Schlechter Gesundheitszustand Pussy-Riot-Sängerin auf Krankenstation verlegt

Seit fünf Tagen isst Nadeschda Tolokonnikowa nichts mehr - aus Protest gegen ihre Haftbedingungen. Jetzt ist die Pussy-Riot-Musikerin auf die Krankenstation ihres Gefängnisses gebracht worden. Ihr Gesundheitszustand habe sich deutlich verschlechtert, sagt ihr Ehemann.

Kreml-Gegnerin Tolokonnikowa (Archiv): Vorwürfe des Pussy-Riot-Mitglieds "extrem ernst und beunruhigend"
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Kreml-Gegnerin Tolokonnikowa (Archiv): Vorwürfe des Pussy-Riot-Mitglieds "extrem ernst und beunruhigend"


Moskau - Nadeschda Tolokonnikowa von der Kreml-kritischen Band Pussy Riot ist auf die Krankenstation ihres Gefängnisses verlegt worden. Das teilte ihr Mann Pjotr Wersilow am Freitag der Agentur Interfax zufolge mit. Die Mutter einer kleinen Tochter sei nach fünf Tagen ohne Nahrung geschwächt, sagte er. Tolokonnikowas Gesundheitszustand habe sich deutlich verschlechtert. Die russische Strafvollzugsbehörde bestätigte die Verlegung der 23-Jährigen auf "Empfehlung der Ärzte".

Die Pussy-Riot-Sängerin ist seit fünf Tagen im Hungerstreik. Sie will damit gegen die brutale Zwangsarbeit in der Haft sowie angebliche Todesdrohungen eines Justizbeamten protestieren. Das hatte sie in einem Brief angekündigt.

Neue Vorwürfe gegen Gefängnisoffizier

In einem neuen Schreiben an ihren Ehemann erhob die Mutter nun weitere Vorwürfe. Der Brief lag der Nachrichtenagentur AFP vor. Darin beklagte sie, ein Offizier habe sie gewaltsam festgehalten, während eine Mitgefangene ihr das Trinkwasser weggenommen habe.

Tolokonnikowa wertete dies als Anwendung von Gewalt und als Angriff auf ihr Leben. "Ohne Wasser stirbt ein Mensch in wenigen Tagen, wenn er einen Hungerstreik macht", schrieb sie. Die Vollzugsbehörden wiesen die Anschuldigungen zurück. Ärzte hätten aus gesundheitlichen Gründen empfohlen, das Trinkwasser durch heißes Wasser auszutauschen, zitierte Interfax einen Behördensprecher. Es sei keine physische Gewalt angewendet worden.

Löning nennt Zustände "erschütternd"

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch nannte die jüngsten Vorwürfe Tolokonnikowas "extrem ernst und beunruhigend", sie forderte eine sofortige Untersuchung.

Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning (FDP), erklärte, die Schilderungen Tolokonnikowas über die Zustände im Gefängnis hätten ihn "erschüttert". "Ich bin froh, dass eine Delegation des russischen Menschenrechtsrats dort ist, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen", sagte Löning. Er rief die russische Führung auf, für menschenwürdige Zustände in den Gefängnissen und Straflagern des Landes zu sorgen.

Punk-Gebet gegen Putin

Tolokonnikowa sitzt noch bis Anfang März 2014 eine zweijährige Haftstrafe wegen "Rowdytums aus religiösem Hass" ab. Im Februar 2012 hatte Tolokonnikowa mit anderen Pussy-Riot-Mitgliedern in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau, dem zentralen Gotteshaus der russisch-orthodoxen Kirche, ohne Erlaubnis ein "Punk-Gebet" aufgeführt - mit der Aktion hatten die Musikerinnen ihre Wut über Wladimir Putin und seine enge Verbindung zur russisch-orthodoxen Kirche zum Ausdruck gebracht. Tolokonnikowa befindet sich in einem Lager in Mordowien, 500 Kilometer östlich von Moskau.

Im vergangenen Juni war bereits das Pussy-Riot-Mitglied Marija Aljochina in den Hungerstreik getreten. Erst nach elf Tagen nahm die Musikerin wieder Nahrung auf. Aufgrund ihres Protests hatte die Gefängnisleitung die Haftbedingungen teils gelockert.

