Kreml-Chef in der Kritik: Putins Rede-Offensive

Von , Moskau

Wie fit ist Wladimir Putin? Hatte er nicht neulich einen Bandscheibenvorfall - oder gar etwas Ernsteres? Nichts dergleichen! Das ist jedenfalls die Botschaft der geballten Öffentlichkeitsoffensive des Kreml-Chefs. Er verspricht viel, beklagt den Untergang der Sowjetunion und verlorene Moral.

Russlands Präsident Putin: "Moralische und geistige Grundlagen der Gesellschaft stärken" Zur Großansicht
AFP

Russlands Präsident Putin: "Moralische und geistige Grundlagen der Gesellschaft stärken"

Als die Kreml-Wachen die Flügel der vergoldeten Tür aufschwingen, betritt ein alter Bekannter den prachtvollen Georgssaal im Großen Kreml-Palast: Wladimir Putin, Präsident der Russischen Föderation, die Schritte ausgreifend, die Schultern kraftvoll pendelnd.

Das sind ungewohnte Bilder nach Monaten der Spekulation um Putins Gesundheitszustand. Zwei Monate hatte der Staatschef keine Auslandsreisen unternommen, über Wochen hatte sein Sprecher gebetsmühlenartig wiederholt, der Kreml-Chef erfreue sich bester Gesundheit. Nur zeigten die TV-Bilder anderes: Putin hinkend auf dem Roten Platz oder sich abstützend auf einem Rednerpult.

Von einem Rückenleiden wussten die Zeitungen zu berichten, auf Twitter wurden daraus ein Herzinfarkt oder gar Krebs. Eine Serie öffentlicher Auftritte des Staatsoberhaupts soll nun Schluss machen mit den Mutmaßungen um Putins Rücken. Innerhalb weniger Tage absolviert der Kreml-Chef gleich drei öffentliche Auftritte. Sie sollen Putin wieder in die Offensive bringen, am Ende eines turbulenten Jahres mit Massendemonstrationen, Pussy-Riot-Prozess und harscher Kritik des Westens an Russlands neuem NGO-Gesetz. Den Anfang markierte am Montag Putins Treffen mit 500 Wahlhelfern, in der kommenden Woche lädt der Staatschef dann Hunderte Journalisten zur großen Pressekonferenz in den Kreml. Den Höhepunkt aber bildet Putins Rede zur Lage der Nation.

Fotostrecke

21  Bilder
Russischer Präsident: Eisbär, Tiger, Kranich - Putin kriegt sie alle
Am Mittwoch strömten Abgeordnete und Senatoren, Gouverneure, Kirchenfürsten und sogar Oligarchen in den Kreml, in Erwartung von Putins "Botschaft an die Föderale Versammlung", wie die Rede offiziell heißt. Der Staatschef werde sich vor allem Fragen "moralischer und geistiger Werte" widmen, hatte die Kreml-Verwaltung im Vorfeld angekündigt.

"Klares Defizit geistiger und moralischer Stützen"

Das weckte Hoffnungen auf eine Grundsatzrede, in der Putin ein Programm für seine Amtszeit vorstellt, ähnlich wie Dmitrij Medwedew, der 2009 Willkür, Korruption und technologische Rückständigkeit des Riesenreichs schonungslos angeprangert und eine Modernisierung gefordert hatte.

Im Wahlkampf hatte Putin oft die Ängste vor angeblichen Feinden im Ausland geschürt. Dieses Mal begnügte er sich mit dem kurzen Hinweis, Einmischung in innere Angelegenheiten seien inakzeptabel. Vom Ausland bezahlte Aktivisten - vulgo Oppositionelle - hätten nichts zu suchen in Russlands politischer Arena.

Putin aber richtet seine Rede zur Lage der Nation vor allem nach innen. Russland leide an einem "klaren Defizit geistiger und moralischer Stützen", ruft Putin in den Saal. Seine Aufgabe sei deshalb, "die moralischen und geistigen Grundlagen der Gesellschaft zu stärken".

Putin fordert eine "Wiedergeburt des nationalen Bewusstseins", sie soll basieren auf Patriotismus. "Patriot zu sein bedeutet nicht nur, die eigene Geschichte mit Respekt und Liebe zu behandeln", sagt er. Es bedeute "vor allem anderen, der Gesellschaft zu dienen und dem Land". Zugleich wendet sich Putin vehement gegen Nationalismus im Vielvölkerstaat Russland. Ähnlich hatte er sich bereits im Januar in einem Grundsatzartikel geäußert.

Langfristiger Kampf gegen korrupte Staatsdiener

Als Putin eine härtere Gangart gegen korrupte Beamte ankündigt, brandet Beifall im mit Amtsträgern gespickten Georgssaal auf. "Warten Sie mit dem Applaus, wahrscheinlich wird Ihnen nicht alles gefallen", bemerkt Putin spitz. Dann fordert er, das Recht von Beamten und Politikern zu beschneiden, im Ausland Bankkonten und Wertpapiere zu besitzen - und eine Verschärfung der Offenlegungspflichten für Nebeneinkünfte von Staatsbediensteten.

Anfang November war Verteidigungsminister Anatolij Serdjukow über Korruptionsvorwürfe gestolpert und entlassen worden. Kurz darauf geriet die ehemalige Agrarministerin ins Visier. Es handle sich bei dem "Kampf gegen Korruption" nicht um kurzfristigen Aktionismus, "sondern um eine langfristige Strategie" hatte Putin bereits am Montag gesagt. Der Präsident will der Generalstaatsanwaltschaft das Recht einräumen, nicht rechtmäßig erworbenen Besitz von Beamten und Politikern zu beschlagnahmen - ein Schritt, der gut ankommt bei der Bevölkerung.

