Proteste in Russland "Hallo, ich bin festgenommen worden, was kann ich tun?"

Der russische Oppositionelle Nawalny ruft am Samstag zu Protesten gegen Präsident Putin auf. Wenn in dem Land demonstriert wird, kommt es meist zu vielen Festnahmen. Eine Bürgerrechtsorganisation bietet Hilfe an.

Polizisten und Demonstranten im Juni 2017 in Moskau
AP/ Navalny Campaign

Polizisten und Demonstranten im Juni 2017 in Moskau

Von , Moskau


Sie werden alle da sein am Samstag, auch Artjom Platow, Grigorij Durnowo und Alexej Polichowitsch. Im zweiten Stock eines rötlich angestrichenen Altbaus im Zentrum Moskaus, in einem Raum mit Computern, einigen Tischen mit Platz für Laptops, werden sie sitzen, Telefonate annehmen und aufschreiben, was passiert. Der kleine Raum ist die Zentrale der Bürgerrechtsorganisation Owd-Info. Eine Art Informationsbörse an Demonstrationstagen.

Der Oppositionspolitiker Alexej Nawalny hat am Samstag erneut zu landesweiten Protesten aufgerufen, das Motto: "Er ist für uns kein Zar". Gemeint ist Wladimir Putin. Er regiert Russland seit 18 Jahren und legt am Montag das vierte Mal seinen Amtseid als Präsident ab.

Für die Mitarbeiter von Owd-Info bedeuten solche Demonstrationen potenziell viel Arbeit, weil keiner weiß, wie die Sicherheitskräfte reagieren werden. Im Mai und Juni hatten sie allein in Moskau Hunderte Menschen festgenommen. Im Januar ließ die Polizei die Demonstranten dagegen in der Hauptstadt gewähren, obwohl die Behörden das Treffen im Zentrum nicht genehmigt hatten. Die Demonstranten berufen sich auf ihre Versammlungsfreiheit - ein Recht, das in der Verfassung festgehalten ist, das aber immer wieder beschnitten wird, wie Menschenrechtler von Amnesty und Human Rights Watch kritisieren.

 Artjom Platow (l.) , Grigorij Durnowo, Mitarbeiter der Bürgerrechtsorganisation Owd-Info
SPIEGEL ONLINE

Artjom Platow (l.) , Grigorij Durnowo, Mitarbeiter der Bürgerrechtsorganisation Owd-Info

Owd steht im Russischen für "Abteilung für Inneres", das ist die kleinste Verwaltungsabteilung des Innenministeriums. Die Sicherheitsbehörden sind in nicht gerade für ihre Transparenz bekannt, an Tagen von Protesten schon gar nicht.

Das zeigt sich auch daran, dass Angaben des Ministeriums oft spärlich ausfallen, etwa über die Zahl der Festnahmen. Inzwischen geben deshalb seriöse Medien in Russland auch die Informationen von Owd-Info an. Die Organisation wurde 2011 nach den Massenverhaftungen auf Demonstrationen gegen Wahlfälschungen bei der Parlamentswahl gegründet. Mitarbeiter von Owd-Info halten Kontakt mit den festgenommenen Demonstranten, überprüfen ihre Daten und dokumentieren, wo sie hingebracht werden.

Viele Menschen, die in Russland protestieren, haben die Nummer der Hotline von Owd-Info in ihrem Handy gespeichert, die 24 Stunden am Tag erreichbar ist. "Hallo, ich bin festgenommen, was soll ich tun?", lautet meist die erste Frage, wenn Demonstranten anrufen.

Juristische Hilfe per Hotline

"Wir nehmen dann die Daten der Anrufer auf, fragen, wie und warum sie festgenommen wurden, wer und wie viele Menschen noch bei ihnen sind, schreiben auch ihre Angaben auf", sagt Durnowo. Der 41-jährige Journalist arbeitet seit fünf Jahren für Owd-Info. Danach werde zurückgerufen - solange das möglich sei, denn manchmal nehme die Polizei den Festgenommen auch die Handys weg, was zwar gegen Gesetz verstoße, wie Durnowo sagt, aber immer vorkomme. Zudem wird Kontakt zu einem der Anwälte der Organisation vermittelt.

