Gefeuerter Verteidigungsminister: Ein Volksheld soll Putins Armee retten

Von Benjamin Bidder, Moskau

Bei der Truppe war Verteidigungsminister Serdjukow verhasst - doch Russlands Präsident hielt lange unbeirrt zu ihm. Jetzt musste Putin ihn wegen eines Korruptionsskandals feuern. Ein enger Freund des Kreml-Chefs soll das Schlüsselprojekt Armee-Reform retten. Ein heikles Manöver.

AFP

"Korruption ist ein Problem der gesamten Gesellschaft, die Streitkräfte stellen keine Ausnahme dar", hat Anatolij Serdjukow einmal gesagt, bis zu seiner Unterredung mit Präsident Wladimir Putin am Dienstagmorgen noch Russlands Verteidigungsminister.

Nun hat ausgerechnet ein Korruptionsskandal Serdjukow das Amt gekostet. Es geht um Unregelmäßigkeiten bei Immobiliengeschäften des Ministeriums, um enge Vertraute Serdjukows, die Millionen unterschlagen haben sollen. Filz und Korruption sind in Russland jedoch selten allein Grund genug für Entlassungen hochrangiger Staatsbediensteter - zumal, wenn sie dem Kreml so ergeben sind wie Serdjukow. Deshalb spekulieren russische Medien nun, welche Rolle Intrigen der Gegner des Ministers gespielt haben könnten - und die Rache seiner gehörnten Gattin.

Als Serdjukow 2007 Ressortchef wurde, machten sich viele Militärs über ihn lustig. Er hatte zuvor mal ein Möbelhaus geleitet und war der erste Zivilist auf dem Sessel des Verteidigungsministers. Ein Weichei, das angeblich nur deshalb Karriere machte, weil er mit der Tochter von Wiktor Subkow verheiratet war, einem langjährigen Putin-Freund und zwischenzeitlich Premierminister. Die alte Armee-Garde, die sich seit Jahren Reformbemühungen widersetzte, werde Serdjukow zerreißen, prognostizierten damals viele Experten.

Das Gegenteil war der Fall. Serdjukow kehrte mit eisernem Besen und drängte Reformgegner und alte Generale in den Ruhestand. Er tat es mit dem Segen des Kreml. Wladimir Putin hatte Serdjukow damit beauftragt, die riesige Armee zu reformieren. Serdjukow sollte die 1,1 Millionen Mann starke Truppe runderneuern.

Nach Serdjukows Rauswurf triumphieren seine Gegner

Wie notwendig das Vorhaben war, führte der August-Krieg 2008 Russland vor Augen. Das kleine Georgien wurde zwar in fünf Tagen niedergerungen. Analysen zeigten aber, dass die Verbände viel zu schwerfällig agierten, und weil Funkverbindungen versagten, mussten Stoßtrupps Luftunterstützung oft per Handy anfordern. Kurz gesagt: Russlands Armee war auch zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Kalten Krieges besser für große Panzerschlachten geeignet als für das schnelle Eingreifen in Krisenherden.

Anders als seine Vorgänger scheute sich Serdjukow auch nicht vor kritischen Worten an die eigene Truppe. "Russlands Armee hat in den letzten Jahren kein modernes Kriegsgerät mehr beschafft, die Bewaffnung ist weitgehend veraltet", sagte er 2010 dem SPIEGEL.

Nach Serdjukows Rauswurf triumphieren seine Gegner. Am Dienstag standen die Telefone des Radiosenders "Echo Moskau" nicht still, am anderen Ende der Leitung jubelten vor allem ehemalige Militärs, Männer, die Serdjukows Umbau zum Opfer gefallen waren.

Es gebe "keinen Offizier, der den Namen Serdjukows ohne Kraftausdrücke ausspricht", glaubt Kommunistenführer Gennadij Sjuganow. Jahr um Jahr liefen seine Gegner Sturm gegen den "Möbelverkäufer an der Spitze eines Millionenheers". Jahr für Jahr prophezeiten Moskauer Medien Serdjukow den Rauswurf. Seine Kritiker aber vergaßen, dass Serdjukow nur ausführte, was ihm sein Dienstherr im Kreml auftrug.

Der angesehene Moskauer Militäranalytiker Ruslan Puchow beschreibt ihn gar als "effektivsten und entschlossensten Reformer in Russlands Regierungskreisen". Serdjukow sei stets "Putins standhaftester Soldat" gewesen.

Vielleicht war es der Druck von unterschiedlichen Seiten, der den Kreml nun dazu zwang, ihn zu feuern. Serdjukow lag im Dauerkrieg mit der einflussreichen Rüstungsbranche. Sie hat ihm nie verziehen, dass er erstmals Waffen im Ausland kaufte, weil die eigenen zu rückständig waren. Im Sommer brüskierte der Minister dann Premier Dmitrij Medwedew: Vor laufenden TV-Kameras verweigerte Serdjukow dem Kabinettschef die Gefolgschaft, weil er wusste, dass nur Putin über seine Karriere entscheidet.

