signal".

Das belegt lediglich, dass die Ukraine über eine SA-3 verfügt. Die Falschmeldung über das angebliche "deutsche Geheimpapier" schlug in Russland dennoch ein wie eine Bombe. Allein der entsprechende Artikel der Boulevardzeitung "Moskowskij Komsomolez" wurde im Internet 620.000-mal gelesen.

Zweifelhafter Kronzeuge

Eine andere Theorie zum Abschuss der Boeing präsentiert wiederum der Auslandssender Russia Today. In einem Beitrag mit dem Titel "MH17 - The untold Story", behauptet der Kanal, das Flugzeug sei von einem ukrainischen Kampfjet abgeschossen worden. Als Kronzeuge tritt wiederum ein deutscher Experte auf, ein pensionierter Pilot. Peter Haisenko hat sich im Internet Fotos von Trümmerteilen angesehen. Er glaubt, darauf Beweise für einen Beschuss durch eine 30-Millimeter-Bordkanone entdeckt zu haben. Nicht thematisiert wird in dem Beitrag, dass auch Boden-Luft-Raketen ähnliche Löcher in ein Flugzeug reißen können.

Dem Zuschauer wurde ebenfalls vorenthalten, was Haisenko sonst so treibt. Etwa sein Buch "England, die Deutschen, die Juden und das 20. Jahrhundert", das die "perfiden Strategien des britischen Empire" behandelt.

Lorenz Haag, der Phantom-Professor, antwortet auf eine Anfrage per Mail in gebrochenem Deutsch: "Alle meine notwendige Papire haben offizielle deutsche Behörden." Er wolle "alle Mögliche tun, dass zwischen Deutschland und Russland gute Beziehungen entwickelt werden". Im Übrigen sei er froh, seit mehr als 20 Jahren in Deutschland zu leben, "im Land meiner Ahnen".

Haag soll auch russische Auszeichnungen in Deutschland verliehen haben, im Namen der Moskauer "Akademie für Probleme der Sicherheit, Verteidigung und Rechtsordnung", einem geheimdienstnahen und inzwischen geschlossenen Thinktank. Zu den Ordensträgern der "Akademie" zählt unter anderem Markus Wolf, Ex-Chef der Auslandsaufklärung der Stasi.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 43 Beiträge
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1. Propaganda
Morkhero 29.10.2014
gibt es auf beiden Seiten, das unsere werte Frau Kanzlerin die "Kronzeugin" unserer Seite ist merkt man ja auch immer wieder. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Im übrigen finde ich das wir den Amerikaner näher stehen als den Russen und finde das auch gut so. Konsum & Coca Cola sind halt doch besser als Vodka
2.
mczeljk 29.10.2014
Das Probelm ist aber, dass viele Leute diese ernst nehmen. Es werden auch durch die Bank die wildestens Zitate und Spekulationen gepostet, verlinkt und zitiert....selbst unabhängig davon, ob sich diese selbst ernannten Experten untereinander widersprechen.
3. Endlich mal wieder was zum Thema
ya_po 29.10.2014
Jeder der Russia Today öfters liest und sich kurz die Zeit nimmt die Experten und deren Organisationen zu googeln wird dieses Phänomen schon seit langem kennen. Allerdings begrenzt es sich nicht nur auf deutsche Experten. Ein Großteil der von Kreml-Sendern(und Zeitungen) verbreitet Nachrichten sind Verschwörungstheorien. Oft null Fakten, hauptsache anti-Amerikanisch oder irgendwie gegen den Westen hetzen. Sie brüsten sich damit alternative Nachrichten zu bringen, anders als die "faschistischen" West-Medien. Diese Art von Journalismus, wenn man das denn so nennen will/kann, erreicht nichts anderes als exzentrischen und extremistischen Verschwörungstheoretikern eine Plattform mit breitem Publikum zu bieten. Als Bonus hat der Russische Staat auch noch schöne Propaganda.
4. Na ja
nixkapital 29.10.2014
Zitat von Morkherogibt es auf beiden Seiten, das unsere werte Frau Kanzlerin die "Kronzeugin" unserer Seite ist merkt man ja auch immer wieder. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Im übrigen finde ich das wir den Amerikaner näher stehen als den Russen und finde das auch gut so. Konsum & Coca Cola sind halt doch besser als Vodka
Konsum und Coke gibt es auch in Russland. Übrigens auch den SPIEGEL - unzensiert. Ich stehe Europa näher als den USA oder Russland. Mit beiden müssen wir uns arrangieren, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven. Ein Konflikt oder das Hochjubeln eines Konflikts sollte auf keinen Fall in unserem Interesse sein. Warum? Ein Blick auf die Weltkarte hilft da weiter...
5. Tja..
sunrise560 29.10.2014
.. je schlimmer sich das russische Volk durch Putin & Co.für dumm verkaufen lässt, desto schlimmer wird irgendwann einmal das Erwachen! Und das kann recht schnell kommen, wie die Wirtschaftsprognosen für Russland zeigen.
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