Putins militärischer Erlebnispark Panzer-Show für junge Patrioten

Kanonenschießen, Nahkampf-Demonstration, Panzerrennen: Ein militärischer Erlebnispark bei Moskau soll jungen Russen Patriotismus beibringen und Werbung für die vaterländische Rüstungsindustrie machen.

Von , Moskau

AFP

Die Birken erzittern vom Schuss einer Panzerkanone. Von einer Tribüne erhebt sich erschrecktes Kindergeschrei, Eltern zucken zusammen. Dann feuert der Bordschütze des russischen T-72 erneut. Ein Kommentator informiert die Zuschauer per Lautsprecher, dass sie gerade den Schuss einer "125-Millimeter-Glattrohrkanone" erlebt hätten.

Wie ein Zirkusdirektor für seine Artisten bittet der Kommentator um Applaus für die Panzerbesatzung. "Lasst sie die Wärme eurer Herzen spüren", ruft er. Der 40-Tonner schiebt sich weiter über eine Buckelpiste, meistert einen steilen Abhang. Die Stimme am Lautsprecher donnert: "Unsere Jungs haben es wieder geschafft!" Der "angenommene Gegner" sei zerstört. Jubel im Publikum.

Die Panzershow gehört zum Unterhaltungsprogramm in einem neuen russischen Militärpark namens "Patriot", der in dieser Woche eine Autostunde südöstlich von Moskau seine Tore geöffnet hat. Auf mehr als 4000 Hektar Gelände präsentieren sich Russlands Armee und Rüstungsbranche dem Volk im besten Licht. Eltern flanieren mit Kindern an der Hand vorbei an Kämpfern der "Speznas", der Spezialkräfte Russlands, die ihre Fähigkeiten im Nahkampf demonstrieren. Es gibt Hüpfburgen in Flecktarn und 3D-Simulatoren.

Sanfte Militarisierung

Rund 300 Millionen Euro soll der von Russlands Verteidigungsministerium betriebene Park kosten, samt angeschlossenem Kongresszentrum und Hotel. Die Anlage soll zum "wichtigen Bindeglied im System der militärisch-patriotischen Arbeit mit der Jugend" werden, sagte Präsident Wladimir Putin bei der Eröffnung des Parks in dieser Woche. Endgültig fertiggestellt soll er aber erst 2017 sein, daran arbeiten mehr als 3000 Bauarbeiter.

Auch die historischen Exponate sind von Schaulustigen umringt. Beliebtes Fotomotiv: der T-34-Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg. Beim Besuch des patriotischen Parks soll nach dem Willen des russischen Verteidigungsministers Sergej Schoigu "die ganze Familie eintauchen in die Geschichte des großen Vaterländischen Krieges".

Schoigu müht sich seit seinem Amtsantritt 2012 darum, die Popularität der Armee zu steigern. Er will die russische Gesellschaft allerdings nicht wie zu Sowjetzeiten mit Zwangsmethoden militarisieren, sondern setzt - für Militärs eher ungewöhnlich - auf "soft power". Schoigu hat zu diesem Zweck sogar eine neue Sportdisziplin ins Leben gerufen. Sie nennt sich "Panzer-Biathlon" und wird live im russischen Fernsehen übertragen.

Video: Panzer-Biathlon in Russland 2013

Dabei treten Panzercrews auf einem 20-Kilometer-Parcours gegeneinander an, müssen Hindernisse überwinden und gleichzeitig Ziele beschießen.

Familienfoto mit Abschussrampe

In der Freilichtaustellung des "Patriot"-Parks klettern Kinder auf Kriegsgerät. Teenager und selbst erwachsene Männer schießen im grellen Sonnenschein Schützenturm-Selfies.

Derzeit erfüllt der "Patriot"-Park für Russland eine doppelte Funktion: Einerseits strömen Privatleute auf das Gelände. Zum anderen veranstalten Rüstungshersteller hier zeitgleich eine Waffenmesse, auf der sie um internationale Käufer werben. Auf besonderes Interesse stoßen derzeit offenbar Luftabwehrgeschütze.

