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Skandalbuch über Putin: "Seine besten Freunde sind Labrador Conny und Hütehund Buffy"

Von , Moskau

Image ist alles: Wie sich Wladimir Putin inszeniert Fotos
DPA/ RIA-Novosti

Er ist angeblich ein traumatisierter Waisenjunge mit homosexuellen Neigungen: So beschreibt ein Politologe Russlands Präsidenten Putin in einem Buch. Der Kreml spricht von haltlosen Unterstellungen. Der Autor, der keine Belege für seine Spekulationen liefert, wird womöglich vom Geheimdienst beschützt.

Wladimir Putin ist ein Staatsführer, den seine Anhänger für den Retter Russlands und seine Gegner für einen unerbittlichen Tyrannen halten. Gerade erkor ihn das amerikanische Wirtschaftsmagazin "Forbes" zum einflussreichsten Menschen der Welt. Eines hat bisher so gut wie keiner behauptet: dass der Herrscher über das größte Land der Erde mit 143 Millionen Einwohnern, Atomwaffen und gewaltigen Rohstoffvorkommen in Wirklichkeit ein bemitleidenswerter Schwächling sei.

Der Moskauer Politologe Stanislaw Belkowski, 42, tut genau dies in einem Buch, das im Untertitel nicht weniger verspricht als "die ganze Wahrheit über Putin". Russische Verlage machten einen Bogen um das skandalträchtige Werk. Belkowski fällt seit Jahren immer wieder dadurch auf, frech und schlüpfrig über Putin zu lästern. Nicht wenige vermuten, mächtige Hintermänner in Geheimdienstkreisen hielten ihre schützenden Hände über ihn.

Belkowski, Star-Kolumnist einer Moskauer Boulevardzeitung, sieht den Schlüssel zum Verständnis Putins in dessen unglücklicher Kindheit. "Aus dem kleinen Wladimir, der praktisch ohne Vater und ohne die Liebe und Pflege seiner Eltern aufwuchs, wurde ein verschlossenes und grimmiges Kind", schreibt der Politologe. Dieser Version zufolge habe Putin zwei Jahre vor seiner offiziellen Geburt das Licht der Welt als Sohn eines Alkoholikers erblickt. Die Mutter habe sich mit Wladimir nach Georgien abgesetzt, nur um das Kind dann wenig später zu Verwandten nach Leningrad abzuschieben, zu den offiziellen Eltern des späteren Präsidenten.

Beweise, Auszüge aus dem Geburtenregister etwa, kann Belkowski nicht vorlegen. Düster orakelt er stattdessen über den bis heute geheimnisumwitterten Tod eines bekannten Enthüllungsjournalisten. Dieser habe versucht, das Rätsel um Putins Geburt zu lüften, ehe er beim Absturz eines Privatjets ums Leben kam. Sein gesamtes Erwachsenenleben, so Belkowski, sei Putin auf der Suche nach einer Ersatzfamilie gewesen: In Boris Jelzin habe er einen Ersatzvater gesehen und im Oligarchen und Fußballclubbesitzer Roman Abramowitsch einen Ersatzbruder.

Auf der Flucht vor Menschen

Putin sei ein zutiefst einsamer Politiker, der ins Präsidentenamt geradezu gedrängt werden musste, der sich vor Entscheidungen drücke und seine Freizeit aus Menschenscheu am liebsten mit Tieren verbringe. Die vielen Macho-Fotos, die Putin beim Flug mit Schneekranichen oder mit von ihm betäubten Tigern zeigen, seien keinesfalls Teil einer zynischen PR-Kampagne, sondern gewährten einen tiefen Blick in die Seele des Präsidenten. "Darin liegt der ganze Putin. Er flieht vor den Menschen und seinen Verpflichtungen in die Natur", schreibt Belkowski. "Da haben wir die besten Freunde von Wladimir, den Labrador Conny und den bulgarischen Hütehund Buffy, seine einzigen Mitbewohner in der Präsidentenresidenz."