"Wir sorgen dafür, dass Menschen, die in Schwierigkeiten geraten sind, wissen, was zu tun ist. Wir informieren ihre Angehörigen darüber, wo sie sind und wie sie helfen können", sagt sein Kollege Platow, 31 Jahre alt.

Am 26. März 2017, dem Tag der ersten großen Nawalny-Demonstrationen, riefen mehr als 2800 Menschen bei Owd-Info an: Festgenommene, mehr als 1000 saßen allein in einer der Polizeistationen in Moskau, und Verwandte, die wissen wollten, wo ihre Angehörigen, oftmals Schüler und Studenten, abgeblieben sind. Einige von ihnen waren in Awtosaki, den berüchtigten weißen Gefangenenbussen, stundenlang durch die Stadt gefahren, andere mit Transportern von einer Polizeistation zur anderen gebracht worden.

"Wir glauben daran, dass Informationen Menschen schützen. Menschen, die unter Druck des Staates stehen, haben nur die Möglichkeit, ihre Lage öffentlich zu machen", sagt Polichowitsch. Er saß drei Jahre im Gefängnis, nachdem er 2012 gegen die erneute Präsidentschaft von Putin protestiert hatte und nun auch für Owd-Info arbeitet. "Es geht darum, weitere schwerwiegende Folgen für die Menschen zu vermeiden, Willkür oder auch Gewalt", sagt der 28-Jährige.

Er ist einer von 20 Mitarbeitern, darunter sind Journalisten, IT-Spezialisten, Juristen, dazu Dutzende Freiwillige. Sie haben sich bewusst für die Arbeit entschieden, weil sie finden, dass es in Russland "funktionierende Bürgerinstitutionen geben muss", wie es Platow ausdrückt.

Dazu braucht es Geld. Platow würde sich wünschen, dass mehr Menschen regelmäßig spenden und nicht nur, wenn es wieder viele Festnahmen gegeben hat. Zu einer Hälfte finanziert sich Owd-Info durch Crowdfunding. Das sind Spenden, die im Internet gesammelt werden, oft anonym, 400 Rubel etwa, rund fünf Euro. Zur anderen Hälfte durch Zuschüsse, etwa der Europäischen Kommission.

Grigorij Durnowo
SPIEGEL ONLINE

Grigorij Durnowo

Chronik der Ereignisse

Owd-Info ist auch Informationsquelle für Medien, auf der Internetseite der Organisation veröffentlichen Durnowo und sein Team laufend Statistiken und Meldungen darüber, was passiert.

Die Organisation erstellt damit einen Überblick der Ereignisse - etwas, dass es schon in den Siebzigerjahren gab: "Chronik der laufenden Ereignisse" hieß es damals. Auf Kohlepapier wurden mit Schreibmaschinen im Untergrund Menschenrechtsverstöße in der Sowjetunion festgehalten und veröffentlicht: Durchsuchungen, Verhöre, Verhaftungen. Die Chronik war verboten.

"Wir setzen die Tradition in gewisser Weise fort, mit unseren Mitteln: Smartphones, Computern und Internet. Der Unterschied ist, wir können offen arbeiten", sagt Durnowo.

Einfach ist es dennoch nicht. Owd-Info, deren Arbeit auch darin besteht, über Rechte und Verhalten bei Demonstrationen aufzuklären - etwa keine Gewalt gegen Polizisten anzuwenden und Ruhe zu bewahren - hat seinen Sitz bei der Menschenrechtsorganisation Memorial. Die wurde von den Behörden bereits als "ausländischer Agent" eingestuft. "

Mitarbeit: Tatiana Chukhlomina

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