Russland-Bild des Westens Putin, die Waldhexe

Weihnachten ist die Zeit der Märchen. Eins der gruseligsten handelt vom bösen Russen Putin, der uns mit seinen Trollen den Kopf verdrehen will. Beweise gibt es kaum. Hauptsache man glaubt daran.

Waldhexe Baba Jaga, Illustration von Iwan Jakowlewitsch Bilibin
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Waldhexe Baba Jaga, Illustration von Iwan Jakowlewitsch Bilibin

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Weihnachten ist auch die Zeit der Märchen. Und in einigen Fällen hat man den Eindruck, dass sich mancher Politiker im Westen davon inspirieren lässt. Gerne wird dann das Gruselmärchen vom bösen Kreml-Herren Putin und seinen Trollen erzählt, die mit allen Mitteln Unruhe stiften und uns den Kopf verdrehen wollen. Das ist mythologisch ganz lustig. Politisch ist es gefährlich. Denn wenn man nur fest genug glaubt, dann wird aus Schauergeschichten plötzlich Wirklichkeit.

Gerade wurde die neueste Kreml-Fiesheit durchgereicht: Angeblich schnüffeln russische U-Boote im Atlantik und im Mittelmeer an unseren Datenkabeln. Das wäre natürlich eine Unverschämtheit. Das dürfen ja nur die Amerikaner. Jedenfalls hat man von der Nato keine Klagen über die "USS Jimmy Carter" gehört, jenes schwerstbewaffnete Spezial-U-Boot der US-Marine, das vermutlich für die NSA die unterseeischen Glasfaserkabel anzapft und so den transatlantischen Internetverkehr überwachen kann. Jetzt aber hat ein hoher Nato-Kommandeur sich in der "Washington Post" über "russische Aktivität unter Wasser in der Nähe der Unterseekabel" beschwert.

Das Problem mit solchen Meldungen ist: Sie sind für den Normalbürger nicht überprüfbar. Und für die Journalisten auch nicht. Vielleicht sind da U-Boote. Vielleicht nicht. In jedem Fall erhöhen solche Meldungen aber das Unsicherheitsgefühl der Menschen. Und was die Russen angeht, ist die Unsicherheit ohnehin schon groß.

Im russischen Märchen gibt es die Figur der Baba Jaga. Das ist eine böse Waldhexe, die auf ihrem Mörser durch den Wald reitet, ihre Spuren mit dem Besen verwischt und in einem Haus auf Hühnerbeinen wohnt. Die Beschreibung trifft jetzt nicht direkt auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu, der eine Vorliebe für dunkle Sonnenbrillen und Selfies mit nacktem Oberkörper hat. Aber wie Baba Jaga ist auch Putin im Westen inzwischen die Verkörperung des Bösen, die Wurzel aller Übel.

Nun gibt es genug Fälle, wo die russische Machtpolitik offenliegt: die Bomben in Syrien, die Interventionen in der Ost-Ukraine und auf der Krim. Hier aber geht es um die verdeckten Taten, die vermuteten, die geheime Einflussnahme. Die "Süddeutsche Zeitung" zitierte beispielsweise neulich eine "Prager Erklärung" nach der "Sicherheitsexperten aus 22 Ländern" Fälle von russischer Einmischung aufgezählt hätten: neben dem Brexit-Referendum auch die niederländische Abstimmung über das Ukraine-Abkommen, das Verfassungsreferendum in Italien, die Bundestagswahl und sogar das Katalonien-Referendum.

In den USA versucht Sonderermittler Robert Mueller mit seinen Leuten seit geraumer Zeit, dem Präsidenten und seinen Beratern irgendwelche russischen Schweinerein nachzuweisen. Und neulich hat die britische Premierministerin Theresa May bei einem Abendessen in London ihren staunenden Zuhörern erzählt, dass Russland sich in westliche Wahlen einmische und "Fake News" zur Manipulation von Meinung und Medien nutze. Sie sprach tatsächlich von einer Bedrohung der Weltordnung.

Allein, es fehlen immer die Beweise. Was Trump angeht - und das wäre ja das dickste Ding -, ist immerhin sicher, dass seine Leute vor den Wahlen auch mit den Russen geredet haben. Ist das gefährlich? Kommt drauf an. Wenn die Russen der Teufel sind schon. Der Papst hat gerade davor gewarnt, mit dem Teufel zu reden, weil dieser eine sehr intelligente, rhetorisch überlegene "Person" sei: "Wenn du anfängst, mit Satan zu reden, bist du verloren. Er verdreht dir den Kopf."

