Russlands Außenminister Lawrow Der Trump-Versteher

In den USA zieht die Amtszeit eines neuen Präsidenten herauf, und Russland tritt selbstbewusster auf denn je. Außenminister Lawrow lobt Donald Trump, plant die Zusammenarbeit und empfiehlt: mehr Eigennutz.

Außenminister Lawrow am 17.1.2017 in Moskau
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Außenminister Lawrow am 17.1.2017 in Moskau

Von , Moskau


Seit 13 Jahren ist der russische Außenminister Sergej Lawrow als oberster Diplomat seines Landes im Dienst, viele Kollegen hat er kommen und gehen sehen. Rex Tillerson wird der fünfte Amerikaner sein, mit dem Lawrow es an der Spitze des US-Außenamts zu tun hat. Tillerson, ein Ölmanager mit guten Verbindungen in die russische Führung, muss sich nun erst einmal mit der Welt der Diplomatie vertraut machen, noch wartet er auf seine offizielle Bestätigung durch den Senat.

So gesehen kann sich Lawrow, 66 Jahre alt, erst einmal entspannt zurücklehnen. Zumal, da der Ukrainekonflikt in den Hintergrund getreten ist, seit Moskau im September 2015 in den Syrienkrieg eingriff. Russlands Isolation, sie hielt nicht lange.

Auch der in Moskau so ungeliebte US-Präsident Barack Obama ist in wenigen Tagen endlich Geschichte. Der habe "so viele Töpfe zerdeppert, dass man sie gar nicht mehr zählen kann", so Lawrow. Am Freitag wird Nachfolger Donald Trump vereidigt und in das Weiße Haus einziehen.

Für Moskau ist die Wahl Trumps erst einmal ein Geschenk, wenn auch eines, das Unwägbarkeiten mit sich bringt. Der künftige US-Präsident habe schon "sehr eigene Ansichten", räumte auch Lawrow am Dienstag auf seiner Jahrespressekonferenz ein.

Dennoch: Russland ist außenpolitisch wieder gefragt.

Missmutig wie immer

Präsident Wladimir Putin wird wieder und wieder in einem Atemzug mit Donald Trump genannt, ein erstes Treffen der beiden wird mit Spannung erwartet.

Über Ort und Zeit wird seit Wochen spekuliert. Am Wochenende berichtete eine Zeitung, dass die beiden angeblich in Island zusammenkommen, 1986 trafen sich dort Ronald Reagan und Michail Gorbatschow. Als "komplett falsch" wiesen Moskau und Washington die Meldung zurück. Und dennoch musste sich Lawrow auch auf seiner mehr als zweistündigen Pressekonferenz am Dienstag damit beschäftigen. Also wiederholte er, wie immer missmutig dreinblickend und keine Miene verziehend, die Nachricht habe "nichts mit der Realität zu tun".

Donald Trump
REUTERS

Donald Trump


Eigentlich schaut Lawrow in seinem alljährlichen Treffen mit Medienvertretern zurück auf das jeweils zurückliegende Jahr, zieht Bilanz. Doch dieses Mal wurde der als pragmatisch geltende Außenpolitiker lieber grundsätzlich. Er warf westlichen Ländern vor, "post-christliche Werte" zu vertreten. Der Westen habe versucht, Demokratie zu exportieren, und das habe nur Probleme verursacht: in der Ukraine, im Nahen Osten, beim Arabischen Frühling. Als Beispiel für die seiner Meinung nach verfehlte Politik nannte er die vielen Migranten, die nun in der Folge nach Europa kommen.

Moskau dagegen vertrete eine pragmatische Außenpolitik, die darauf ausgelegt sei, dass Russland sich entwickele und die Sicherheit des Landes garantiert sei, so Lawrow. Von Werten war nicht die Rede.

