Radikaler Erzpriester Tschaplin Putins Gotteskrieger

Erzpriester Wsewolod Tschaplin hetzt gegen Homosexuelle und Abtreibung. Damit ist er in Russland zum Medienstar geworden. Sein Wort hat Gewicht, auch im Kreml. Nun wirbt der Kirchenmann öffentlich für einen baldigen Krieg.

Erzpriester Tschaplin: "Sozialismus ist die beste Gesellschaftsordnung" - aber nur mit Gott
Corbis/ ITAR-TASS

Erzpriester Tschaplin: "Sozialismus ist die beste Gesellschaftsordnung" - aber nur mit Gott

Von , Moskau


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Ob TV-Sendungen, Radio-Shows oder Zeitungsinterview: Kein Geistlicher ist in Russland so präsent wie Erzpriester Wsewolod Tschaplin. Der 47-Jährige kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit des Moskauer Patriarchats. Und er sucht selbst gern und oft die Öffentlichkeit. Mit strengem Bariton kanzelt er in Talkshows Atheisten und Kirchenkritiker ab. In seiner Radiosendung wettert er gegen Abtreibungen. Vergewaltigungen hält er für die Folge "unkeuscher" Kleidung der Opfer. Den Kreationismus preist er und empfiehlt ihn als Schulstoff.

Tschaplin steht damit für den konservativen gesellschaftlichen Kurs, den der Kreml seit Wladimir Putins Rückkehr 2012 verfolgt. Interimspräsident Dmitrij Medwedew (2008 bis 2012) sprach in seiner Zeit als Kreml-Chef noch von Modernisierung, Innovation und gesellschaftlicher Offenheit. Er hofierte Moskaus Bürgertum und ließ sich bei einem Besuch in Kalifornien vom damaligen Apple-Chef Steve Jobs ein iPhone schenken.

Putin dagegen will sich von westlichen Einflüssen emanzipieren. Er richtet den Blick in die Vergangenheit und strebt nach "traditionellen Werten". Für die tritt auch Tschaplin ein: Im westlichen Humanismus sieht er eine "Vorstufe zur Religion des Antichristen". Die Ehegleichstellung für Homosexuelle in den USA nennt er "gottlos". Selbst übermäßiges Interesse für Gadgets - obendrein westliche - gilt ihm als Sünde.

In einer Radiodebatte ließ Tschaplin unlängst aber einen Satz fallen, der selbst für einen Hardliner wie ihn radikal klingt: "Besser sollte es Krieg geben."

Tschaplins Argumentation: Einer säkularen Gesellschaft, die zu lange in Frieden lebt, droht Siechtum und Gottlosigkeit. Damit Russland davon verschont bleibt, werde sich der Allmächtige einmischen. "Gott sei Dank ist die Zeit des Friedens bald vorüber", sagte Tschaplin. Ein reinigender Krieg werde Russland zu Gott zurückführen.

Wie Präsident Putin wähnt auch Tschaplin Russland auf einer historischen Mission. Das Riesenreich sei der Ort, an dem Gott in den Lauf der Geschichte eingreifen werde, um der ganzen Welt eine andere Zukunft zu geben.

In Russland werde die Revolution ihren Anfang nehmen

Als Jugendlicher gab sich Tschaplin noch weniger staatstragend. Er war ein Andersdenkender im Moskau der Achtzigerjahre: Während seine 13-jährigen Klassenkameraden sich darauf freuten, bald den jungen Kommunisten beizutreten, ließ er sich taufen.

Seine Tage verbrachte Tschaplin in Moskauer Kirchengemeinden und sah, wie der Geheimdienst religiöse Aktivisten ins Gefängnis steckte oder in die Emigration trieb. Trotzdem entschied er sich für die Kirche. Sein jüngerer Bruder wurde Rockmusiker, während Tschaplin selbst gleich nach der Schule als kleiner Angestellter beim Verlag des Moskauer Patriarchats anfing.

Seit damals pflegt er ein Faible für westliche Avantgardefilme, liebt die Musik von Bach und Beethoven. Den Westen selbst aber liebt er nicht.