Das ist billige Hobby-Psychologie. Allerdings interessieren sich auch westliche Geheimdienste, Diplomaten und Russlandexperten lebhaft insbesondere für zwei der Thesen Belkowskis: für Putins angeblich märchenhaften Reichtum und sein Sexleben. Putins angebliche Affäre mit der schönen Sportgymnastin und Olympiasiegerin Alina Kabajewa hält Belkowski für eine Erfindung seiner PR-Berater. Sie zeichneten Putin als "Macho und Sexbombe", um zu verdecken, dass ihm, so mutmaßt Belkowksi, "Sex und ein Sexualleben fremd sind" oder er gar "latent schwul" sei.

Als vermeintlicher Beleg für die Homo-Spekulation muss ein Fotoshooting von 2007 herhalten, das Putins Ruf als "Schwulen-Ikone" gefestigt habe, und zwar bei einer "wahrhaftig erotischen Fotosession, bei der Putin und Prinz Albert von Monaco oben ohne posierten und ihre Angelruten in den Händen hielten". Putins Sprecher Dmitrij Peskow weist diesen Vorwurf ebenso scharf zurück wie die Spekulationen über Putins angeblichen Reichtum oder die Fälschung seines Geburtsdatums. "Die Ausführungen Belkowskis entbehren jeglicher Grundlage. Sie sind vollkommener Quatsch", teilte Peskow mit. Dass er sich mit seinen Mutmaßungen über eine mögliche homosexuelle Neigung des Kreml-Chefs auf dünnem Eis bewegt, ahnt Belkowski wohl auch selbst, wenn er an anderer Stelle seines Buches "für die Rechtsanwälte unter den Lesern" darauf verweist, dass "eine Kultfigur unter Homosexuellen nicht automatisch selbst ein Homosexueller" sein müsse.

Seitenlang lässt sich Belkowski über das Privatleben der beiden Putin-Töchter Marija, 28, und Jekaterina, 27, aus, die der Präsident stets vor der Öffentlichkeit zu schützen versucht hat. Marija sei mit einem niederländischen Architekten liiert. Als der Holländer von einer gepanzerten Autokolonne eines Moskauer Bankiers in den Graben gedrängt wurde, habe es nur fünfzehn Minuten bis zur Festnahme der Übeltäter gedauert. Der Leiter der Blitzoperation sei später von Putin zum Innenminister befördert worden, während der alsbald zu sieben Jahren Gefängnis verurteilte Bankier nun "ausreichend Gelegenheit hat, sich an den stillen niederländischen Architekten zu erinnern", schreibt Belkowski.

Dichtung und Wahrheit liegen nahe beieinander

Die zweite Putin-Tochter Jekaterina lebe mit dem Sohn von Putin-Freund Nikolai Schamalow zusammen. Schamalow ist in deutsch-russischen Geschäftskreisen dafür bekannt, als Vermittler großer Deals zwischen russischen Behörden und westlichen, in der Medizinbranche tätigen Unternehmen, zu Geld gekommen zu sein.

Ende 2010 enthüllte einer von Schamalows Geschäftspartnern in einem offenen Brief an den damaligen Präsidenten Dmitrij Medwedew, dass unweit der Olympiastadt Sotschi ein mehrere hundert Millionen Euro teurer Palast zur "privaten Nutzung Putins" errichtet worden sei. Schamalow soll den Bau als eine Art Treuhänder für Putin finanziert haben. Putins Sprecher erklärte damals umgehend, dieser habe nichts mit dem Prachtbau am Schwarzen Meer zu tun. Belkowski behauptet nun, der Palast sei für Putins Tochter Jekaterina und ihren Mann bestimmt, den Sohn Nikolai Schamalows. Schamalow ließ mitteilen, dass sich seine Firma nicht zu Privatangelegenheiten der Mitarbeiter äußere.