Auf dem Niveau bewegt sich ungefähr der Vorwurf an Putin, den geheimnisvollen früheren KGB-Agenten. Die Beweislage ist in einigen Fällen beim genaueren Hinsehen überschaubar. Eine Studie der Oxford-Universität hat gerade herausgefunden, wenn es überhaupt einen russischen Einfluss auf den Brexit gegeben habe, dann sei der "nicht erheblich". So seien in den zwei Wochen vor dem Brexit-Referendum im Juni 2016 etwa 16.000 Tweets von 105 russischen Accounts abgeschickt worden. Auch auf der Video-Plattform Youtube hätten Brexit-bezogene Inhalte russischer Herkunft "nur einen winzigen Anteil" ausgemacht.

Westliche Politiker und Journalisten werfen den Russen eine Verzerrung der Wirklichkeit vor und verzerren dabei selbst die Wirklichkeit. Mit Märchen hat das nichts mehr zu tun. Sondern mit einer pathologischen Politik.

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Paranoia heißt das Krankheitsbild, um das es hier geht. Zur Paranoia gehört es, dass alles zum Zeichen wird, alles gewinnt Bedeutung. Ein Twitter-Account, ein U-Boot, ein militärisches Manöver - es ist alles Teil eines großen und gefährlichen Szenarios, das den Charakter einer wachsenden Bedrohung annimmt und Gegenmaßnahmen rechtfertigt. Paranoia wandelt ja nicht nur Wirklichkeit in Wahn um - sondern auch Wahn in Wirklichkeit.

Ungefähr zur gleichen Zeit wie die Geschichte von den russischen U-Booten wurde bekannt, dass die Amerikaner Panzerabwehrwaffen in die Ukraine liefern wollen. Und in Norwegen hat ein US-General gerade seine Truppen auf einen "verdammt großen Kampf" eingeschworen, einen "bigass fight". Er hat tatsächlich gesagt: "Ich hoffe, dass ich falsch liege. Aber es wird Krieg geben. Vergesst nicht, warum ihr hier seid."

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insgesamt 168 Beiträge
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Seite 1
oli h 25.12.2017
1. Faszinierend...
Man liest eine Überschrift und zwei Zeilen eines Artikels und weiss bereits, es ist eine Augstein-Kolumne.
kategorien 25.12.2017
2. Ähh
Lenin sagte einst, dass nützliche Idioten diejenigen sind, die aus Trotz alles Mögliche sagen, weil sie sich für clever halten, trotzdem sie sich selbst schaden. Bei Augstein gewinnt man leicht den Eindruck, als wenn er in einer linken, pro-russischen Blase leben würde. Anders sich ein Artikel mit derart platten Vergleichen doch kaum erklären.
nenntmichishmael 25.12.2017
3. Paranoia ist...
... wenn Augstein überall Russenhass und antirussische Verschwörung wittert. Bezeichnend, dass Syrien, Krim und Donbass im Kommentar als Nebensächlichkeiten abgetan werden. Ich brauche übrigens keine Russen-Trolls, um festzustellen, was Moskau von uns in der EU hält. Da reicht es, gelegentlich den Propagandasender RT einzuschalten. Sollte Augstein vielleicht auch hin und wieder tun. Nur bitte nicht zu oft.
seine-et-marnais 25.12.2017
4. Überraschender Kommentar
Putin ist bestimmt kein Unschuldslamm, aber welcher Politiker ist das schon? Nur das was man ihm alles unterstellt ist teilweise doch arg an den Haaren herbeigezogen. Ich würde mir einen ähnlichen Kommentar wünschen was die Politik der Herren Blair und Cameron in GB angeht, der Herren Sarkozy, Hollande und Macron in Frankreich und nicht zu vergessen ein reelles Bild der Politik von Frau Merkel über Methoden, Finanzierung usw. Und auch bei Trump, allerdings ein Kommentar der der tatsächlichen Politik gewidmet ist und nicht was aus 'gewissen Kreisen' verlautet, was vermutet wird uä. Die Presse muss endlich wieder über die Realitäten berichten und sauber zwischen Information und Kommentar trennen.
vulcan 25.12.2017
5. und?
Und was soll uns der Artikel jetzt sagen? Das wir dem armen Putin alle ganz furchtbar Unrecht tun? Ich glaube nicht - dazu häufen sich entsprechende Meldungen viel zu sehr. Verharmlosung und Spott von Herrn Augstein sind jedenfalls nicht im Mindesten hilfreich. Auch nicht seine sinnlosen Vermutungen über US-U-Boote, die 'Glasfaserkabel' anzapfen, worüber sich die NATO nicht beschwert. Warum wohl nicht? Weil es nicht stattfindet vielleicht? Im Gegensatz dazu finden russische Einflüge in NATO- und neutrale Staaten ganz real statt; immer wieder. Es werden Luftangriffe auf skandinavische Länder simuliert, usw. Und russische U-Boote werden von der NATO ganz besonders beobachtet. Ich glaube jedenfalls einer solchen Meldung deutlich eher als irgendeinem Hexenmärchen aus Moskau bzw. einem Dementi oer sonstiger plumper Propaganda von dort. Da kann Herr Augstein schreiben, was er mag.
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