Menschenrechtler Jurij Dmitrijew Festnahme nach Freispruch

Ein russisches Gericht sprach den Menschenrechtler Dmitrijew erst im April vom Vorwurf der Kinderpornografie frei. Jetzt wurde er wieder festgenommen - seine Mitstreiter sehen darin eine politische Verfolgung.

Historiker Jurij Dmitrijew (Aufnahme vom April)
REUTERS

Historiker Jurij Dmitrijew (Aufnahme vom April)

Von Maxim Kireev, St. Petersburg


Wenn die Augen der Welt auf Russland gerichtet sind, zeigen sich Wladimir Putin und seine Sicherheitsbehörden gerne gnädig. So wurden vor der Winterolympiade in Sotschi vor vier Jahren nicht nur die inhaftierten Sängerinnen der Band Pussy Riot, sondern auch der einstige Ölmagnat und Putin-Kritiker Michail Chodorkowski aus der Haft entlassen.

Viele bewerteten den Freispruch für den Historiker und Menschenrechtler Jurij Dmitrijew im April deshalb ebenfalls als Gnadenakt im Vorfeld der WM. Der 62-jährige war mit seinen Recherchen zu Massenrepressionen während der Stalinzeit bekannt geworden. Die Behörden hatten ihn deswegen schon seit Langem im Visier.

Vor zwei Jahren warf ihm die Staatsanwaltschaft Kinderpornografie vor, weil er über mehrere Jahre seine damals achtjährige Adoptivtochter zum Teil unbekleidet fotografiert hatte. Dmitrijew sagte, er habe die gesundheitliche Entwicklung seiner Tochter festhalten wollen, die Fotos seien weder veröffentlicht worden, noch hätten sie einen sexuellen Charakter getragen. Das Gericht sprach ihn frei, ein in Russland äußerst seltener Vorgang - nur 0,3 Prozent aller Prozesse enden mit einem Freispruch.

Doch dann präsentierte die Staatsanwaltschaft neue Vorwürfe gegen Dmitrijew, just nachdem am Eröffnungstag der WM das Oberste Gericht der Teilrepublik Karelien den Freispruch wieder kassiert hatte. Am Mittwoch wurde der Menschenrechtler wieder festgenommen. Er soll angeblich geplant haben, sich nach Polen abzusetzen.

Statt sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit zurückzuhalten, kam die Staatsanwaltschaft mit schweren Vorwürfen gegen den Historiker: Ihm werden sexueller Missbrauch und "gewalttätige Handlungen sexuellen Charakters" gegenüber seiner Adoptivtochter vorgeworfen. Oleg Orlow, Vorstand der Menschenrechtsorganisation Memorial, deren Dependance in der Teilrepublik Karelien Dmitrijew leitet, bezeichnet die neuen Vorwürfe als politische Verfolgung.



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