Russische Anti-Putin-Punks: Pussy Riot müssen bis Januar in U-Haft bleiben

Ein Gericht in Moskau hat die Untersuchungshaft gegen die Musikerinnen von Pussy Riot bis Mitte Januar 2013 verlängert. Die drei jungen Frauen hatten im Februar in einer Kirche die Kanzel gestürmt und in einem "Punk-Gebet" gegen Wladimir Putin gewettert. Ihnen drohen sieben Jahre Haft.

Punkband Pussy Riot im Gitterkäfig im Gerichtssaal: Weiteres halbes Jahr in U-Haft Zur Großansicht
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Punkband Pussy Riot im Gitterkäfig im Gerichtssaal: Weiteres halbes Jahr in U-Haft

Moskau - Ihnen wird "Rowdytum" vorgeworfen: Drei Mitglieder der russischen Frauen-Punkband Pussy Riot müssen nach einer Entscheidung eines Moskauer Gerichts mindestens bis 12. Januar 2013 in Untersuchungshaft bleiben. Das Gericht kam damit einem Antrag der Staatsanwaltschaft nach. Die drei seit März inhaftierten Frauen waren erstmals dem Gericht vorgeführt worden.

Den jungen Frauen - der 29-jährigen Jekaterina Samuzewitsch sowie mit der 24-jährigen Maria Aljochina und der 22-jährigen Nadeschda Tolokonnikowa Mütter kleiner Kinder - drohen bis zu sieben Jahre Haft.

Die Musikerinnen hatten am 21. Februar mit Strumpfmasken verkleidet den Altar der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale gestürmt und ein "Punk-Gebet" gesungen. "Heilige Mutter Gottes, erlöse Russland von Putin", riefen sie. Wladimir Putin stand damals als Ministerpräsident noch vor seiner Rückkehr in den Kreml. Der Protest richtete sich nicht nur gegen die erneut bevorstehende Präsidentschaft Putins, sondern auch gegen die enge Verzahnung von russisch-orthodoxer Kirche und Staat.

Nun kommt die Anklage zu dem Schluss, Pussy Riot hätten mit der Gotteslästerung an den "ewigen Grundfesten der russisch-orthodoxen Kirche" gerüttelt. Um die orthodoxen Christen noch tiefer in ihrem geistlichen Glauben zu verletzen, "zogen sich die Teilnehmerinnen die Oberbekleidung aus und boten einen für einen solchen Ort unwürdigen Anblick", steht in der Anklage." Dass die Frauen wild im Altarraum vor heiligen Ikonen tanzten, habe viele Gläubige traumatisiert.

Gleicher Sitzungssaal wie im Chodorkowski-Prozess

Der Anwalt der Musikerinnen, Nikolai Polosow, zeigte sich überzeugt, dass seine Mandantinnen zu Straflager verurteilt werden, obwohl es keine Grundlage für einen Strafprozess gebe. "Die Mädchen hatten keine Waffen und haben nichts zerstört, so wie es für eine Anklage wegen Rowdytums eigentlich nötig wäre", sagte Polosow.

Der Vorfall hatte weltweit für Aufsehen gesorgt. Vor allem die lange Zeit der Musikerinnen in Untersuchungshaft ist höchst umstritten. Bereits mehrfach war diese von der russischen Justiz verlängert worden. Kritiker weisen darauf hin, dass die Pussy-Riot-Anhörung im selben Saal des Chamowniki-Gerichts stattfand wie die des Ex-Ölmanagers Michail Chodorkowski, der als schärfster Putin-Kritiker gilt und seit Jahren inhaftiert ist. Amnesty International erkennt die Musikerinnen als politische Gefangene an.

Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung protestierte am Freitag scharf gegen den Gerichtsbeschluss: "Ich bin sehr erschrocken über die drakonische Verlängerung der Untersuchungshaft für die Künstlerinnen von Pussy Riot", teilte Markus Löning (FDP) mit. Die verhängte Untersuchungshaft von insgesamt zehn Monaten stehe in keinem Verhältnis zu dem, was den drei Frauen vorgeworfen werde. "Sie ist absurd und zieht die Familien und Kinder der Frauen grotesk in Mitleidenschaft", sagte Löning. Er forderte Russland auf, Meinungsfreiheit und die Freiheit der Kunst zu wahren.

Junge Mütter im Gitterkäfig

Die Anhörung an diesem Freitag sollte eigentlich klären, wann der Prozess gegen sie beginnt und ob dieser öffentlich oder hinter verschlossenen Türen stattfindet. Die drei Angeklagten mussten, wie in Russland üblich, in einem Gitterkäfig sitzen. Vor dem Gerichtsgebäude führte die Polizei bei Protesten sowohl von Anhängern als auch Gegnern der Musikerinnen laut der Nachrichtenagentur Interfax mindestens vier Menschen ab.

