Gedenken an ermordeten Oppositionellen Nemzow Tausende in Moskau auf der Straße

Im Februar 2015 wurde der ehemalige russische Vizeregierungschef und spätere Oppositionelle Boris Nemzow nahe des Kremls ermordet. Für Tausende ist sein Tod Jahr für Jahr Grund, auf die Straße zu gehen.


Mehrere Tausend Menschen haben in Moskau an einem Gedenkmarsch zum dritten Todestag des russischen Oppositionellen Boris Nemzow teilgenommen. Ihre Plakate zierten Sprüche wie "Vergeltung ist unvermeidlich. Wir werden nicht vergessen, und wir werden nicht verzeihen!".

Der Organisator Ilja Jaschin spricht von rund 30.000 Teilnehmern, meldet der kreml-kritische Radiosender "Echo Moskwy", in anderen Quellen ist von rund 7000 bis 8000 Teilnehmern die Rede. Die Moskauer Polizei schätzte den Zug auf etwa 4500 Menschen.

Zu den Demonstranten zählte auch der bekannte Putin-Kritiker Alexej Nawalny, genau wie Xenia Sobtschak und Grigori Jawlinski, die beide bei der russischen Präsidentenwahl am 18. März antreten.

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Moskau: Demonstrationen zu Ehren von Boris Nemzow

"Der Mord an Nemzow war ein politischer Mord", sagte Jawlinski. Putin trage als amtierender Präsident die politische Verantwortung für den Mord an einem seiner Gegner. Sobtschak sagte: "In unserem Land wird ein Mensch immer noch dafür getötet, was er denkt oder sagt. Das nennt man politische Verfolgung, das nennt man Intoleranz."

Boris Nemzow, unter Boris Jelzin einst Vizeregierungschef, war am 27. Februar 2015 nachts auf einer Moskauer Brücke in der Nähe des Kremls erschossen worden. Der Fall hatte international Bestürzung ausgelöst. Ermittler gehen von einem Auftragsmord aus.

Wer steckte hinter dem Mord?

2017 mussten fünf Tschetschenen für den Mord ins Gefängnis, Nemzows Familie und Kritiker der russischen Justiz bemängeln aber, dass die Hintermänner des Mords noch unbekannt seien. Nemzow-Anhänger standen während des Prozesses an allen 76 Verhandlungstagen mit Plakaten vor dem Gericht. "Nennt die Namen der Auftraggeber des Mordes an Nemzow", lautete eine ihrer Forderungen.

Boris Nemzow galt zeitweise als das bekannteste Gesicht der russischen Opposition: So kritisierte er zum Beispiel Präsident Wladimir Putin scharf und prangerte Russlands Krieg in der Ukraine an. Nach Demonstrationen saß Nemzow immer wieder in Haft.

Außer in Moskau gab es am Sonntag auch in anderen russischen Städten Demonstrationen zu seinen Ehren, etwa in Rostow am Don und in Sankt Petersburg.

Vergangenes Jahr hatten sich in Moskau rund 15.000 Menschen zusammengefunden, einen Vor-Ort-Bericht zu den Protesten aus dem Februar 2017 finden Sie hier. Aus diesem Beitrag stammt auch das folgende Video:

