Russland Obszöner Tweet bringt Kreml in Verlegenheit

Dieser Tweet dürfte im Kreml für hochrote Köpfe gesorgt haben: Vom Account des russischen Präsidenten Medwedew wurde ein Oppositionspolitiker tief beleidigt - während auf den Straßen Regierungsgegner gegen das Wahlergebnis demonstrierten. Nun wird ein Schuldiger präsentiert.

Präsident Medwedew: Peinliche Twitter-Nachricht
REUTERS

Präsident Medwedew: Peinliche Twitter-Nachricht


Moskau - Die Geschichte ist kompliziert, obszön und macht am Ende den russischen Präsidenten Dmitrij Medwedew zum Gespött. Den reinen Fakten nach zu urteilen, verbreitete Medwedew am Dienstag einen anstößigen Tweet an seine 730.000 Follower weiter, den er selbst zuvor von seinem Parteifreund Konstantin Rykow erhalten hatte. Es war eine Beleidigung, die dem Oppositionspolitiker Alexei Nawalnij galt: "Seit heute ist klar: Eine Person, die in ihrem Blog die Worte 'Partei von Ganoven und Dieben' schreibt, ist ein blödes, schwanzlutschendes Schaf."

Auch wenn der Name Nawalnijs nicht in dem Tweet auftaucht, ist dennoch klar, dass er ihm gilt. Denn der Oppositionelle hatte kurz nach der Wahl Premier Wladimir Putin und seine Partei als "Gauner und Diebe" beschimpft. Inzwischen wurde er in einem Schnellverfahren zu 15 Tagen Haft verurteilt.

Nun ist der Kreml in Erklärungsnot und teilte mit, dass die Kurznachricht von einem Mitglied des technischen Personals des Präsidenten geschickt worden sei. "Der Schuldige wird bestraft", fügte der Kreml hinzu. Der Eintrag in Medwedews Twitter-Account ist längst gelöscht. Aber es kursieren massenweise Screenshots.

Die Pressestelle des Kremls war also gezwungen, den Eintrag einzuräumen. "Eine Überprüfung hat ergeben, dass bei einer routinemäßigen Änderung des Passworts durch einen technischen Mitarbeiter unzulässige Einflussnahme auf den Account @MedvedevRussia genommen wurde", heißt es in einer hölzernen Erklärung. "Die Schuldigen werden bestraft werden."

Laut "Guardian" spekulieren liberale Russen nun, dass der Retweet dem Präsidenten absichtlich untergeschoben wurde, um ihn schlecht aussehen zu lassen.

Schon seit dem im Vergleich zur letzten Parlamentswahl deutlich schlechteren Ergebnis der Putin-Partei wird über ein mögliches Bauernopfer spekuliert - und dass es sich dabei um Medwedew handeln könnte.

Die Proteste gegen den Urnengang halten unvermindert an. Medwedew stellte nun eine "sorgfältige Überprüfung" in Aussicht. "Das wichtigste ist, dass alle die Ruhe bewahren und dass das neue Parlament arbeiten kann", sagte er am Donnerstag bei einem Besuch in Prag. Allen "Zweifeln" an der korrekten Abhaltung der Wahlen müsse nachgegangen werden, sagte Medwedew. Er verwies dafür auf die Zuständigkeit der Wahlkommission und der Gerichte.

Medwedew nahm selbst den Spitzenplatz auf der Liste der regierenden Partei "Einiges Russland" ein. Diese Partei büßte zwar 15 Prozentpunkte gegenüber der Wahl vor vier Jahren ein, soll aber mit knapp 50 Prozent Stimmenanteil erneut die Mehrheit der Mandate bekommen.

Seit der Wahl am Sonntag beteiligten sich zehntausende Russen an Protesten, vor allem in Moskau und St. Petersburg. Sowohl die Oppositionsparteien als auch Wahlbeobachter bemängelten massive Unregelmäßigkeiten. Die russische Nichtregierungsorganisation Bürgerbeobachter erklärte am Donnerstag, Einiges Russland habe nur einen Anteil von weniger als 30 Prozent der Stimmen erhalten. Die Wahlbeteiligung lag nach diesen Angaben knapp über 50 Prozent, wohingegen sie offiziell mit mehr als 60 Prozent angegeben wird.

ler/dapd

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