Jugendrebellion in Russland Die Generation Putin geht auf die Barrikaden

Eigentlich wollte sich Russlands Präsident Putin ganz in Ruhe 2018 wiederwählen lassen - nun muss er erleben, wie die Jugend in seinem Land rebelliert. Jegor, Viktor und Anastasia verlangen endlich Antworten.

Von , Moskau


"Ich bin dieses Mal auf die Straße gegangen, ich gehe nächstes Mal und wieder und wieder, bis sich etwas in meinem Land ändert."

Es ist eine Kampfansage, sie kommt von einem 20-Jährigen: Viktor Ratkin, Politikstudent aus Moskau.

Viktor ist einer von Tausenden, die sich am Sonntag in Moskau versammelten, um gegen Korruption in ihrem Land zu protestieren. Landesweit demonstrierten mehr als 60.000 Menschen in 82 Städten. Viele der Teilnehmer waren jünger als 30 Jahre: Schüler und Studenten, ein Großteil protestierte zum ersten Mal überhaupt.

Viktor
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Sie trauten sich auf die Straße, scheinbar unerschrocken, obwohl die Kundgebung nicht genehmigt worden war. Sie kamen mit Turnschuhen um den Hals, eine Anspielung auf Premier Dimitrij Medwedews Vorliebe für teure Sneaker. Andere brachten Gummienten mit, noch eine Spitze, die auf Medwedews Entenhaus verweist, das zu seiner Luxus-Datscha gehört.

Der Oppositionelle Alexej Nawalny hat die angeblichen Reichtümer des Premiers dokumentiert, der Titel seines Videos lautet: "Nennen Sie ihn nicht Dimon" (Anm. d. Redaktion: Dimon ist die Kurzform von Dmitrij). Der Film zeigt Weinberge in Italien, Jachten und Villen in der Nähe Moskaus, gekauft über Stiftungen und Strohmänner.

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Massenproteste in Russland: Das Volk begehrt auf

Wie sehr Nawalny damit den Nerv getroffen hat, davon war nicht nur der Kreml, sondern auch der Oppositionspolitiker selbst angesichts der Teilnehmerzahlen an den Demonstrationen überrascht.

Für die Jungen verkörpert Nawalny so etwas wie Hoffnung. Da spricht einer mit dem Volk, der keine Berührungsängste hat, auf die Menschen zugeht, seit Jahren weiterkämpft, als gäbe es all die Repressionen und Arreste gegen ihn nicht.

Längst geht es für die jungen Menschen aber nicht mehr nur um die Korruptionsvorwürfe gegen Medwedew. Sie sind nur ein Symptom für die Lage Russlands. Für sie geht es um die Staatsmacht insgesamt, wie Viktor sagt: "Mein Land ist von Korruption zerfressen, das gesamte System ist verfault."

Hurra-Patriotismus des Kreml verfängt nicht

Viele der jungen Demonstranten kennen Russland nur unter Führung von Wladimir Putin; "Generation Putin" werden sie deshalb genannt. Die Demonstranten haben den Staatschef und seine Versprechen für ein stabiles Land satt: Sie wollen keine Stabilität um den Preis einer korrupten, unfreien und wirtschaftlich kriselnden Gesellschaft.

Sie kennen das Chaos und die Armut der neunziger Jahre nur aus Erzählungen. Der Hurra-Patriotismus und die Propaganda des Kreml erreicht sie nicht, weil sie die Staatsmedien kaum nutzen. Die "sowjetische Art der Kommunikation", wie es die Politikwissenschaftlerin Jekaterina Schulman ausdrückt, verfängt bei ihnen nicht.

Alexej Navalny
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Patriotische Erziehung sorgt gar für Widerstand: Schüler, die von ihren Lehrern gemaßregelt werden, da sie Nawalny unterstützen, schneiden dies auf Video mit wie in Brjansk (Lesen Sie hier eine Übersetzung von dekoder) oder in Tomsk, wo ein Lehrer gegen den Liberalismus wettert und seine Studenten als "Faschisten" und "nationale Verräter" beschimpft.

