Stalingrad-Traumata: "Kinder tragen den Schmerz ihrer Eltern"

Von , Moskau

70 Jahre Stalingrad: Kesselschlacht ohne Gnade Fotos
Getty Images

Die Schlacht von Stalingrad hat Generationen traumatisiert, die Überlebenden sind geprägt von Grauen, Leid und Hunger. Die US-Therapeutin Marilyn Murray behandelt seit Jahren Betroffene in Russland. Im Interview spricht sie über zerrüttete Familien und das Schweigen der Eltern und Großeltern.

Die Psychologin Marilyn Murray ist eine Grenzgängerin zwischen den Welten. Murray ist eine der renommiertesten Trauma-Therapeuten in den USA. Ihr prominentester Patient ist der Boxer Mike Tyson, der im Ring einem Gegner ein Stück Ohr abbiss und ins Gefängnis musste, weil er eine Frau vergewaltigt hatte. Wenn Tyson und Murray telefonieren, sagt er "Mom" zu ihr.

Seit zehn Jahren praktiziert die 75-Jährige mehrere Monate pro Jahr in Moskau. Dort behandelt sie kostenfrei russische Traumapatienten. Ihr besonderes Interesse gilt Russlands Geschichte im 20. Jahrhundert. Mit den Spätfolgen von Stalins Terror und des Weltkriegsgrauens haben ihre Patienten bis heute zu kämpfen.

Murrays Vorfahren waren Wolgadeutsche, die vor Not und Hunger aus dem Zarenreich nach Amerika flohen. Großvater und Vater sprachen nie über die Jahre in Russland. Als Murrays Vater 1984 starb, wusste sie nicht mehr, als dass die Familie aus einem Dorf nahe der Wolgastadt Saratow stammte.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs kam sie mit Verwandten in Russland in Kontakt: mit Cousin Johannes, 1941 im Alter von 17 Jahren in Stalins Gulag deportiert. Ein Bruder und eine Schwester verhungerten im Arbeitslager.

Murrays russische Patienten erforschen in Seminaren das Schicksal ihrer eigenen Familien. Dabei stoßen sie auf die Schrecken des Weltkrieges, Repression - und immer wieder Schweigen.

SPIEGEL ONLINE: Das Ende der Schlacht um Stalingrad jährt sich zum 70. Mal. Was bedeutet Stalingrad für das heutige Russland?

Murray: Ich bin keine Historikerin, auch keine Stalingrad-Expertin. Aber egal welchen Russen Sie fragen, jeder wird Ihnen antworten: Stalingrad ist ein Symbol für Mut und ultimative Tapferkeit. Das Kriegsmonument auf dem Mamajew-Hügel ist auch heute noch eine Art Pilgerstätte. Obwohl der Krieg sieben Jahrzehnte zurückliegt, ist Stalingrad für Russen noch sehr real, und das ist eher gut als schlecht.

SPIEGEL ONLINE: Für Deutsche ist diese Heroisierung einer grauenvollen Schlacht befremdlich.

Murray: Was ist damals in Stalingrad passiert? 1941 hatte der Winter die Wehrmacht gestoppt, nicht die Rote Armee. 1942 rückten die Deutschen weiter vor, die Sowjets verloren die Schlacht bei Charkow, eine Viertel Millionen Soldaten geriet in Kriegsgefangenschaft. Mit jeder Niederlage verloren die Sowjets Hunderttausende Leben und Hunderte Kilometer Gelände.

