Linken-Kandidat Grudinin Putins neuer Sparringspartner

Die Russen haben an diesem Sonntag die Wahl, doch der Sieger steht schon fest: Wladimir Putin. Aber wer kommt auf Platz zwei? Gute Chancen hat Pawel Grudinin, der Überraschungskandidat der Linken.

Pawel Grudinin
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Pawel Grudinin

Von , Moskau


Am Rand von Moskau, wo Baumärkte an verschneite Felder grenzen, liegt die Lenin-Sowchose. Der Name ist ein Relikt aus Sowjetzeiten, er klingt nach rostigen Treckern und roten Fahnen. In Wahrheit ist die Lenin-Sowchose ein kapitalistischer Musterbetrieb. Es gibt moderne Kuhställe mit holländischen Melkrobotern, Wohntürme auf teurem Baugrund sowie einen nagelneuen Kindergarten mit Türmchen wie ein Märchenschloss. Und statt roten Fahnen hängen überall Erdbeeren aus Plastik. Sie stehen für das bekannteste Erzeugnis der Sowchose.

Die knallrote Erdbeere wäre im Grunde auch das ideale Wahrzeichen von Pawel Grudinin, der bei der Präsidentschaftswahl in Russland am Sonntag antritt. Grudinin ist Haupteigentümer der Lenin-Sowchose und zugleich Spitzenkandidat der Kommunisten. Er wirbt für rote Politik, aber in einer neuen Form, die sie den Wählern schmackhaft macht. Unter Wladimir Putins sieben offiziellen Gegenkandidaten ist der Mann mit dem Charlie-Chaplin-Schnurrbart und dem dichtem grauen Haar der Einzige, dessen Resultat mit Spannung beobachtet wird.

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Russische Präsidentschaftswahl: Kremlchef gesucht

Man muss dazu wissen, dass Wahlen in Russland anderes bezwecken als in Deutschland. Es geht nicht darum, einen Sieger zu bestimmen - der steht ja schon vorab fest und heißt Putin. Es geht auch nicht darum, den Kurs des Landes zu diskutieren - Kritik am Kremlchef ist tabu, sogar im Wahlkampf. Die Wahlen haben vielmehr eine rituelle Funktion. Es geht um eine Art Schulterschluss von Volk und Präsident.

Grudinin-Plakat
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Grudinin-Plakat

Aber auch so etwas will gut organisiert sein. Es soll ja echt aussehen. Der Kreml braucht bewährte Sparringspartner: attraktiv genug, um Wähler in die Wahllokale zu locken, aber harmlos genug, um Putin nicht zu beschädigen. Auf der Rechten spielt der Polit-Clown Wladimir Schirinowski seit Jahrzehnten diese Rolle. Auf der Linken war es Gennadij Sjuganow: Mit dröhnender Stimme und ewig gestrigen Parolen sorgte er dafür, dass die Kommunisten dem Kreml nicht gefährlich werden konnten.

Erdbeeren für die Wähler

Nun aber haben sie ein neues Gesicht, und es ist ungewohnt. Grudinin ist ein Kritiker des Marktes, der vom Markt profitiert hat. Er ist ein Kapitalist mit sozialistischem Ehrgeiz. Er will ganz Russland so führen wie seine Erdbeerfarm, etwa so steht es in seinen Wahlkampfbroschüren. Man liest darin von den hohen Durchschnittsgehältern der Sowchose: 78.000 Rubel, das sind 1100 Euro. Viel Geld in einem krisengeschüttelten Land, in dem 22 Millionen Menschen offiziell in Armut leben. Sein Wahlprogramm verspricht niedrigere Hypothekenzinsen, Preiskontrollen, indexierte Renten.

Grudinin würde davon gern im Fernsehen erzählen. Aber bei den offiziellen Debatten - an denen Putin natürlich nicht teilnimmt - kommt er gar nicht dazu. Da wird bloß gekeift, geschrien und mit dem Inhalt der Wassergläser herumgespritzt. Vor allem aber hat sich herausgestellt, dass die kreml-kontrollierten Medien Grudinin ganz besonders aufs Korn genommen haben. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht gehässig über ihn, seine Schweizer Bankkonten oder angebliche Unregelmäßigkeiten in seinem Betrieb berichtet wird.

"Ohne Nawalny gäbe es keinen Grudinin"

Die Lenin-Sowchose ist tatsächlich nicht durch Erdbeeren reich geworden, sondern weil sie auf teurem Bauland liegt. Aber andere Betriebe am Moskauer Stadtrand existieren gar nicht mehr. Grudinin hat seine Sowchos-Mitarbeiter immerhin gegen feindliche Übernahmen verteidigen können. Und die Erdbeerproduktion hat er tatsächlich modernisiert, dazu hat er die Sowchose sogar in den "Verband Süddeutscher Spargelbauern und Erdbeerzüchter e.V." eintreten lassen.

Deshalb fragen sich viele: Was ist passiert, dass der Kreml jetzt so heftig über einen Politiker herziehen lässt, dessen Kandidatur doch abgesprochen war? Grudinin ist ja nicht Alexej Nawalny, der radikale Oppositionspolitiker, der die Regeln des Kreml völlig missachtet und deshalb auch nicht antreten darf.

