Putin-Gegner beklagt Misshandlung in Haft Schläge, Tritte, Kopf in die Toilette

In einem berüchtigten russischen Gefängnis sitzt der Bürgerrechtler Ildar Dadin - und beklagt nun in einem Brief die angeblich brutalen Zustände. Die Behörden wiegeln ab, wollen aber ermitteln.

Ildar Dadin
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Ildar Dadin


Ildar Dadin ist der erste russische Oppositionelle, der nach dem verschärften Demonstrationsrecht zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Zweieinhalb Jahre Lagerhaft muss er absitzen, weil er mehrmals Einzelproteste durchführte. Mitte September wurde der 34-Jährige in den Nordwesten Russlands gebracht, nach Segescha nahe der finnischen Grenze, in das Straflager Nummer 7. Es ist die Strafkolonie, in der auch der Kremlkritiker Michail Chodorkowski eingesperrt war.

Dadin erhebt nun schwere Anschuldigungen gegen die Haftanstalt. In einem Brief an seine Frau schreibt er von "Schlägen, Folter, Erniedrigungen und Beleidigungen", die er und andere Gefangene andauernd erleben müssten. Den Brief machte Dadins Frau über die oppositionelle Seite Meduza öffentlich. Der Bürgerrechtler schildert darin massive Übergriffe:

  • Bei seiner Ankunft sei er in Einzelhaft gesteckt worden, weil bei ihm zwei Rasierklingen gefunden wurden. Die seien ihm untergeschoben worden, sagt Dadin.
  • Einen Tag später hätten ihn der Gefängnisdirektor und Wärter mehrmals in der Zelle besucht. "Sie begannen, mich zusammenzuschlagen. Insgesamt schlugen sie mich vier Mal an diesem Tag, 10 bis 12 Leute zeitgleich, auch mit den Füßen." Nachdem er das dritte Mal verprügelt worden sei, hätten sie seinen Kopf in die Toilette seiner Zelle gedrückt.
  • Am darauffolgenden Tag seien die Misshandlungen weitergegangen: Er sei an den Handgelenken eine halbe Stunde lang aufgehängt worden. Dann habe man ihm die Unterwäsche ausgezogen und ihm gedroht, einen anderen Häftling in die Zelle zu bringen, der ihn vergewaltigen würde, wenn er nicht seinen Hungerstreik beende. Dadin hatte aufgehört zu essen, aus Protest gegen die Einzelhaft.

Sollte er es wagen, sich über die Misshandlungen zu beschweren, habe die Leitung des Straflagers ihm sogar mit dem Tod gedroht. Er diktierte seinem Anwalt dennoch den Brief nach Ende seiner Einzelhaft mit der Bitte, ihn zu veröffentlichen.

Protest für die Freilassung Dadins
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Protest für die Freilassung Dadins

"Am meisten fürchte ich, dass ich die Folter nicht mehr ertragen kann und aufgebe", schreibt er in dem Brief an seine Frau. Sie hält den Brief für echt. "Ich habe Angst um sein Leben." Ihren Mann hat sie nach eigenen Angaben seit dem 22. August nicht mehr gesehen. Der Zugang werde ihr verwehrt, wie sie verschiedenen Medien sagte. Auch dürfe sie ihren Mann nicht anrufen. Sie möchte, dass ihr Mann verlegt wird, was dieser aber ablehnt - aus Solidarität mit den Mitgefangenen.

Ermittlungen angekündigt

Der stellvertretende Vorsitzende des föderalen Dienstes für den Strafvollzug bezweifelte Dadins Angaben. Man habe an seinem Körper keine Verletzungen gefunden, sagte Walerij Maksimenko der russischen Nachrichtenagentur Interfax. Im Internet zirkuliert zudem ein Video, dass Dadin nur spärlich bekleidet zeigt. An seinem Körper finden sich auf den Bildern keine Anzeichen für Misshandlung. Die Aufnahmen sind mit einem Datumsstempel vom 1. November versehen, was natürlich nicht heißen muss, dass sie auch an diesem Tag entstanden sind. Dadins Ehefrau hat die Echtheit der Bilder inzwischen bestätigt. Gleichzeitig betont sie jedoch, dass Dadin sich solche Anschuldigungen nicht ausdenken würde.

Die oppositionelle Zeitung "Nowaja Gaseta" zitierte einen Mitarbeiter des örtlichen Gefängnisses. Demnach sei Dadin zwar körperlicher Gewalt ausgesetzt gewesen, diese sei aber lediglich angewandt worden, als er sich den Aufsehern widersetzt habe.

Kreml-Sprecher Dimitrij Peskow erklärte, Präsident Wladimir Putin sei über die Anschuldigungen informiert worden. Behörden kündigten im Staatsfernsehen Ermittlungen an. Das ist allerdings die Standardformulierung in solchen Fällen. Michail Fedotow, Vorsitzender des Menschenrechtsrats beim russischen Präsidenten, erklärte, Mitglieder seines Gremiums wollten sich vor Ort ein Bild machen.

Am Dienstagabend forderten etwa 50 Menschen vor der Moskauer Zentrale des föderalen Dienstes für den Strafvollzug eine Untersuchung der Vorwürfe.

heb

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