Zu Beginn der Schlacht waren die sowjetischen Truppen schlecht ausgebildet, schlecht ausgestattet und demoralisiert. Das ist die typische Geschichte eines Underdogs, der einen überlegenen Gegner überraschend besiegt. Ich bewundere sehr, wie Russen ihre Kriegsveteranen ehren. Wenn sie ihnen Blumen schenken und sie am Tag des Sieges umarmen und küssen, dann tun sie dies aus der Überzeugung, dass ihr Land ohne diesen Sieg heute so nicht existieren würde. Mit Kriegsverherrlichung oder Hass auf Deutschland hat das nichts zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Die letzten Stalingrad-Veteranen sind um die neunzig Jahre alt, von ihren Erlebnissen können nur noch wenige erzählen. Schwindet mit den letzten Zeitzeugen nicht auch die Erinnerung an diese Menschheitskatastrophe?

Murray: Nein. Ich habe bei meiner Arbeit verstanden, dass Familien Traumata aufnehmen, seien es nun Kriegserlebnisse oder Missbrauchserfahrungen. Sie entfalten ihre Wirkung noch über Generationen.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Murray: Ein Beispiel: Eine Patientin berichtet von ihrem Vater, einem Offizier des sowjetischen Geheimdienstes KGB. Er war zuständig für die Verfolgung sogenannter Volksfeinde. Ihre Mutter war eine stille Frau, in ständiger Furcht, entdeckt zu werden. Die Mutter lebte mit gefälschten Papieren. Mit 17 Jahren hatte sie sich eine neue Identität zugelegt, nachdem ihr Vater von Stalins Schergen verhaftet worden und ihre Schwester verhungert war. Von dem Tag an, an dem ihr Mann die Wahrheit erfuhr, hat er kein Wort mehr mit seiner Ehefrau gesprochen. Die Frau, die meine Patientin wurde, wuchs auf in einem Haus des Schweigens. Man kann das auf eine Formel bringen: Kinder tragen den Schmerz ihrer Eltern.

SPIEGEL ONLINE: Eine ganze Generation deutscher Soldaten kehrte traumatisiert von der Ostfront zurück, vermochte von den Kriegserlebnissen aber kaum zu berichten. "Das kann man nicht erzählen", hieß es dann.

Murray: In den USA habe ich Patienten, die im Irak gekämpft haben. Krieg verändert dein Leben vollständig, sofern du überhaupt zurückkehrst. Wer einmal in der Schlacht war, weiß, dass es nichts gibt, was mit dieser Angst vergleichbar wäre. Wer das nicht selbst erlebt hat - Eltern, Freunde, Ehefrauen -, kann das nicht verstehen. Reden können Veteranen darüber meist nur mit anderen Veteranen.

In der Sowjetunion kam hinzu: Das Land war zerstört, ein Gerippe wie Stalingrad. Der Wiederaufbau brauchte alle Kraft. Viele Männer verfielen dem Wodka, der Alkohol hatte ihnen schon im Feld geholfen, Schmerz und Angst zu unterdrücken. Für die Aufarbeitung fehlte die Zeit und auch der Wille.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Murray: Die Soldaten im Schützengraben waren eingeschüchtert, verzweifelt, sie wurden von den Deutschen überrannt. Sie mussten fürchten, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen war. Das änderte sich natürlich im Kriegsverlauf. Als ihre Memoiren aber geschrieben wurden, erlaubte die sowjetische Propaganda nicht, dass die Veteranen von Zweifeln berichteten oder Angst. Das gleiche galt für dumme Fehler ihrer Kommandeure, die Tausende das Leben kosteten. Die Bürger der Sowjetunion wurden so Kinder einer Lüge - in vielerlei Hinsicht.

SPIEGEL ONLINE: Woran machen Sie das fest?

Murray: Wenn Russen eine kritische Bewertung der Rolle der Roten Armee oder Stalins lesen, sagen viele: Das ist eine Lüge. Ich schicke meine Kursteilnehmer deshalb los, damit sie selbst ihre Familiengeschichte erforschen. Für die meisten ist es das erste Mal, dass sie mit ihren Eltern oder Großeltern über die Vergangenheit sprechen. Viele sind geschockt. Sie wussten nicht, dass ihr Großvater von Stalin in den Gulag geschickt wurde und niemals nach Hause zurückkehrte. Sie fragen sich dann, was das bedeutet. Wurde er erschossen, totgehungert, erschlagen? Das ist ein mühsamer Prozess, aber über die letzten zehn Jahre habe ich den Eindruck, dass Russland sich die Freiheit nimmt, sich zu erinnern.