SPIEGEL ONLINE

mbö/dpa



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
brüggebrecht 25.02.2018
1. Aufklärung
Auch wenn die Teilnehmerzahl eher bescheiden ist, bin ich beeindruckt, dass eine solche Demonstration in Russland überhaupt möglich ist. Das gibt ein bißchen Hoffnung.
betonklotz 25.02.2018
2. Ein Verbot wäre für Putin eher kontraproduktiv
Zitat von brüggebrechtAuch wenn die Teilnehmerzahl eher bescheiden ist, bin ich beeindruckt, dass eine solche Demonstration in Russland überhaupt möglich ist. Das gibt ein bißchen Hoffnung.
Denn damit würde er doch signalisieren, daß er die Demonstration ernst nimmt. Mit der Tolerierung der Kundgebung zeigt er Stärke, frei nach dem Motto: "Was schert es eine russische Eiche..." Bei ein paar tausend Teilnehmern kann er diese Demo getrost ignorieren. Außerdem hat so die westliche Presse nichts zu meckern.
Zaunsfeld 25.02.2018
3.
Zitat von brüggebrechtAuch wenn die Teilnehmerzahl eher bescheiden ist, bin ich beeindruckt, dass eine solche Demonstration in Russland überhaupt möglich ist. Das gibt ein bißchen Hoffnung.
Putin weiß genau, wie man als Diktator lange Zeit an der Macht bleibt. Wichtig ist es, den SCHEIN der Demokratie und Meinungsfreiheit aufrecht zu erhalten. In Wahrheit hat das russische Volk keinerlei Einfluss auf die russische Politik. Es gibt zwar Abgeordnete in der Duma, aber selbst wenn man den Fall annimmt, dass die demokratisch gewählt sind, macht das keinen Unterschied, da die sowieso nichts zu melden haben. Denn auch die Abgeordneten haben keinerlei Einfluss auf die Politik. Putin allein hält sämtliche Macht in der Hand. Er allein entscheidet in letzter Instanz über Leben und Tod, über Wohl und Wehe. Das russische Volk darf nur nicht wissen, dass es eigentlich nichts zu melden hat. Wenn man die Russen ein bisschen kennt, weiß man, dass die meisten Russen auch genau wissen, dass es so ist. Denn die Russen sind nicht dumm. Aber solange es im Land wirtschaftlich halbwegs gut läuft, stört es die meisten Russen nicht, dass es so ist.
pavel1100 25.02.2018
4. Der Wille zur Aufklärung ist nicht da
Die Beschuldigten hatten Folterspuren. Bei der Behandlung durch "höfliche Menschen" hätten auch das Attentat auf Kennedy gestanden. Man musste halt dem Westen und den eigenen Leuten irgendwas präsentieren. Man kann sich denken wer dahinter steht.
vitalik 25.02.2018
5.
Zitat von ZaunsfeldPutin weiß genau, wie man als Diktator lange Zeit an der Macht bleibt. Wichtig ist es, den SCHEIN der Demokratie und Meinungsfreiheit aufrecht zu erhalten. In Wahrheit hat das russische Volk keinerlei Einfluss auf die russische Politik. Es gibt zwar Abgeordnete in der Duma, aber selbst wenn man den Fall annimmt, dass die demokratisch gewählt sind, macht das keinen Unterschied, da die sowieso nichts zu melden haben. Denn auch die Abgeordneten haben keinerlei Einfluss auf die Politik. Putin allein hält sämtliche Macht in der Hand. Er allein entscheidet in letzter Instanz über Leben und Tod, über Wohl und Wehe. Das russische Volk darf nur nicht wissen, dass es eigentlich nichts zu melden hat. Wenn man die Russen ein bisschen kennt, weiß man, dass die meisten Russen auch genau wissen, dass es so ist. Denn die Russen sind nicht dumm. Aber solange es im Land wirtschaftlich halbwegs gut läuft, stört es die meisten Russen nicht, dass es so ist.
Russland ist ein föderales System und es gibt eigene autonome Gebiete/Kreise. Sicherlich sitzen auch dort Menschen, die Putin wohlgesonnen sind, aber die Politik unterscheidet von der Politik in Moskau erheblich. Nein, in Russland ist Putin nicht überall. Ich stimme Ihnen zum Teil zu. In Moskau ist es tatsächlich so, dass die politische Macht in den Hängen von Putin und seinen Freunden liegt, aber Russland ist einfach zu groß, als dass Putin das gesamte Land kontrollieren könnte. Leider drehen sich die meisten Berichte und Nachrichten nur um Moskau und sicherlich leben die meisten Russen in dem westlichen Teil von Russland, aber eben nicht alle.
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