"Ohne Nawalny gäbe es keinen Grudinin", erklärt der Politologe Gleb Pawlowski. Eben weil der einzig unabhängige Kandidat von der Präsidentschaftswahl ausgeschlossen wurde, brauchte der Kreml einen Ersatz, der für Farbe sorgt. "Zu Sowjetzeiten hat man in den Wahllokalen ein Buffet aufgebaut, um die Leute anzulocken", sagt Pawlowski. "Diesmal ist Grudinin eines der Häppchen, mit denen man die Menschen ins Wahllokal lockt."

Aber dann haben die Spindoktoren des Kreml offenbar gemerkt, dass Grudinin - anders als Sjuganow - auch in Putins Wählerschaft Anhänger findet. Schließlich hat auch Putin ein Programm, das Marktwirtschaft, Sozialpopulismus und patriotische Rhetorik verbindet.

Bisher werden Grudinin bis zu 14 Prozent der Stimmen vorhergesagt. Am Montag wird man wissen, ob die Anti-Grudinin-Kampagne dem Kandidaten eher geschadet oder eher genützt hat und ob er den Nationalisten Schirinowski ausstechen kann. Das ist ja das Schöne an Russlands Wahlen: Dass immerhin das Rennen um den zweiten Platz noch nicht vorab entschieden ist.

insgesamt 22 Beiträge
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lorgar 18.03.2018
1. Wir wissen doch alle, wie die "Demokratie" in Russland funktioniert
Sollte er sich irgendwann zu einer echten Gefahr für den Zaren entwickeln, wird man ihm irgendwelche Verbrechen anhängen, er wird entweder in einem Schauprozess direkt verurteilt werden (wäre nicht das erste mal in Russland), oder einfach wegen einer Vorstrafe nicht zur Wahl zugelassen (aktuelle Wahl), sodass die Scheindemokratie in Russland aufrecht erhalten werden kann. Schade eigentlich. Damals, als Boris Jelzin abtrat hatte ich ernsthaft gehofft, dass Russland es schaffen würde, ein demokratisches Land zu werden. Nach 18 Jahren Putin weiß ich es nun leider besser
hanshanshans 18.03.2018
2. Linken-Kandidat?
Pawel Grudinin ist ein Oligarch und nach wie vor ein Vertrauter von Wladimir Putin. Er tritt für die Kommunistische Partei Rußlands an. Wieso hier von Linken die Rede ist, bleibt das Geheimnis der SPON- Redaktion. Wenn man sich etwas gründlicher mit dem Mann beschäftigt, kommt man eher zum Schluß, daß hier schon langsam der Nachfolger von Putin für 2024 aufgebaut wird.
fabiofabio, 18.03.2018
3. Ach, lasst es doch jetzt einfach sein!
Seit Tagen trommelt man jetzt wieder gegen die Russen und speziell gegen Putin. Natürlich ist Russland (noch) keine gut funktionierende Demokratie. Aber die Leute, die das Chaos der 90er Jahre erlebt haben, sind zufrieden mit ihm! Der Lebensstandard hat sich für die Mehrheit verbessert, oder woher kommen denn die zig Millionen Touristen aus Russland in aller Welt? Der Bürger fühlt sicher sicher und viel freier als jemals zuvor. Der Ertrag, oder zumindest das meiste davon, der Rohstoffe landet heute in Sozialfonds oder der Staatskasse. Natürlich passt das dem US Kapital nicht, deswegen auch die ständige Hetzte gegen Putin, der ihnen den Fressnapf Ende der 90er Jahre vor dem offenen Mund weggezogen hat! Also, lieber Spon, lasst die Russen wählen, wie sie wollen und lernt, damit zu leben!
rational_bleiben 18.03.2018
4.
"Man muss dazu wissen, dass Wahlen in Russland anderes bezwecken als in Deutschland. Es geht nicht darum, einen Sieger zu bestimmen - der steht ja schon vorab fest und heißt Putin." Das soll dem Leser wohl sagen, dass Putin nicht die Mehrheit hätte, wenn die Wahlen bzw. vor allem der Wahlkampf in den Medien fair wären.
keine Zensur nötig 18.03.2018
5. Oh Herr - laß es Hirn regnen,
mehr fällt mir da nicht mehr ein. Auch geneigte SPON-Leser wissen, dass in Russland die Kommunisten diesen Erdbeerkapitalisten ins Rennen schickten, statt dem abgehalfterten Sjuganow - nur halt der Autor faselt von Linken. Und ja - Putin stand und steht als Sieger fest. immerhin erreicht er auch bei westlichen Umfragen exorbitante Zustimmungswerte. Bei uns ist alles besser. Entweder wird solange gewählt bis das Ergebnis stimmt oder unsere Königin sucht sich andere Sparringspartner. Folgt man deren Agieren unterscheidet sich unser System nicht wirklich vom russischen Kapitalismus - geht nur etwas softer zu. Der bisher einzige vernünftige Korrespondent war Herr Bidder.
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