Die Info-Blätter über die Buk-M2E sind vergriffen, mit einem älteren System dieser Bauart wurde mit großer Wahrscheinlichkeit der Flug MH17 in der Ostukraine abgeschossen. Ob der Ansturm mit der Katastrophe in einem Zusammenhang steht? Dazu mag sich der Vertreter des Herstellers Almas-Antei lieber nicht äußern.

Neben der Buk zieht die "Pappel" viel Publikum an. Vor der selbstfahrenden Abschussrampe für nuklear bestückte Interkontinentalraketen lassen sich ganze Familien ablichten.

Souvenirs für Patrioten

Eine Souvenirboutique bietet Accessoires für Patrioten an. Der rote Stern, traditionell das Symbol der Armee, ist etwas aus der Mode gekommen. Er hat unter Verteidigungsminister Schoigu ein Rebranding erfahren. Auf den Souvenirs prankt er jetzt zackiger und blau-rot-weiß, in den Farben der russischen Trikolore.

Die Lederjacke mit Putin-Konterfei für umgerechnet 800 Euro findet zwar nicht viele Käufer. Beliebt dagegen sind T-Shirts mit dem Schriftzug "höfliche Menschen", so taufte die russische Propaganda die Spezialkräfte ohne Hoheitsabzeichen, die für Moskau auf der Krim die Macht übernahmen.

Aus den Lautsprechern erklingen derweil patriotische Lieder. Sie besingen Heldentaten russischer Soldaten im Zweiten Weltkrieg, mancher Vers klingt im Kontext der Ukrainekrise aber auch wie eine Drohung: "Wir kehren zurück nach Odessa."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
Atheist_Crusader 21.06.2015
1.
Witzig diese Fixierung auf den Zweiten Weltkrieg, genauso wie die Amis. Ist wohl für beide das letzte Mal dass sie einen Krieg gegen einen ernsthaften Gegner geführt haben und nicht gegen einen hoffnungslos unterlegenen Winzstaat. Und gewonnen haben. Und nicht nachher als die Bösen dastanden. Es gibt doch nichts als das Schwelgen in der Vergangenheit, wenn die Gegenwart so deprimierend ist.
mischnik 21.06.2015
2. Die Bundeswehr...
... in meiner Nähe hat kürzlich einen Tag der offenen Tür veranstaltet. Anwerber gehen zu den Arbeitsagenturen um dort für sich zu werben. Die Franzosen müssten immernoch jedes Jahr ihre Miltärparade abhalten und amerikanische Verhältnisse seien nur formal erwähnt.
niska 21.06.2015
3.
Beim Tag der offenen Tür der BW hat man genau die gleichen Bilder mit Kindern in und auf Panzern und in Kampfhubschraubern veröffentlicht. Und es wurden junge Besucher angeworben. In England hab ich so eine Veranstaltung auch schon besucht. Die finden in jedem Land statt. Was genau ist da jetzt der Unterschied? Außer Propaganda?
vox veritas 21.06.2015
4. Wie bitte?
Sanfte Militarisierung? So etwas sollte man mal in Deutschland versuchen. Es würde ein Aufschrei der maximalen Entrüstung durch die Medien und die Gesellschaft gehen. Hierzulande echauffiert man sich, wenn bei einem Tag der Offenen Tür Teenager mal ein Geehr in die Hand nehmen. Was die Russen machen ist knallharte Konditionierung im Kindesalter. So ähnlich wie das, was wir mit unseren Kinder in der Grundschule zum toleranten Miteinander machen. Die Resultate dieser Experimente werden wir in ungefähr 20 Jahren erleben.
weinstock111 21.06.2015
5. Usa
Dann schauen sie mal in den USA die Kadettenschulen an wo Kinder seit Jahrzehnten auf Krieg geschult werden. Abgesehen von den Massen an Schusswaffen dort in Kinderhand .
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