Erfundenes Schwulen-Komplott US-Botschaft verulkt Kreml-Propagandisten

Stiften die USA Homosexuelle an, russische Top-Politiker als schwul zu outen? Das behauptet die Kreml-nahe Zeitung "Iswestija". Die amerikanische Botschaft reagiert mit Humor.

Der Kreml: Washington wiegelt angeblich russische Homosexuelle auf
AP

Der Kreml: Washington wiegelt angeblich russische Homosexuelle auf

Von , Moskau


Wenn es darum geht, Russland zu schaden, schrecken Europa und Amerika vor keiner Schandtat zurück. Das ist das Bild, das vom Kreml kontrollierte Medien zeichnen. Als der Airbus 321 mit mehr als 200 russischen Urlaubern über dem Sinai abstürzte, spekulierte Russlands TV-Sender Erster Kanal in den Hauptnachrichten, der Westen habe womöglich eine Übereinkunft mit dem "Islamischen Staat": Es sei verdächtig, dass wenige Wochen nach Beginn russischer Luftangriffe ein russisches Flugzeug angegriffen werde - obwohl der Westen viel länger Syrien bombardiere.

In dieser Woche berichtete die Kreml-treue "Iswestija" dann über ein angebliches Komplott, das auf russische Konservative mindestens ähnlich empörend wirken musste: Das US-Außenministerium stachele russische Schwulen-Aktivisten an, Top-Politiker des Kreml als homosexuell zu outen.

Als Beleg führte die "Iswestija" ein angebliches Schreiben aus Washington an. Es datiert auf den Mai 2015, ist adressiert an Nikolai Alexejew, einen der bekannten Moskauer Aktivisten, der sich seit Jahren für die Rechte von Homosexuellen in Russland einsetzt. Man werde die Finanzierung gemeinsamer Projekte hochfahren und dafür in Zukunft eben weniger Geld an andere "demokratische oppositionelle Organisationen" geben. Diese wiesen "geringe Effizienz" auf, im Gegensatz zu den LGBT-Aktivisten (LGBT steht für lesbian, gay, bisexual und transgender - d. Red.).

Nikolai Alexejew hatte Ende Mai während einer Sendung von Radio Echo Moskau darüber spekuliert, mehrere russische Top-Politiker seien in Wahrheit homosexuell. Unter anderem fiel der Name von Wjatscheslaw Wolodin, dem mächtigen Vizechef der Kreml-Verwaltung.

Das Problem: Der von der "Iswestija" zitierte Brief ist eine recht plumpe Fälschung. Die Formulierungen sind über weite Teile erkennbar aus dem Russischen in rumpelndes Englisch übersetzt. Unterzeichnet ist das Schreiben von "Randy W. Berry, Minister Consular for Public Affairs" an der Moskauer US-Botschaft. Seine korrekte Dienstbeschreibung lautet allerdings "Minister Counselor", nicht "Consular".

Die amerikanische Botschaft nahm den Fall mit Humor. Sie setzte den Rotstift an dem Schreiben an und veröffentlichte die korrigierte Version auf Twitter. Verbunden war dies mit dem in bestechendem Russisch verfassten Hinweis, man biete der "Iswestija" gern an, ihre Fälschungen in Zukunft auch vor der Veröffentlichtung Korrektur zu lesen.

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Emil Peisker 20.11.2015
1. So ist es richtig.:-))
Die amerikanische Botschaft nahm den Fall mit Humor. Sie setzte den Rotstift an dem Schreiben an und veröffentlichte die korrigierte Version auf Twitter. Verbunden war dies mit dem in bestechendem Russisch verfassten Hinweis, man biete der "Iswestija" gern an, ihre Fälschungen in Zukunft auch vor der Veröffentlichtung Korrektur zu lesen.
noalk 20.11.2015
2. Noch korrekter (sic!)
Weder "Consular" noch "Counseler", sondern "Counselor". ;-)
cartis 20.11.2015
3. Klasse, herzlich gelacht!
Homosexualität ist in Russland wohl auch etwas ganz Schlimmes! Dagegen sind Korruption, Meinungsdiktatur, Großmachtträume und Kriegstreiberei wohl mehr gesellschaftsfähig!
maynard_k. 20.11.2015
4. homophobe Großmächte
Russland kann das ja ebenso tun. Vllt gar nicht schlecht, wenn in diesen beiden Staaten, in denen es vor homophober Bevölkerung scheinbar nur so wimmelt, bekannte Persönlichkeiten geoutet werden ... können ja auch Menschen aus Wirtschaft, Sport und Film sein.
iridium 20.11.2015
5. Bitte nicht korrigieren!
Bitte, bitte, bitte, bitte, ... nicht korrigieren! Bisher kann man russische Propaganda immer so schön einfach an den fehlenden Artikeln erkennen (neben des exzessiven Gebrauchs von "wir").
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