Russland Mehr als 270 Festnahmen bei Protesten gegen Putin

In rund 80 russischen Städten haben Menschen gegen Präsident Putin demonstriert. In Moskau hielt sich die Polizei weitgehend zurück, in Sankt Petersburg stoppte sie die Regierungsgegner gewaltsam.


Mehr als 270 Gegner des russischen Präsidenten Wladimir Putin sind am Samstag bei landesweiten Protesten festgenommen worden. Allein bei der größten Demonstration in Sankt Petersburg, die gewaltsam von der Polizei aufgelöst wurde, habe es mehr als 60 Festnahmen gegeben, teilte die Bürgerrechtsorganisation OVD-Info mit. Zu den nicht genehmigten Protesten hatte der Kreml-Kritiker Alexej Nawalny aus Anlass von Putins 65. Geburtstag aufgerufen.

Wenige Monate vor der Präsidentschaftswahl folgten Regierungsgegner in insgesamt rund 80 Städten dem Demonstrationsaufruf. Im Zentrum der Hauptstadt Moskau gingen trotz Regen und Versammlungsverbot mehr als tausend Demonstranten auf die Straße. Die Polizei sprach von einer Menge aus 700 Demonstranten und Journalisten.

Die Demonstranten riefen "Putin, Schande Russlands" und "Alles Gute zum Geburtstag". Viele hielten die russische Verfassung in die Höhe. "Es ist wichtig, eine Wahl zu haben, eine Opposition", begründete die 20-jährige Studentin Swetlana Kiselewa ihre Teilnahme. Der gleichaltrige Igor Klimow sagte, Putin "ist immer an der Macht gewesen, solange ich denken kann, und überall sieht man nichts als Korruption".

Hunderte Polizisten hinderten die Teilnehmer am Zugang zum Roten Platz. Die Demonstranten riefen "Putin ist ein Dieb! Freiheit für Nawalny!", während sie von zahlreichen Sondereinsatzkräften der Polizei umringt wurden. Einige Dutzend Demonstranten wollten die Nacht auf dem Manegenplatz nahe dem Kreml verbringen.

Die Moskauer Polizei hielt sich weitgehend zurück. Dagegen löste die Polizei in Sankt Petersburg den Protestmarsch gewaltsam auf. Zuvor waren etwa 3000 Demonstranten durch Putins Geburtsstadt gezogen und hatten "Freiheit für Nawalny" gerufen, wie eine Journalistin der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Die Polizei sprach von "rund 1800 Menschen".

OVD-Info erklärte, in Sankt Petersburg seien bei der gewaltsamen Auflösung der Demonstration 62 Menschen festgenommen worden. Die Polizei sprach von 38 Festnahmen "wegen Behinderung des Straßenverkehrs". Alle Betroffenen seien wieder freigelassen worden. Am Abend hielten sich immer noch rund 50 Demonstranten auf dem zentralen Platz des Aufstands auf, die Polizei hatte sich aber bereits zurückgezogen.

Landesweit gab es laut OVD-Info 271 Festnahmen, unter anderem in der westlichen Exklave Kaliningrad, in der Schwarzmeer-Stadt Sotschi, in Jekaterinburg im Ural und in Samara an der Wolga. Augenzeugen berichteten von blutüberströmten Demonstranten.

Der staatliche Nachrichtensender Rossija 24 erwähnte die Proteste nicht und berichtete stattdessen über Geburtstagsglückwünsche an Präsident Putin. Der Staatschef hielt sich in Sotschi auf und leitete nach Angaben seines Sprechers eine Sitzung des nationalen Sicherheitsrates.

cte/AFP

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.