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24. Juni 2016, 18:37 Uhr

Brexit-Echo in Russland

Die EU ist tot, es lebe Eurasien

von , Moskau

"Nein zur Finanzmafia": Russische Hardliner bejubeln den Ausgang der Brexit-Abstimmung: Sie sehen die EU vor dem verdienten Zerfall, eine Abnabelung von den USA - und fantasieren von einer Eurasischen Union.

Am Morgen applaudierte sogar ein Mann den britischen Brexit-Wählern, der bislang eigentlich so gar nichts übrig zu haben schien für Großbritannien. In Donezk, der Hochburg prorussischer Separatisten in der Ostukraine, gratulierte der selbsternannte "Premierminister" Alexander Sachartschenko "dem Volk Großbritanniens". Der Austritt aus der EU sei "eine große Sache". Dabei hatte die EU vor gar nicht allzu langer Zeit Sanktionen gegen ihn verhängt - auf Betreiben der Briten.

Auch in Moskau löste das Abstimmungsergebnis Jubel aus. Der russische Nationalistenführer Wladimir Schirinowski sagte, das "ländliche, provinzielle, arbeitende Großbritannien hat Nein gesagt zu der Union, die von der Finanzmafia, Globalisten und anderen geschaffen wurde". Man müsse "froh sein darüber, dass Europa die Freiheit bekommt. In fünf Jahren werden sie den Begriff 'Europäische Union' vergessen haben". Der Zerfall der EU sei "folgerichtig, die Nato bricht zusammen, den Schengenraum wird es nicht mehr geben".

Diese Lesart ist in Russland populär. Medien und Politiker glauben seit Jahren Parallelen zwischen der EU und der vor 25 Jahren zusammengebrochenen Sowjetunion zu erkennen. 1990 hatte die Unabhängigkeitserklärung der drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen eine Kettenreaktion ausgelöst, an deren Ende das Ende des kommunistischen Weltreichs stand.

"Das ist der Beginn des Zerfalls der Europäischen Union, die der US-Politik als Schlagstock gedient hat", die Briten hätten endlich rebelliert gegen die "Brüsseler Bürokratie", jubelt Kommunistenchef Gennadij Sjuganow, 71, selbst groß geworden in der sowjetischen Kommandobürokratie.

Aber auch als wirtschaftsliberal geltende Politiker schlagen ähnliche Töne an. Dank des Brexit werde der Einfluss der Angelsachsen auf Europa schwinden. Die Briten hätten innerhalb der EU als verlängerter Arm der USA gewirkt, glaubt Boris Titow, Ombudsmann des Kreml für die Privatwirtschaft und neuerdings Chef der "Wachstums-Partei". Die Folge sei "nicht die Unabhängigkeit Großbritanniens von Europa, sondern die Unabhängigkeit Europas von den USA". Davon werde Russland profitieren, nun sei es "nicht mehr weit bis zu einem vereinten Eurasien, in zehn Jahren".

Träume von der Eurasischen Union

Daraus spricht die Überzeugung, Moskau könnte mit einer geschwächten EU oder Einzelstaaten aus einer Position der Stärke verhandeln - und seinerseits neue Mitglieder für die von Russland geführte "Eurasische Union" mit Weißrussland und Kasachstan gewinnen.

Am Tag nach der Abstimmung gibt es in Moskau auch nachdenklichere Töne. Konstantin Kosatschjow, Chef des Auswärtigen Ausschusses im russischen Föderationsrat, warnt vor einer Destabilisierung Europas. Russland wickele rund die Hälfte seines gesamten Außenhandels mit EU-Staaten ab. "Wenn die EU in einer Krise versinkt, wird das Folgen für uns haben", so Kosatschjow.

Im Kreml klang das ganz ähnlich. Man sei "interessiert, dass die Europäische Union eine blühende, stabile und berechenbare Wirtschaftsmacht bleibt", sagte Wladimir Putins Sprecher Dmitri Peskow. Russische Staatsmedien hatten allerdings deutliche Sympathie für die Sache der Brexit-Anhänger. So berichtete der englischsprachige Kreml-Sender RT bereits groß über Nigel Farage und seine UK Independence Party, als diese selbst in Großbritannien erst wenigen ein Begriff war.

Hoffen auf ein baldiges Ende der Sanktionen

Moskau hofft, dass ein Ausscheiden Großbritanniens auch Folgen für die europäische Außenpolitik haben wird. "Ohne Großbritannien in der EU wird niemand mehr die Sanktionen gegen uns verteidigen", twitterte Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin.

Moskau sieht seit einigen Jahren in Großbritannien eine Art Erzrivalen. Der Nationalist Schirinowski ließ sich schon einmal zu der Äußerung hinreißen, Russland solle Atombomben über dem Atlantik abwerfen und die britischen Inseln unter einer Flutwelle begraben. Der Kreml hofft nun offenbar auch auf bessere bilaterale Beziehungen mit London. Man gehe davon aus, dass auf britischer Seite "sich das Verständnis durchsetzt, dass gute Beziehungen zu unserem Land nötig sind", sagte Putin-Sprecher Peskow.

Das Kalkül könnte aufgehen. Als Favorit für die Nachfolge des zurückgetretenen Premierministers David Cameron gilt Londons Ex-Bürgermeister Boris Johnson. Johnson macht sich für eine stärkere Zusammenarbeit mit Russland stark. Erst im Mai hatte der britische Politiker öffentlich den Schuldigen für den Krieg in der Ostukraine ausgemacht - die EU.


Zusammengefasst: Das Ausscheiden der Briten aus der EU wird in Russland von vielen gefeiert. Sie hoffen auf eine Schwächung des Staatenbundes und einen schwindenden Einfluss der USA. Mit dem möglichen neuen Premier Johnson gibt es bereits Verbindungen. Doch auch mahnende Stimmen werden laut. Schließlich würde eine kriselnde EU auch den russischen Handel treffen.

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