Tolokonnikowa und Aljochina klagen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg gegen ihre Haftbedingungen. Sie wollen erreichen, dass Russland wegen Verletzung des Rechts auf freie Meinungsäußerung verurteilt wird.

heb/dpa/AFP

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insgesamt 23 Beiträge
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Morrison 27.09.2013
1. Retorten Band?
Normalerweise, wenn über eine Band oder einen Musiker berichtet wird, steht oft in Klammern als Erkennungshilfe für den geneigten Leser, der Titel des bekanntesten Hits. Wie hieß der noch mal bei Pussy Riot ? Mich würde einmal interessieren, welches Genre/welche Stilrichtung diese Band präferiert? PoP, HipHop, Country&Western, Jazz, Blues, Rock oder was auch immer? Welches sind Ihre musikalischen Vorbilder? Wer ist der Produzent? Alles normale Fragen betreffend der Charakterisierung einer Musik Band, die so nur leider in Bezug auf Pussy Riot noch nie gestellt oder beantwortet wurden. Woran liegt das? Oder ist das nur so eine Pseudo-Retortenband die allein mit einem Marketing-Gag Oder ist das einzige Erkennungsmerkmal dieser pseudo Band, von der vielleicht nur der Ehemann einen Songtitel kennt, dass sie kreml-kritisch ist?
s.hoegele 27.09.2013
2. Kein einzelne Tag ohne Putinskrietik
Hallo Spiegel Mitarbeiten. Ist Ihnen selbst nicht painlich jeden Tag was neues schlechtes über Putin und Russland zu schreiben. Spon sieht so änlich wie ein dressierte Hund, wer auf erregter Faind reagiert. Ihr Herscher - USA, sagt Ihnen - Fas, und Sie als kopflose Hund greifen gleich zu. Einfach wiederlich.
rigo-de-hain 27.09.2013
3. Ich hoffe,
ihr passiert nix. Zu 1. Solange war die Band doch gar nicht bekannt, und schon weggesperrt. Da bleibt kaum Zeit ein Genre zu etablieren. Klar war es Provokation. Die Güte einer Nation wird an ihren Strafen gemessen!
muffelkopp 27.09.2013
4.
Zitat von MorrisonNormalerweise, wenn über eine Band oder einen Musiker berichtet wird, steht oft in Klammern als Erkennungshilfe für den geneigten Leser, der Titel des bekanntesten Hits. Wie hieß der noch mal bei Pussy Riot ? Mich würde einmal interessieren, welches Genre/welche Stilrichtung diese Band präferiert? PoP, HipHop, Country&Western, Jazz, Blues, Rock oder was auch immer? Welches sind Ihre musikalischen Vorbilder? Wer ist der Produzent? Alles normale Fragen betreffend der Charakterisierung einer Musik Band, die so nur leider in Bezug auf Pussy Riot noch nie gestellt oder beantwortet wurden. Woran liegt das? Oder ist das nur so eine Pseudo-Retortenband die allein mit einem Marketing-Gag Oder ist das einzige Erkennungsmerkmal dieser pseudo Band, von der vielleicht nur der Ehemann einen Songtitel kennt, dass sie kreml-kritisch ist?
Ist zwar sehr polemisch, aber hey! Ich mag auch Broder! Ich sehe das wie Sie. Da machen Leute nun wirklich dumme Sachen an einem falschen Ort und tragen nun die Konsequenzen. Verantwortung für das eigene Verhalten? Fehlanzeige. Ob nun aber Lagerarbeit richtig ist, denke ich nicht. Da haben junge Frauen, Mädchen im Geiste wohl eher, einen PollyPupspüppchen-Fehler gemacht, wofür ihnen auf die Finger gehauen werden sollte. Dass in Europa diese "Punk-(an)Beterinnen" hofiert werden, liegt eher an der Abneigung gegen Russland insgesamt als an diesem peinlichen Akt der Damen. Politisch sind die Mädels (sic!) nicht erwähnenswert. Aber es sind halt junge Menschen, da muss man auch mal locker bleiben. Dass nun Lagerhaft in Russland anders ist als hier in D eine Strafe abzusitzen, ist wohl klar. Strafe war richtig, aber nicht derart. Von daher, raus mit denen aus der Haft, und gut ist's. Aber keinen Gesang mehr
nightsounds 27.09.2013
5. Putin-Entschuldiger
Seltsam, wie schnell hier jedes Mal die Putin-Apologeten zur Stelle sind. Gibt es einen stichwortbezogenen Draht zu russischen Lobby-Organisationen? Zu diesem Quatsch, der da geschrieben wird, mag man sich ja kaum äußern. "Wiederlich" (sic!) ist allenfalls das, was Putin und seine Handlanger an (sub)diktatorischen Untaten verzapfen. Und Konsequenzen für eine wohl etwas zu gelungene Protestaktion gern, aber im rechten Maß, also in diesem Fall vielleicht eine kleine Geldstrafe ... Von den Macho-Allüren mancher Kommentar-Schreiber bei diesem speziellen Thema ganz zu schweigen. Ich kann allen Leuten, die in Russland (offensichtlich wachsenden) Widerstand ausüben, nur alles Gute wünschen. Alles braucht seine Zeit ...
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