Öffentliche Meinung in Russland: Putins Paralleluniversum

Von Christian Neef, Moskau

Russischer Präsident Putin (Archivbild): "Absolut alles können wir selbst machen" Zur Großansicht
AP

Russischer Präsident Putin (Archivbild): "Absolut alles können wir selbst machen"

Moskaus Propaganda produziert groteske Falschmeldungen in Serie: Ukrainische Banden wollen Atomkraftwerke sprengen, die CIA mischt Drogen ins Trinkwasser. Geglaubt wird in Russland inzwischen fast alles.

"Horror, Schande, Schmach! Unglaublich, diese Frechheit!" Russland regt sich furchtbar auf. Über wen? Über Fabio Capello, den italienischen Trainer der russischen Fußball-Nationalmannschaft.

Capello hat in der vergangenen Woche vor dem russischen Fußballverband die Gründe für das blamable Ausscheiden der "Sbornaja" bei der Weltmeisterschaft in Brasilien genannt: die Fehler des Torwarts, das zu langsame Spiel, den Rückstand zum europäischen Fußball. Der Shitstorm war gewaltig. Mindestens sieben Millionen Euro erhalte dieser Mann, da könne er doch wohl die Schuld für das Desaster auf sich nehmen. "Dabei hat er die blanke Wahrheit gesagt - das, was wir alle wissen", schrieb ein Sportredakteur der Zeitung "Moskowskij Komsomolez".

Fußball, okay, bringt auch in anderen Ländern das Blut zum Kochen. Aber in Russland gibt es oft diese Art von Schizophrenie: Der Russe ahnt manchmal, was gerade passiert und vielleicht auch warum, will aber unbedingt ans Gegenteil glauben. Vor allem in Krisenzeiten ist das so, da wird dankbar zu den Schablonen gegriffen, die die sonst verhasste Obrigkeit anbietet. Sie machen die Orientierung sehr bequem.

Die führende Elite beherrscht das Fernsehen

Zum Thema Ukraine glauben die allermeisten Menschen in Russland, was ihnen das Fernsehen einbläut: dass dort Faschisten friedliche Russen umbringen, deren Schuld allein darin besteht, dass sie in ihrer Muttersprache reden wollen. Niemand fragt sich, warum Putin angeblich keinen Einfluss auf die Separatisten hat - die er öffentlich unterstützt. Denn das wird ja im Fernsehen nicht thematisiert.

Die Medienmaschine arbeitet inzwischen derart auf Hochtouren, "dass niemand mehr weiß, wie sie noch zu kontrollieren ist". Das hat nicht etwa ein übelwollender Ausländer gesagt, sondern Gleb Pawlowski, früher Berater in Putins Präsidialadministration. Ein paar Beispiele für russische Wahrnehmungsstörungen aus der vorigen Woche, die auch Verdienst der überbordenden Kreml-Propaganda sind:

  • "Alles, absolut alles, können wir selbst machen", hat Wladimir Putin vergangenen Montag bei einem Treffen mit Vertretern der Rüstungsindustrie gesagt. Dort ging es darum, wie Russland nach dem Abbruch der Beziehungen zur Ukraine und der Verkündung westlicher Sanktionen Importe ersetzen kann. "Große Schwierigkeiten sehe ich da nicht", so der Präsident. Alles "undramatisch", assistierte ihm der Minister für wirtschaftliche Entwicklung.
    Die Wirklichkeit ist: Die russische Interkontinentalrakete SS-18 besteht zu einem Drittel aus ukrainischen Teilen, die Triebwerke für das Transportflugzeug An-124 und russische Kampfhubschrauber kommen aus dem ukrainischen Saporischja, und 90 Prozent der Maschinen, mit denen Russland Rüstungsgüter herstellt, werden bislang im Westen gekauft.
  • Aber das Wort des Präsidenten ist Befehl. Und so hat die Regierung gleich noch den Kauf ausländischer Busse, Straßenbahnen, Rolltreppen und Bulldozer für Staatszwecke untersagt. Und die Einfuhr von Obst und Gemüse aus Polen sowie von Milchprodukten aus der Ukraine gestoppt, obwohl die Supermärkte zu großen Teilen auf diese Importe angewiesen sind und Russland beispielsweise selbst nur ein Viertel seines Bedarfs an Äpfeln decken kann.
  • Moderne Flugzeuge, Autos oder Schnellzüge in Russland zu bauen und mehr Lebensmittel selbst herzustellen, wird schon lange gefordert - es hat nur bis heute nicht geklappt. Jeder Russe weiß es und beklagt dies auch. Und trotzdem erliegen die meisten der Propaganda, wonach das Land auf die Außenwelt nicht mehr angewiesen sei: Noch Anfang März zeigten sich 53 Prozent der Russen beunruhigt angesichts bevorstehender Sanktionen des Westens. Jetzt, da sie verkündet sind, liegt dieser Anteil paradoxerweise bei 36 Prozent.

War der Traum von der Autarkie nicht schon zu Sowjetzeiten populär? Hat die Parteiführung nicht schon damals die Bevölkerung in trügerischer Sicherheit gewiegt? Der von den Medien propagierte Zweckoptimismus hat zu einem weiteren erstaunlichen Umfrageergebnis geführt: So viele Russen wie schon lange nicht mehr glauben laut einer Gallup-Erhebung, dass sich die wirtschaftlichen Bedingungen verbessern.