SPIEGEL ONLINE: Wie bewerten sie Bestrebungen, die Stadt Wolgograd wieder in Stalingrad umzubenennen?

Murray: Wenn es nur darum ginge, die dort gefallenen Männer und Frauen zu ehren, könnte ich es sehr gut verstehen. Der Name Stalin aber steht für unfassbares Leid, das der Sowjetdiktator Millionen eigener Landsleute angetan hat. Stalin war ein narzisstischer, paranoider Soziopath. Er war sehr intelligent, aber ohne jedes Gewissen. Ihm war es egal, wie viele Menschen zur Erreichung seiner Ziele sterben mussten, sei es die Industrialisierung oder im Krieg. Es gehört zur Tragik Russlands, dass der Sieg im Zweiten Weltkrieg untrennbar mit seinem Namen verbunden ist.

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Das Interview führte Benjamin Bidder

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
supra_crepidam 01.02.2013
"Schukow (...) und befreite mit der Roten Armee 1945 Berlin" Wer die -gerade in Berlin- an willkürlichen Morden und Vergewaltigungen beteiligte Rote Armee als Befreier bezeichnet, hat entweder nicht die geringste Kenntnis von den historischen Tatsachen oder ist ideologisch verblendet. Und bevor irgendein Schlaumeier seinen Kommentar dazu abgibt: Nein - das soll nicht die Verbrechen der Wehrmacht relativieren oder verharmlosen.
2. Niemanden vergessen
ofelas 01.02.2013
Zitat von sysopDie Schlacht von Stalingrad hat Generationen traumatisiert,
In Stalingrad haben 70 (siebzig) Voelker aus der UDSSR mitgekaempft, das waren beileibe nicht nur Russen wie es immer wieder und faelschlicherweise in den Medien zi finden ist.
3. Was ganz neues
bennysalomon 01.02.2013
Zitat von supra_crepidam"Schukow (...) und befreite mit der Roten Armee 1945 Berlin" Wer die -gerade in Berlin- an willkürlichen Morden und Vergewaltigungen beteiligte Rote Armee als Befreier bezeichnet, hat entweder nicht die geringste Kenntnis von den historischen Tatsachen oder ist ideologisch verblendet. Und bevor irgendein Schlaumeier seinen Kommentar dazu abgibt: Nein - das soll nicht die Verbrechen der Wehrmacht relativieren oder verharmlosen.
Tut es aber wie ich meine bewußt. Die Deutschen haben in Russland 25 Millionen Menschen grausam ermordet. Was denken Sie in welchem Zustand die Russen hier her gekommen sind? Und natürlich war es eine Befreiung, da die Deutschen dazu unfähig waren. Natürlich nicht für Deutsche wie Sie.
4.
bennysalomon 01.02.2013
Zitat von sysopIch frage mich ob sie das selbe wie über Stalin auch über G.Bush sagt.. immerhin betreut sie Irak Soldaten. Auch finde ich es merkwürdig das ihr Studien nicht die Erfahrungen der deutschen Soldaten beinhaltet. Ziemlich unprofessionell.
Das einzig Einseitige sind Beiträge wie die Ihren. Und Geschichtsvergessen.
5. ...
gavram 01.02.2013
Zitat von ofelasIn Stalingrad haben 70 (siebzig) Voelker aus der UDSSR mitgekaempft, das waren beileibe nicht nur Russen wie es immer wieder und faelschlicherweise in den Medien zi finden ist.
Sie kommen der Sache näher wenn Sie den Begriff Sowjets oder meinethalben Sowjetbürger verwenden.
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