In Berlin kritisierten die Grünen-Politiker Marieluise Beck und Volker Beck das Vorgehen gegen die jungen Frauen scharf. Mit der Verhandlung wolle die russische Justiz "die politisch aktive Künstlerszene plattmachen", hieß es in einer Mitteilung. Sie forderten die sofortige Freilassung der drei Angeklagten. Der Abgeordnete der Linkspartei, Stefan Liebich, sprach von einer "absurden Verfolgung der Musikerinnen".

fdi/dpa/AFP

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insgesamt 82 Beiträge
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1.
citizengun 20.07.2012
Zitat von sysopAFPEin Gericht in Moskau hat die Untersuchungshaft gegen die Musikerinnen von Pussy Riot bis Mitte Januar 2013 verlängert. Die drei jungen Frauen hatten im Februar in einer Kirche die Kanzel gestürmt und in einem "Punk-Gebet" gegen Wladimir Putin gewettert. Ihnen drohen sieben Jahre Haft. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,845554,00.html
Die sind bestimmt nicht so unschuldig wie sie aussehen.
2. Ich mag diese Mädels
spiekr 20.07.2012
in jeder Beziehung.
3. Hetze
Popocatepetl 20.07.2012
"Die drei Angeklagten mussten, wie in Russland üblich, in einem Gitterkäfig sitzen." Das ist in den EU-Staaten Lettland, Estland und Littauen genauso. Sovjetische Tradition. Landessitte. Als wäre es humaner, wegen einer Geschwindigkeitsübertretung in oranger Kluft, an Händen und Füssen bekettet, Riese links, Riese rechts vor Gericht antraben zu müssen. Allerdings: Die Verlängerung der U-Haft ist skandalös. Die Hetze der grünen Profi-Empörten und Halbinformierten auch.
4. traurig
Pango 20.07.2012
Ich finde es traurig, dass ein intelligenter Mann wie Putin zu solchen primitiven Mitteln greift. Sei es nun dieses Schauspiel um die Untersuchungshaft, lachhafte/prohibitive Strafen für friedliche Demonstranten oder die omnipräsente Polizeigewalt. Diese "harte Hand" gegen alles, was auch nur im Entferntesten nach zivilem Ungehorsam aussieht, sollte der einstigen Großmacht Russland unwürdig sein. Nach den Jahrzehnten an "Mist", den diese Nation durchgemacht, sollte man meinen, die Politiker besäßen so etwas wie Weitsicht bzw. die Gabe des Rückblicks. Pustekuchen. Putin hat in Deutschland gelebt, durfte im Nachhinein erfahren, wie das oppressive, von Russland lange Zeit künstlich am Leben erhaltene, DDR-System zusammengebrochen ist - und wie die östl. Bundesländer in Freiheit massiv aufgestiegen sind (z.B. Vergleich Wirtschaft: vorher/nachher, Lebensstandard). Alles was der Mann jetzt tut ist sich mit kurzsichtigen Gewaltaktionen an der Macht zu halten. Das Volk wird mit immer teurer werdenden Geschenken bei Laune gehalten. Bis aus dem Gashahn nur noch heiße Luft kommt. Und dann? Bricht ein depressives Land ein weiteres Mal zusammen. Wladimir, sieh in einer ruhigen Minute mal in den Spiegel und frag dich, wie du wohl in 50 Jahren in den Geschichtsbüchern beschrieben wirst ...
5. schon merkwürdig
axel09 20.07.2012
Zitat von citizengunDie sind bestimmt nicht so unschuldig wie sie aussehen.
Ich habe mir den youtube-Film in der orthodoxen Kirche angesehen. Der Sachverhalt rechtfertig vielleicht eine Geldbuße von ein paar Rubeln. Aber beim genaueren Betrachten wird die Inszenierung deutlich - Begleitung von Kameraleuten, mehrere Einstellungen. Verwunderlich ist, warum da vier "PussyRiots" tanzen und musizieren, auch welche mit Instrumenten reingeschnitten werden. Irgendwie glaube ich an einen perfiden Marketing-Gag russischer Producer - so ein bisschen Masche von T.a.t.u, ein bisschen Sex wie bei FEMEN und das ganze noch aufgemischt in einer orthodoxen Kirche mit Spott gegenüber dem "Allerheiligsten" Putin. Bekanntwerden um jeden Preis, ist meine Vermutung.
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Fotostrecke
Pussy Riot: Neonstrümpfe und Sturmhauben

Bevölkerung: 142,958 Mio.

Fläche: 17.098.200 km²

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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