Solche Mitschnitte verbreiten sich schnell im Internet, werden hunderttausendfach geklickt. Die Jungen posten sie auf VKontakte, dem russischen Facebook, über Gruppen wie MDK (Momy doesn't know) oder die App Telegram. Dort organisieren sich die Jungen über Protestkanäle, einige haben mehrere tausend Mitglieder.

Viktor moderiert so eine Gruppe zusammen mit Jegor, Kurier und Geschichtsstudent aus Moskau. Im Sekundentakt laufen hier Nachrichten ein, darüber, dass Nawalnys Einspruch vor Gericht abgewiesen wurde, oder Putin die Proteste mit dem Arabischen Frühling oder dem Maidan vergleicht.

Wie lange diese Kanäle noch funktionieren? Keiner weiß es. Auch Jegor ist sich bewusst, dass die Überwachung zunimmt. Mitstreiter haben Anrufe des FSB bekommen. "Ich hatte auch Anrufe mit unbekannter Nummer, ich bin nicht ran gegangen. Ich weiß ja, wer dahinter steckt."

"Wenn Medwedew stiehlt, dann ist er nicht der einzige"

Jegor
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Jegor

Gerade 18 Jahre alt ist Jegor und er sagt Sätze wie diese: "17 Jahre sind dieselben Menschen an der Macht, geändert hat sich nichts. Ich bin müde."

Er war das erste Mal demonstrieren, auch wenn seine Mutter dagegen war - aus Angst, dass ihr Sohn verhaftet werden könne. Sein Vater ist mitgegangen. "Wenn Medwedew stiehlt, dann ist er nicht der einzige. Der Präsident ist sicher im Bilde", glaubt Jegor. Unsummen würden ausgegeben für Kriege in der Ukraine und Syrien, im Land aber Gelder für Bildung, Gesundheit und Soziales gekürzt.

"Sie haben Angst vor Änderungen"

Anastasia Batrakowa, 25 Jahre, Musikerin aus Moskau, drückt es so aus: "Ich empfinde es als beleidigend, dass meine Eltern nur eine mickrige Rente bekommen. Sie können sich kaum über Wasser halten und erhalten keine gute medizinische Versorgung." Sie ist vorher noch auf einer Demo gewesen, hat Szenen live auf Facebook gestreamt.

Als sie davon erzählt, klingelt ihr Handy. "Mein Mann. Er fragt, ob alles in Ordnung ist." Wieso er das mache? Es sei das erste Mal, dass sie zu politischen Themen interviewt werde.

Mit ihren Eltern spreche sie lieber nicht darüber, um sie nicht zu beunruhigen: "Sie haben Angst vor Änderungen." Auch Anastasia erwartet Antworten von ihrer Regierung. Dass Medwedew schweige, zeige ihr, dass zumindest ein Teil der Vorwürfe stimme, sonst könne er ja dagegen vorgehen.

Anastasia Batrakowa
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Anastasia Batrakowa

Die jungen Protestler müssen sich von Kreml-Sprecher Dimitrij Peskow anhören, sie seien bezahlt worden. Jegor lacht kurz, als er das hört: "Keiner wurde bezahlt, es ist unser Wunsch zu protestieren. De facto hält uns der Präsident doch für Extremisten." Die Menschen seien aber friedlich auf die Straße gegangen. Dennoch zählten Menschenrechtler über 1000 Festnahmen in Moskau.

Auch Viktor wurde festgenommen. Ihn hätten Spezialeinsatzkräfte von hinten gepackt, in einen Transporter gesperrt. Er habe gesehen, wie andere geschlagen worden seien. "Ich werde wohl eine Geldstrafe bekommen - und auf jeden Fall Einspruch dagegen erheben."

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Generation Putin

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Anna Skladmann / DER SPIEGEL

Viktor, Jegor und Anastia - alle drei glauben, dass es nicht die letzte Demonstration vor der Präsidentenwahl im März 2018 gewesen ist. Die hohe Zahl der Festnahmen habe den Unmut bei vielen Jungen nur noch verstärkt.

"Die Festnahmen zeigen, wer Angst hat", sagt Viktor. "Es sind nicht wir, es ist die Staatsmacht."

Mitarbeit: Tatiana Sutkovaya

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