Moskau verfolgt Trumps Äußerungen mit Genugtuung

Es ist ein Politikstil, der mit Trumps bisher geäußerten Grundsätzen übereinzustimmen scheint. Der designierte US-Präsident hatte durchblicken lassen, dass sich die USA mit ihm an der Spitze stärker abschotten würden. "Donald Trump will, dass jedes Land für seine eigene Entwicklung verantwortlich ist. Das trifft sich mit unserem Ansatz", fasste Lawrow zusammen.

Auch wenn Lawrow es nicht offen zeigte, Moskau verfolgt Trumps Äußerungen mit Genugtuung. Die USA und ihr Wohl stehen für Trump offenbar an erster Stelle - und nicht das transatlantische Verhältnis, das seit Ende des Zweiten Weltkriegs Grundlage der Weltordnung ist. Seit dem Rundumschlag des Milliardärs gegen EU und Nato wächst dort die Verunsicherung - in Russland sieht man die Chance gekommen, wieder dauerhaft und auf Augenhöhe mitzuspielen.

Folgende Bereiche haben für Lawrow im Verhältnis von Moskau und Washington Priorität:

  • Der "Kampf gegen Terrorismus", zu dem Obama nach Lawrows Meinung außer Worten wenig beigetragen hat: Trump habe betont, dass dieser Kampf Vorrang habe - "das können wir nur begrüßen", so Lawrow. Vertreter der künftigen Trump-Administration seien zu den Gesprächen über den Syrienkonflikt am 23. Januar in Astana, Kasachstan, unter der Leitung Russlands, der Türkei und Irans eingeladen worden.
  • Fragen der strategischen Stabilität, die durch Obama erheblich gestört worden sei: Lawrow zählte den Austausch über Nuklearwaffen, Atomtests, das US-Raketenschutzschild in Europa, Weltraumwaffen und hypersonische Waffen auf. Man habe das Team von Trump zu den Verhandlungen eingeladen, bisher gebe es aber noch keine Antwort.

Deutlich dementierte Lawrow Gerüchte, Russland habe versucht, Trump mit einem kompromittierenden Dossier über sexuelle Eskapaden und politische Absprachen zu erpressen. Lawrow wurde am Dienstag gar persönlich. Den Verfasser des umstrittenen Papiers, Christopher Steele, bezeichnete er als "davongelaufenen Gauner" aus dem britischen Geheimdienst MI6.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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HeisseLuft 17.01.2017
1. Optionaler Titel
"Donald Trump will, dass jedes Land für seine eigene Entwicklung verantwortlich ist. Das trifft sich mit unserem Ansatz" Das werden Georgier, Moldawier und Ukrainer sicher gerne hören. [...]
Jor_El 17.01.2017
2.
Nicht Obama hat Porzelan "zerdeppert", sondern Putin. Putin hat sich durch Gleichschaltung der Medien, Einschränkung von Bürgerrechten, Mord an Oppositionellen, Kriegsverbrechen und Überfall auf Nachbarstaaten als Gewaltherrscher qualifiziert. Da darf es keine Kuscheldiplomatie geben.
fördeanwohner 17.01.2017
3. -
Mehr Eigennutz? Noch mehr? Ernsthaft, genau daran krankt die Welt nämlich: an zu viel Eigennutz! Konkret zu Russland: Man bombadiert schön in Syrien, aber wie viele Flüchtlinge von dort nimmt man auf? Und was passiert, wenn Eigennutz die einzige Maßgabe ist, haben wir u.a. bereits 1939 erlebt. Das Gegenteil ist gefragt. Eine Stärkung der UNO und MEHR Kooperation global sind angesagt!
freebooter 17.01.2017
4. Einladung aus Moskau
Moskau lädt Donald Trump ein, die Sanktionen gegen Russland fallen zu lassen, ohne dass es selbst seinen verdeckten Krieg gegen die Ukraine beenden muss. Donald Trump sollte Wladimir Putin im Gegenzug dazu einladen, seinen verdeckten Krieg in der Ukraine zu beenden.
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