Das Gegenteil ist der Fall: Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts ist gesunken, ebenso das Realeinkommen in den ersten vier Monaten dieses Jahres. Und nun hat die Zentralbank auch noch die Leitzinsen erhöht - was Kredite verteuert. Für die müssen Privatpersonen schon jetzt bis zu 22 Prozent Zinsen zahlen. Das trifft übrigens auch Investoren. Also jene Leute, die jetzt so dringend neue Werke bauen sollen, um westliche Importe zu ersetzen.

"So dreist haben die Machthaber noch nie gelogen"

Der Durchschnittsrusse glaubt inzwischen alles, was man ihm serviert. Er wundert sich nicht über die Schlagzeile der "Komsomolskaja prawda": "Die Boeing wurde während eines Manövers versehentlich von der ukrainischen Armee vom Himmel geholt." Er glaubt auch, dass Kiews "Banden" die ukrainischen Atomkraftwerke sprengen könnten und die CIA dem ukrainischen Trinkwasser Chemikalien beimischt, die zu Bewusstseinsänderungen führen.

"Der Kreml hat seine Propaganda auf dem Gedanken aufgebaut, die Unterstützung seiner Politik sei die moralisch einzig richtige Sache", sagt Alexander Morosow, Chef des Moskauer Medien-Forschungszentrums. Jeder wolle natürlich auf der richtigen Seite sein, niemand sehe mehr die Notwendigkeit zu kritischem Denken. Die Leute "leben in einer imaginären Welt".

Die führende Elite Russlands, die das Fernsehen faktisch beherrscht, kann heute die öffentliche Meinung in jeder beliebigen Frage formieren. Sie gibt sich längst nicht mehr die Mühe, den Fakten nur einen anderen Spin zu geben. Inzwischen werde "direkt gelogen", sagt der Literaturkritiker Andrej Malgin. So erreiche der Staat schneller, was er wolle. Warum noch Platz für Zweifel lassen?

"Ich habe unter vier Kreml-Führern für sowjetische Zeitungen gearbeitet, von Breschnew bis Gorbatschow", sagt Malgin. "Aber so dreist und schamlos wie jetzt haben die Machthaber noch nie gelogen. Sie haben einen neuen Tiefpunkt erreicht."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 313 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Umso schneller ...
Thorkh@n 04.08.2014
... bricht das System zusammen. Fragt sich nur wen und was es alles mit sich reißt.
2. Das hatte ...
clausbremen 04.08.2014
... man sich genau so gedacht. Es wird unter Putin dreister gelogen, als zu Sowjet-Zeiten, das passt. Nur die Sache mit Drogen im Trinkwasser hat ein Körnchen Wahrheit: ich wette, dass viele Putin-verstehenden Foristen hier bei SPON und auch bei FB ein FSB-Brainwashing durch Drogen erfahren haben, anders sind viele Beiträge nicht erklärbar.
3.
vielzuvielzeit 04.08.2014
bei uns wird halt professioneller gelogen
4. Putins Paralelluniversum oder unseres?
Olaf 04.08.2014
Zitat von sysopAPMoskaus Propaganda produziert groteske Falschmeldungen in Serie: Ukrainische Banden wollen Atomkraftwerke sprengen, die CIA mischt Drogen ins Trinkwasser. Geglaubt wird in Russland inzwischen fast alles. http://www.spiegel.de/politik/ausland/russland-putins-propaganda-wird-dreister-und-funktioniert-a-984074.html
Wann fängt man hierzulande eigentlich an Putin erst zu nehmen? Mag ja alles sein, was da so geschrieben wird. Ändert aber nichts an der Lage und die ist brandgefährlich. Wieso können wir eigentlich mit den Taliban oder der Hamas verhandeln und auf deren Forderungen eingehen, nicht aber mit Putins Russland? Es wird ohne Putin keinen Frieden geben. Punkt. Da kann man sich noch so lange über ihn und seinen angeblich mangelnden Realitätssinn amüsieren. Er entscheidet darüber, ob es Frieden gibt oder nicht und ich bin mir nicht so sicher, ob nicht wir es sind, die in einem Paralleluniversum leben, wenn wir meinen der wird schon irgendwann kneifen, wenn wir nur lange genug über ihn lachen. 1914 gab es auch die "Schlafwandler", die vor sich hin diletierten, weil sie gar nicht verstanden hatten, was für eine Dimension diese Krise annehmen würde und weil sie ihren Gegner nicht ernst genommen hatten.
5. Mit dreisten Lügen über alle russischen Medien
laimelgoog.0815 04.08.2014
Werden die russischen Bürger manipuliert. In Nordkorea wird es genauso gemacht um die Diktatur die Macht zu sichern!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Russland
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 313 Kommentare

Bevölkerung: 142,958 Mio.

Fläche: 17.098.200 km²

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Russland-Reiseseite


Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 32/2014 Bleibt die Türkei ein freies Land? Türkiye özgür kalacak mı? SPIEGEL-Apps: