Saudischer Herrscher bei Wladimir Putin Was der König im Kreml will

Zum ersten Mal besucht König Salman mit einer 1000-köpfigen Delegation Moskau. Einst waren Russland und Saudi Arabien in herzlicher Abneigung verbunden. Jetzt nutzt Russland das Vakuum, das die USA hinterlassen haben.

Saudi-Arabiens König Salman bei Putin
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Saudi-Arabiens König Salman bei Putin

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Am Flughafen Wnukowo wird der saudische König Salman Bin Abdelaziz Al Saud bereits seit Tagen mit großen Plakaten auf Arabisch und Russisch willkommen geheißen. Am Mittwochabend landete seine Majestät, Hüter der heiligen Stätten Mekka und Medina, nun endlich in Moskau. Mehrmals war die Reise verschoben worden.

Es ist ein historischer Staatsbesuch. Zum ersten Mal besucht ein amtierender saudischer König Moskau. Die russischen Staatsmedien berichten ausführlich über die viertägige Visite des Königs, der mit einer 1000-köpfigen Delegation in Russland ist. Die Nobelhotels in Moskaus Innenstadt sind belegt. Eigentlich reist der 81-Jährige nicht mehr gern. In den USA war der Monarch zuletzt kurz nach seinem Amtsantritt 2015, Europa besucht der Monarch nur für die Ferien an der französischen Mittelmeerküste.

Dass der König nun persönlich Wladimir Putin im Kreml aufsucht, zeigt, welchen Stellenwert Russland inzwischen im Nahen Osten hat. Moskau füllt das Vakuum, das die USA in der Region hinterlassen haben. "Der Besuch ist sehr symbolisch. Er belegt, wie stark sich die geopolitische Situation im Nahen Osten verschoben hat", sagt Marianna Belenkaja vom Moskauer Carnegie-Zentrum. "Und er zeigt, dass Russland gelernt hat, seine Interessen auszuspielen".

Putin hat sich - wie selbst westliche Diplomaten in Moskau zugeben - erfolgreich Einfluss in der Region verschafft. Russland ist in Libyen, Jemen und Irak aktiv, vor zwei Jahren griff der Kreml mit einer Militäroperation in den Syrienkrieg ein (Lesen Sie hier dazu die Analyse).

Selbst die engsten Verbündeten Washingtons, Israel und Saudi-Arabien, suchen deshalb nun den Kontakt zum Kreml.

Schwieriges Verhältnis

Dabei waren die Beziehungen zwischen Riad und Moskau jahrzehntelang belastet:

  • Einst unterstützte die Sowjetunion in arabischen Staaten wie Ägypten und Irak nationalistische Bewegungen, um die dort herrschenden Monarchien zu stürzen und vom Sozialismus inspirierte Kräfte an die Macht zu bringen. Lange herrschte in Riad Angst davor, die Sauds könnte ein ähnliches Schicksal ereilen.
  • Als die Rote Armee Ende 1979 in Afghanistan einmarschierte, koordinierte Saudi-Arabien den bewaffneten Widerstand der Mudschahedin gegen die Sowjets. Parallel dazu erhöhte Riad die Ölproduktion und schwächte so die sowjetische Wirtschaft.
  • In den Neunzigerjahren schickte Saudi-Arabien Prediger und Kämpfer in den Kaukasus. Sie stärkten islamistische Separatisten in Tschetschenien.
  • Zuletzt lagen Saudis und Russen in Syrien über Kreuz: Riad unterstützte die Aufständischen in der Hoffnung, Damaskus aus der Allianz mit Moskau und Teheran zu lösen. Doch seit Beginn der russischen Offensive, sind die pro-saudischen Rebellen massiv zurückgedrängt worden. Salman dürfte deshalb bei Putin dafür werben, die von Riad unterstützten Aufständischen nicht gänzlich zu zerschlagen, sondern in irgendeiner Form einzubinden.

Zweckallianz, um den Ölpreis zu stabilisieren

Salman und Putin respektieren sich, sagt Expertin Belenkaja. Sie haben zu einem gewissen Pragmatismus gefunden, der vor allem ökonomische Gründe hat. 2015 sei das Wendejahr in den saudisch-russischen Beziehungen gewesen, sagt Belenkaja. Damals seien mehrere Entwicklungen zusammengekommen: Salman übernahm den Thron, Putin startete den russischen Syrieneinsatz, und der Ölpreis rutschte von mehr als 100 US-Dollar pro Barrel in den Keller.

Um diesen Verfall zu stoppen, verbündeten sich Saudi-Arabien und Russland nach langen Verhandlungen schließlich. Zusammen produzieren die beiden Nationen fast die Hälfte der weltweiten Fördermenge an Öl. Es entstand eine Zweckallianz, um wirtschaftlich für etwas mehr Stabilität zu sorgen. Riad und Moskau sorgten im Dezember 2016 dafür, dass die Opec und elf weitere Länder - darunter auch Iran - ihre Produktion drosselten. Seither hat sich der Preis bei rund 60 Dollar stabilisiert. Beide, Salman und Putin, wollen diese Drosselung deshalb beibehalten.

Für Moskau ist Saudi-Arabien vor allem ein wichtiger Wirtschaftspartner, bisher ist man aber kaum über das Stadium von Vorverträgen hinausgekommen. Nun sollen bei Salmans Besuch ein saudisch-russischer Investitionsfonds für Energieprojekte über eine Milliarde Dollar aufgesetzt und Investitionen in ein Flüssiggasprojekt und petrochemische Werke besiegelt werden.

Ein weiteres Thema dürfte eine mögliche Kooperation im Atomsektor werden: Saudi-Arabien will ein ziviles Nuklearprogramm starten und in den nächsten Jahrzehnten bis zu 16 Kernreaktoren errichten. Russlands staatlicher Rosatom-Konzern gilt als ein möglicher Partner - immerhin hat Moskau auch ausgerechnet Riads Erzfeind Iran dabei geholfen, Atomkraftwerke aufzubauen.

Bedrohung Iran

Im Kreml will man anders als in Riad Wirtschaft und Politik lieber trennen. Auch weil es dann vermeintlich einfacher erscheint, die verschiedenen Interessen auszubalancieren. Doch für den saudischen Herrscher sind diese Ebenen nicht trennbar. In Saudi-Arabien sieht man Teherans wachsenden Einfluss in der arabischen Welt mit großer Sorge. Dass der russische Energieminister Alexander Nowak ausgerechnet am Tag der Ankunft von König Salman einen neuen Handelsdeal mit Iran verkündet, wird man genau registriert haben.

Der Monarch wird darauf drängen, dass Putin die mit ihm verbündeten Iraner zumindest in Syrien in die Schranken weist. Aus Sicht Riads darf der schiitische Iran keine ständige Rolle in Syrien spielen. Die sunnitische Führungsnation Saudi-Arabien sieht Iran als größte Bedrohung. US-Präsident Donald Trump hat Riad bisher wenig dabei unterstützt, den Einfluss Teherans einzudämmen. Deshalb versucht Salman es nun persönlich bei Russlands Präsidenten.

Mit dem gleichen Anliegen war Israels Premierminister Benjamin Netanyahu allein in den vergangenen 18 Monaten vier Mal im Kreml vorstellig geworden. Mit mäßigem Erfolg.



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