Putin spickt seine Rede wie gewohnt mit Zahlen und Fakten, widmet sich vielen Detailfragen. Er feiert den "ersten natürlichen Bevölkerungsanstieg" seit über 20 Jahren, dabei liegt die Geburtenrate mit 1,61 Kindern pro Frau durchaus noch deutlich unter der für die "Bestandserhaltung" nötigen 2,1 Geburten. Er beklagt den durch "Internet und elektronische Medien geschwächten Einfluss der Schule" und fordert mehr Ferienlager für Kinder aus ärmeren Familien.

Trauer über den Untergang der Sowjetunion

Dann beklagt er den Untergang der Sowjetunion. "Moralische Orientierungen" seien damals verloren gegangen, sagt Putin. Man habe damals "mit dem dreckigen Wasser auch gleich das Kind im Bade ausgeschüttet".

Wladimir Putin ist 60 Jahre alt, der Untergang der Sowjetunion liegt 21 Jahre zurück, aber wenn er nach Orientierung sucht, geht sein Blick noch immer weit zurück in die Vergangenheit.

Nach 83 Minuten endet Putins Rede zur Lage der Nation. Die Kreml-Verwaltung, die im Vorfeld die Behandlung "moralischer und geistiger Werte" angekündigt hatte, hat nicht zu viel versprochen. Viermal hat Putin das Wort "Moral" benutzt, viermal "geistig", "sittlich" achtmal. Helmut Kohl hat einmal ähnlich offensiv von einer "geistig-moralischen Wende" gesprochen, 1982 war das, und die Union suchte dringend einen wortgewaltigen Leitspruch, um zu kaschieren, dass sie nicht viel anders machen würde als SPD-Kanzler Helmut Schmidt.

Am Ende der Rede dankt Putin für "Aufmerksamkeit und Geduld". Er drückt den Rücken durch. Dann lauschen er und die geladenen Gäste im Georgssaal der Melodie, die einmal Hymne der Sowjetunion war und die Putin zur Nationalhymne des neuen Russlands gemacht hat.

Der Autor auf Facebook

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Putin...
dango1 12.12.2012
... beklagt verlorene Moral. Der war gut. Vielleicht sollte er erstmal seine eigene wiederfinden.
2. Scheint...
zombie69 12.12.2012
eher so, dass die weiterhin aus dem Kaukasus und auch anderswo massenweise einstömenden Muslime mit der Gewaltkriminalität und dem Geburtenüberschuss den Russen ganz langsam das Wasser abgraben werden. Dagegen nützen auch solche Aufrufe nichts mehr. Diese Aufrufe Putins lösen bei den zuwandernden Muslimen lediglich schallendes Gelächter aus. Kennt man aus D besonders gut!
3. Wer im Glashaus sitzt.....
flüchtig 12.12.2012
Zitat von sysopEr verspricht viel, beklagt den Untergang der Sowjetunion und verlorene Moral. Russland: Putin fordert geistig-moralische Wende - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/russland-putin-fordert-geistig-moralische-wende-a-872505.html)
.....! Außerdem ist die Moral bestimmt nicht beim einfachen Volk verloren gegangen! *Die russischen Neureichen* zeigen die gleichen Verhaltensmuster wie die Unsrigen!
4. Ein schlechte Scherzrede!
BonAmi 12.12.2012
Alles, - aber alles was er als Gesellschaftliche werteverlust bezeichnet, hat er selber mit schrecliche beispiele vorgeführt. Er ist der einzige "Demokratische" Diktator auf der Welt!
5. Selbstherrlich
hubertrudnick1 12.12.2012
Zitat von sysopWie fit ist Wladimir Putin? Hatte er nicht neulich einen Bandscheibenvorfall - oder gar etwas Ernsteres? Nichts dergleichen! Das ist jedenfalls die Botschaft der geballten Öffentlichkeitsoffensive des Kreml-Chefs. Er verspricht viel, beklagt den Untergang der Sowjetunion und verlorene Moral. Russland: Putin fordert geistig-moralische Wende - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/russland-putin-fordert-geistig-moralische-wende-a-872505.html)
Oh, was für eine tolle Rede, ein Mann/Präsident der die Moral seiner Landsleute beklagt und zur Besserung auf ruft. Wenn dieser Präsident schon sich beklagt, warum hat er sich dann nicht damit einbezogen, ist er gerade von einen weit entfernten Stern nach Russland gekommen, oder hatte er nicht vielleicht sogar dieses Russland 12 Jahre lang als Präsident und Ministerpräsident geführt, also kann es doch nur mit an seinem Versagen liegen. Dieser Herr Putin kommt mir vor wie der deutsche SPD Kanzlerkandidet Peer Steinbrück, der nun auch sein Herz für die Bürger seines Landes enrdeckt haben will. Wie verlogen kann man denn noch sein und das scheint in vielen Ländern Gang und Gebe in der Politik und bei den Politikern zu Hause zu sein. Kein Wunder das sich die Menschen von solchen möchtegernegroßen Politikern abwenden. Wer eine Moralpredigt halten will, der sollte zunächst erst einmal sein Verhalten überprüfen. Herr Putin, das war wohl wieder mal nichts. Moralisten in der Politik sind genau so unglaubwürdig wie die in den Religionen auch. HR
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Russland
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 21 Kommentare
Interaktive Grafik

Bevölkerung: 142,958 Mio.

Fläche: 17.098.200 km²

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Russland-Reiseseite