Das Genick aber könnte ihm ausgerechnet ein Familienzwist brechen. Serdjukows Ehe mit der Tochter des Putin-Vertrauten Subkow gilt als zerrüttet. Als Ermittler im Oktober die Wohnung von Serdjukows Untergebener Jewgenija Wasiljewa durchsuchten, notierte die Webseite Lifenews süffisant, die Tür zum Appartment der Hauptverdächtigen in dem Korruptionsskandal habe den Polizisten um 6 Uhr am Morgen niemand geringeres geöffnet als der Minister selbst.

Putin hasst Druck von Außen. Dass er einen stets loyalen Minister, der obendrein mit einem Schlüsselprojekt seiner Regierungsagenda betraut war, ohne Umschweife feuert, ist beispiellos.

Spekulationen über Putins Gesundheit

Dabei ist die Lage für Putin ohnehin ungemütlich. Weil der Kreml seit Wochen Auslandsreise um Auslandsreise absagt und Putin seine Residenz kaum verlässt, spekuliert das ganze Land über den Gesundheitszustand des Präsidenten und dessen ungewohnte Schwäche. Laut Informationen der Zeitung "Wedomosti" hat sich Putin bei einem PR-Stunt den Rücken verletzt: In einem Ultraleichtflieger sollte er Kraniche in Richtung ihres Winterquartiers geleiten. Das war allerdings schon Anfang September. Am Sonntag hinkte Putin bei einem Kurzauftritt auf dem Roten Platz noch immer, obwohl sein Pressesprecher beteuert, die Verletzung sei bereits auskuriert.

Kein Zweifel: Wladimir Putin, Meister der Inszenierung, agiert unglücklich. Ein enger persönlicher Freund muss jetzt die Armeereform für ihn retten: der Gouverneur des Moskauer Umlands, Sergej Schoigu. Schoigu ist selbst Offizier und nach Putin vielleicht der beliebteste Politiker im Land. Aber erst vor einem halben Jahr hatte ihn Putin zum Provinzfürsten gemacht. Der populäre Schoigu sollte dort sicherstellen, dass der Kreml im Herbst 2013 in der wichtigen Region die Gouverneurswahlen gewinnt.

Als ihn Putin am Dienstagmorgen gleich nach der Entlassung Serdjukows empfing, reagierte Schoigu etwas irritiert, als ihm der Kreml-Chef das Amt als Verteidigungsminister antrug. Das sei "unerwartet", sagte Schoigu, versprach aber "alles zu tun, was in meiner Macht steht".

Für die Baustelle Verteidigungsministerium mit ihren Fallstricken und Intrigen dürfte Schoigu jedenfalls der richtige Mann sein. Von 1994 bis 2012 war er Minister für Katastrophenschutz.

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1. Kluger Schachzug
andmy_ 06.11.2012
ist es, einen engen Verbündeten zum Verteidigungsminister zu ernennen. Sollte Putins Macht gefährdet sein, kann er mit der Unterstüzung des Militärs rechnen.
2.
aras62 06.11.2012
Eine andere Welt. Den Worten nach G. Schröder ist Putin ein astreiner Demokrat - ja ja. Wer möchte wen haben? Ich kann mir mir gut vorstellen, daß sich dieser, aus äußerst kleinen Verhältnissen stammenden Putin, die Zarenkrone nimmt. G. Schröder scheudert den Treibbsand auf den Putn dann wandelt.(lustige Vorstellung) Ewig wird sich Putin nicht halten. Das russische System ist zu pervers.
3. kriseln
Anton T 06.11.2012
Zitat von sysopEin enger Freund des Kremlchefs soll das Schlüsselprojekt Armee-Reform retten. Ein heikles Manöver.
Es kriselt in Putins Bananendiktatur und Küchenkabinett, das nur aus korrupten Amigos und Pfeifen besteht, die Russland ruinieren. Je eher das Regime kollabiert- und das ist nur eine Frage der Zeit- desto besser.
4. Also genau, wie
obergelehrter 06.11.2012
Zitat von Anton TEs kriselt in Putins Bananendiktatur und Küchenkabinett, das nur aus korrupten Amigos und Pfeifen besteht, die Russland ruinieren. Je eher das Regime kollabiert- und das ist nur eine Frage der Zeit- desto besser.
in der EU. Je eher, desto besser!
5. Die glorreiche rote Armee....
rheinlandtürke 06.11.2012
Wer den desolaten Zustand der russischen Armee kennt, und dafür muss man kein Militärexperte sein, weiss, dass keine Wirtschaft diesen veralterten Moloch, allein in der Grösse, durchfüttern kann, gerade die russische Wirtschaft, die zu 80% aus dem Rohstoffhandel besteht, und dringend die anderen Branchen fördern muss, um den Anspruch Putins eine Supermacht zu sein auch gerecht zu werden. Das bedeutet Wettbewerbsfähig mit seinen Produkten zu sein, die so gut sind, dass die Armee, in all ihren Gattungen, damit ausgerüstet werden kann und gewährleistet eine moderne Armee des 21. Jahrhundert zu haben. Die bisherige Realität im russischen Militäralltag ist der Mangel an allem, und das Wenige wird Kompanieweise geteilt, da davon die Familien leben müssen. Die Reformen, die bisher angestossen wurden, bedeutete für viele Armeeangehörige, "unqualifiziert" auf den Arbeitsmarkt, in die Armut, geschickt worden zu sein.
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  • Dienstag, 06.11.2012 – 17:23 Uhr
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