Der Welt stehe eine "ökonomische und soziale Revolution" bevor, glaubt Tschaplin, sie soll das System der westlichen Hegemonie mit seiner vermeintlichen Überbewertung des Individuums und dem Kult des Materiellen zerstören. Ihren Anfang werde sie in Russland nehmen. "Unser größter Feind ist nicht Amerika oder die Nato", befindet der Kirchenmann, "es ist der Alltagsmensch, der nur für seine Geldbörse lebt."

Die Gottlosigkeit - der einzige Fehler des Sozialismus

Wer sich heute für die Orthodoxie entscheide, wolle "die Geschichte auf den Kopf stellen". Tschaplin träumt von einem Bankensystem ohne Zinsen, vom Ende des großen Finanzkapitals. "Another world is possible", zitiert er den Schlachtruf der Globalisierungsgegner von Attac. Das ist Antikapitalismus mit orthodoxem Einschlag: Tschaplin glaubt, sein Land könne die globale Revolution durchaus schultern. Früher sei ja auch die halbe Welt dem Sozialismus gefolgt, den Russland "vorgeschlagen" habe. Dass der "Vorschlag" mit militärischer Expansion einherging, verschweigt Tschaplin.

Auch wenn er über den Untergang der Sowjetunion spricht, hört er sich an wie ein Hardliner des Kreml. Nur wegen politischen und militärischen Drucks sei der Sozialismus untergegangen. Wäre er nicht von außen gestürzt worden, "herrschte der Sozialismus doch überall auf der Welt, er ist die beste Gesellschaftsordnung".

Der einzige Fehler des Sozialismus sei seine Gottlosigkeit gewesen. Werde das korrigiert, nähere sich Russland aber der idealen Ordnung an. Der "oberste Herrscher" solle regieren, geleitet nicht vom politischen Pragmatismus, sondern vom Willen Gottes.

Ob er in Putin einen Kandidaten dafür sieht? Pragmatisch sei er jedenfalls nicht, sagt Tschaplin: "Putin ist ein Idealist."


Zusammengefasst: In Russland ist Wsewolod Tschaplin in allen Medien präsent, hat einen guten Draht zum Kreml. Der Erzpriester verteufelt den Westen und hofft auf einen "reinigenden Krieg". Aus diesem solle Russland als herrschende Macht hervorgehen, sagt er. Seine Formel für die ideale Weltordnung: Sozialismus plus Religion.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 152 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Mundil 30.07.2015
1. Diese Leute
müssen sich wohl erst die Finger verbrennen. Und das werden sie. Denn einen reinigenden Krieg hat es noch nie gegeben. Aber mit Putin und seinen Schärgen ist so etwas wohl wieder denkbar. Leider.
karend 30.07.2015
2. .
Sehr krude Ansichten. Wahnsinnige gibt es leider immer wieder. Vielleicht sollte dieser "Erzpriester" einmal an vorderster Front stehen… Obwohl lieber nicht, dieser Typus ergötzt sich am Blutrausch vielleicht sogar noch.
ms.marzahn 30.07.2015
3. Solche Taliban brauchen wir eigentlich nicht
Einen solchen geifernden und von keinem Realitätssinn geprägten Taliban brauchen wir eigentlich nicht. Ist schon alarmierend, dass so ein Waldschrat eine solche öffentliche Kulisse bekommt, wo er seine tumben und rückwärtsgewandten Thesen ausbreiten kann.
fauleoma 30.07.2015
4. Als Christ
kann man sich für diesen Menschen nur schämen. Auch ich finde, dass in unserer Gesellschaft viel schief läuft. Und ich bin mir sicher, dass uns das derzeitige Finanzgefüge bald um die Ohren fliegt. Ich finde, dieser Herr ist den IS-Ideologien sehr nahe.
irrenderstreiter 30.07.2015
5.
In welchem Verhältnis steht dieser Mann zu Putin? Der Artikel bleibt an dieser Stelle eigenartig vage.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.