Dichtung und Wahrheit liegen in Belkowskis Buch nahe beieinander. Wenn er von Gerüchten schreibt, Putin sei schon zu Beginn des Jahrtausends schwer erkrankt, stützt er diese These, indem er von betrunkenen Mitarbeitern von Putins Leibwache schwadroniert. Sie sollen Belkowski davon erzählt haben, der Präsident werde gelegentlich von Doppelgängern ersetzt, um "seine chronischen Krankheiten und seine gesundheitlichen Probleme zu verbergen".

Belkowski hat 2007 ein Interview mit der "Welt" überstanden, in dem er Putin bezichtigte, Nutznießer von Unternehmensbeteiligungen im Wert von mehreren Milliarden Dollar zu sein.

Die Wahrheit über den Kremlchef hat Belkowskis Buch sicher nicht enthüllt, dafür aber eine über das System Putin: Information und Desinformation gehen fließend ineinander über. Den Beteuerungen der Machthaber schenkt das misstrauische Volk schon lange keine Glauben mehr. Deshalb blühen Verschwörungstheorien, deshalb halten Russlands Bürger beinahe jeden Wahnsinn für möglich. Belkowski kann man wahlweise für einen abgedrehten Spinner halten oder für einen überaus geschäftstüchtigen Manipulator, dessen "Äußerungen stets bereits im Voraus von jemandem gut bezahlt sind". So formuliert es ein anderer Politologe.

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1. optional
xxbigj 02.12.2013
HAHA das Bild ist Super!! Er beim Angeln, beim reiten etc. Also das die Leute in nicht für homosexuell halten^^Aber für einen Soft-Diktator gehören sich solche Posen sicherlich;)
2. sonstig
harterhase 02.12.2013
Zitat von sysopDPAEr ist angeblich ein traumatisierter Waisenjunge mit homosexuellen Neigungen: So beschreibt ein Politologe Russlands Präsidenten Putin in einem Buch. Der Kreml spricht von haltlosen Unterstellungen. Der Autor, der keine Belege für seine Spekulationen liefert, wird womöglich vom Geheimdienst beschützt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/russland-skandalbuch-ueber-putin-a-936715.html
In Putins Russland beschäftigen sich die Politologen mittlerweile mit Kaffesatzleserei und Küchenpsychologie anstatt mit realer Politik. Auch das ein weiterer Beleg für den intellektuellen und sonstigen Niedergang Russlands.
3.
sozialminister 02.12.2013
Zitat von xxbigjHAHA das Bild ist Super!! Er beim Angeln, beim reiten etc. Also das die Leute in nicht für homosexuell halten^^Aber für einen Soft-Diktator gehören sich solche Posen sicherlich;)
Wenn man ihn dafür für schwul halten soll, was muss man dann erst einmal über Wrestler oder Wrestlingfans denken? :)
4. ...
KnoKo 02.12.2013
Zitat von sysopDPAEr ist angeblich ein traumatisierter Waisenjunge mit homosexuellen Neigungen: So beschreibt ein Politologe Russlands Präsidenten Putin in einem Buch. Der Kreml spricht von haltlosen Unterstellungen. Der Autor, der keine Belege für seine Spekulationen liefert, wird womöglich vom Geheimdienst beschützt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/russland-skandalbuch-ueber-putin-a-936715.html
Wenn es so sein sollte, kann ich darin nichts Falsches entdecken. Ich persönlich genieße auch lieber die Natur, als mir das Hirn mit dem überflüssigen und banalen Gequatsche meiner Mitmenschen verkleistern zu lassen.
5. ...
KnoKo 02.12.2013
Zitat von harterhaseIn Putins Russland beschäftigen sich die Politologen mittlerweile mit Kaffesatzleserei und Küchenpsychologie anstatt mit realer Politik. Auch das ein weiterer Beleg für den intellektuellen und sonstigen Niedergang Russlands.
Wenn Sie Derartiges als Beleg für den Niedergang einer Nation sehen, dann möchte ich gar nicht wissen, wo sie z.B. Deutschland oder noch besser, die USA verorten. Wahrscheinlich auf dem Niveau von Drittweltländern.
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Fläche: 17.098.200 km²

Bevölkerung: 143,972 Mio.

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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